Bürgermeister, Landräte, Vertreter der Verkehrsgesellschaften und der Verkehrsminister selbst kamen für die Unterschrift der VVS-Teil-Integration zusammen. Foto: Klormann

Wenn die Hesse-Bahn ab 2026 rollt, werden Fahrgäste nur ein Ticket von Calw nach Stuttgart brauchen. Die Strecke ist ab sofort in den VVS integriert – nach Jahren der Bemühungen.

Seit Jahrzehnten versucht der Kreis Calw in Sachen Verkehr Anschluss an die Region Stuttgart zu bekommen. Seit Jahrzehnten ohne Erfolg. Bis jetzt.

 

Am Mittwoch in dieser Woche haben die Verantwortlichen im Calwer Landratsamt den Vertrag unterschrieben, in dem eine Teil-Integration des Landkreises Calw in den Verkehrs- und Tarifverbund Stuttgart (VVS) festgeschrieben steht.

Hintergrund des Ganzen ist die Hermann-Hesse-Bahn, die am 31. Januar 2026 ihre erste richtige Fahrt antreten wird. Fahrgäste können nun von Beginn an mit nur einem Ticket von Stuttgart bis nach Calw fahren – und umgekehrt.

Um dieses besondere Ereignis zu würdigen, war am Mittwoch auch einer der unermüdlichsten Unterstützer der Hesse-Bahn in Calw zugegen: Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann.

„Da könnte man nachbessern“, meint Minister Hermann

Geld bringe er an diesem Tag zwar keins mit und unterschreiben werde er auch nicht; immerhin als Pate der Unterzeichnung wolle er aber doch dabei sein.

Denn Hermann bekannte, dass er es generell für wünschenswert halte, wenn sich Verkehrsverbünde zusammenschließen. Das sei im Interesse der Fahrgäste.

Entsprechend begrüßte Hermann die Teil-Integration. Er meinte aber, „da könnte man noch nachbessern“. Diesbezüglich wäre es schön, „wenn Stuttgart über seinen Verband-Region-Schatten springen“ und eine komplette Integration des Kreises ermöglichen würde.

Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann Foto: VVS

Hermann begleitet das „historische Projekt“ Hesse-Bahn schon seit langem. Noch bevor überhaupt wirklich die Rede davon war, habe einmal jemand mit Blick auf die alte Strecke zu ihm gesagt, „das können wir doch reaktivieren, das geht doch schnell“. Die Gleise würden ja schon liegen. „Das war eine leicht naive Unterschätzung des Projekts“, gab er zu.

Die Hesse-Bahn sei ein Leuchtturm-, aber auch ein Lehr- und Lernprojekt. Sie zeige: „Reaktivierung ist nicht ganz einfach.“ Manches wäre wohl schneller und günstiger vonstatten gegangen, hätte man vor Jahren gewusst, was man heute wisse. Fest stehe aber auch: Die Natur hole sich ungenutzte Infrastruktur zurück.

Und bei allen Kosten, über die oft geredet werde, dürfe eines nicht vergessen werden: „Wie teuer ist es gewesen, wie viel wir zerstört haben?“ Dass der Artenschutz nun so viel koste, liege daran, dass die Menschheit so viele Lebensräume vernichtet habe.

Und: „Man muss solche Projekte auch immer damit vergleichen: Was kostet ein Stück Autobahn?“ Hermann dachte dabei nicht zuletzt an die derzeit größte Autobahnbaustelle in Baden-Württemberg, die A 8 bei Pforzheim. Dort wird auf einer Länge von rund 4,8 Kilometern von zwei auf drei Fahrstreifen pro Fahrtrichtung erweitert – für mehr als 340 Millionen Euro.

Der Zug könnte auch „Hermann-und-Hesse-Bahn“ heißen

Calws Landrat Helmut Riegger würdigte Hermanns Verdienst um die Hesse-Bahn. Diese seien so groß, dass der Zug eigentlich auch „Hermann-und-Hesse-Bahn“ statt Hermann-Hesse-Bahn hätte heißen können.

