Claudia Bollinger und Manuel Dürr leiten das Kinderdorf im Jubiläumsjahr. Foto: Verena Slama

Aus der „Kinderrettungsanstalt“ ist im Laufe der Jahre eine große soziale Einrichtung geworden.

Das Kinderdorf blickt in diesem Jahr auf eine 200-jährige Geschichte zurück. Dabei geht es auch um aktuelle Aufgaben – von Jugendhilfe über Bildung bis zu neuen Schutzkonzepten.

 

„Der erste große Meilenstein für uns wird der 15. März sein“, sagt Vorstandsvorsitzende des Kinderdorfs Claudia Bollinger. Am Vormittag des 15.März findet ein Festgottesdienst in der Martinskirche statt, nachmittags folgt ein Festakt in der Turnhalle. „Es sollte sich bei dem Festakt das Thema „win Ort voller Leben“ wiederfinden“, sagt der kaufmännische Vorstand Manuel Dürr. Auf dem Podium werden deshalb verschiedene Perspektiven vertreten sein: Eine Schülerin und ein Schüler, eine Lehrerin, ein ehemaliger Schüler sowie ein Elternteil. „Experten sind im zweiten Teil eingeladen, um zu versuchen, das Thema über den Rand des Kinderdorfs hinauszutragen“, so Dürr.

Viele Aufgaben

Neben Schule und Jugendhilfe gehören auch Technik, Hauswirtschaft und Küche zum Kinderdorf. „Wir haben eine eigene Verwaltung, Buchhaltung, organisieren die Schülerbeförderung selbst und haben ein Personalbüro – alles, was man sonst nicht an einer Schule hat. Da merkt man, dass wir eine soziale Einrichtung sind.“

650 Mahlzeiten täglich

Die Küche versorgt nicht nur die Kinder von montags bis donnerstags, sondern auch andere Einrichtungen: „Wir kochen 650 Essen am Tag und liefern auch an umliegende Kindergärten, Horte und Schulen“, erklärt Bollinger. Man bilde in der Hauswirtschaft auch aus. Zudem sei das Kinderdorf Praxispartner der Internationalen Hochschule IU für ein duales Studium der Sozialen Arbeit.

Jugendhilfe aufgebaut

Ein Auslöser für das Angebot war die Situation während der Flüchtlingsbewegung 2015/16. „In der ersten großen Flüchtlingswelle hat der Landkreis bei uns angefragt und die Jugendlichen sind bei uns im Römer-Bau eingezogen“, sagt Bollinger. Inzwischen gibt es mehrere Angebote: „Grundsätzlich ist im Bereich der Jugendhilfe die Nachfrage enorm“, sagt Dürr.

Schülerfirma als Projekt

Ein besonderes Projekt ist die Schülerfirma der Klassen 7 bis 9. „Darauf sind wir sehr stolz“, sagt Bollinger. Die Schüler produzieren dort unter anderem Müsli, Kekse, Knäckebrot oder Pesto und lernen dabei wirtschaftliche Abläufe von Produktion bis Marketing kennen. „Das ist Berufsvorbereitung im praktischen Sinn, die Schüler lernen unheimlich viel.“

Aufarbeitung

In der Heimgeschichte kam es – wie in vielen Einrichtungen – zu Missbrauchsfällen. „Wir müssen Verantwortung übernehmen“, sagt Bollinger. Derzeit arbeitet die Einrichtung an einem neuen Schutzkonzept, wozu es in den vergangenen Monaten eine Befragung der Kinder gab.

Im Jubiläumsjahr soll dieses Thema sichtbar bleiben. „Im Rahmen des Jubiläums wird das immer wieder thematisiert“, sagt Dürr. Ein Stelenweg zur Geschichte wurde im Zeichen des Jubiläums errichtet und ist ab Montag öffentlich zugänglich.

Sprachheilzentrum und Jugendhilfe

Das Kinderdorf Calw
ist eine diakonische Einrichtung und besteht aus den beiden Einrichtungen Sprachheilzentrum und Jugendhilfe. Der Trägerverein hat es sich zur Aufgabe gemacht, diakonisches Handeln im Bereich der Jugend- und Behindertenhilfe zu verwirklichen. Als Dienstgemeinschaft wird Verantwortung für mehr als 350 Kinder und Jugendliche übernommen, „die uns anvertraut sind und in ganz unterschiedlichen Phasen ihres Lebens bei uns betreut werden“, heißt es vonseiten des Kinderdorfs. Beide Einrichtungen sind mit ihren verschiedenen Abteilungen auf dem großzügigen Gelände mit vielen Möglichkeiten der Sport- und Freizeitgestaltung untergebracht. Das Dorf soll für Kinder und Jugendliche ein Ort sein, an dem sie ungestört lernen können, ihre sprachlichen Probleme bewältigen können, aber auch in besonderen Lebenssituationen ein neues Zuhause finden können.