Doch ob er die Reaktivierung mit dem Wissen von heute wirklich in Angriff genommen hätte? „Ich weiß nicht“, meinte Riegger zunächst. Wahrscheinlich aber schon. Weil es richtig sei und das, was die Menschen wollen: moderne und komfortable Mobilität.

Die Beteiligten unterschreiben die Vereinbarungen. Foto: Klormann

Eine Aufgabe für die Zukunft sei es aber, einen Blick auf die Planfeststellungsverfahren zu werfen, diese schneller und einfacher zu gestalten. Dann gebe es auch wieder mehr Verkehr auf der Schiene.

Die Teil-Integration in den VVS bezeichnete Riegger als Meilenstein. „Wir arbeiten jetzt seit über 14 Jahren daran“, so der Landrat. Ein weiteres Ziel könne es sein, die Region um Bad Herrenalb in den Karlsruher Verkehrsverbund KVV zu integrieren.

Integration des ganzen Kreises nicht ganz einfach

Dass der Kreis Calw nun zum Teil zum VVS gehört, war zweifelsohne ein Projekt, das an vielen Stellen ausgearbeitet wurde. In einer kurzen Runde kamen am Mittwoch daher auch weitere Akteure zu Wort.

Rainer Wieland, Vorsitzender des Verbands Region Stuttgart, meinte etwa, eine Integration des gesamten Landkreises Calw in den VVS werde vermutlich nicht ganz einfach und „sicher bei uns noch erhebliche Diskussionen“ hervorrufen. Zum Verband gehören die Landkreise Böblingen, Esslingen, Göppingen, Ludwigsburg und Rems-Murr sowie die Stadt Stuttgart.

Der Böblinger Landrat Roland Bernhardt stimmte ihm zu. Eine Erweiterung müsse „Schritt für Schritt“ erfolgen und sei kein Automatismus. Grundsätzlich sei er jedoch seit langem ein großer Befürworter, eine Verbindung mit der Region Stuttgart zu schaffen. Das habe er schon 1996 versucht, damals noch als Verkehrsdezernent des Landkreises Calw – und er sei immer „abgeblitzt“.

Gisela Volz, Geschäftsführerin Verkehrsgesellschaft Bäderkreis Calw, bekannte, sie hätte sich gewünscht, gleich den ganzen Landkreis zu integrieren. Doch auch dieser erste Schritt sei ein Fortschritt.

3100 Fahrgäste pro Tag? Geschäftsführer rechnet mit mehr

„Zu Stuttgart gehören wir schon immer“, meinte Calws Oberbürgermeister Florian Kling. Viele aus der Region Calw arbeiteten in Stuttgart oder im Kreis Böblingen; von dort wiederum kämen die Menschen, um sich in der hiesigen Natur zu erholen.

Frank von Meißner, Geschäftsführer des Zweckverbands Hermann-Hesse-Bahn, meinte, Eisenbahnleute hätten immer zuerst den Blick auf Infrastruktur, also Brücken, Tunnel und Gleise. Aber: „Wir machen das ja alles für die Fahrgäste.“ Und für die sei die VVS-Integration ein großer Mehrwert. Mit Fahrgästen rechnet von Meißner indes reichlich. Schätzungen gehen von rund 3100 pro Tag aus. Der Geschäftsführer geht davon aus, dass „wir das sehr schnell überschreiten werden“.

Integration des Landkreises Göppingen lieferte eine Blaupause

Und Cornelia Christian, VVS-Geschäftsführerin, erklärte, dass es dank der Teil-Integration des Landkreises Göppingen in den VVS bereits eine Blaupause gegeben habe, an der sich die jetzt erfolgte Teilintegration orientieren konnte. Das habe alles auch politisch einfacher gemacht.