Fenster in die Welt, in der wie leben: das Stuttgarter Literaturhaus Foto: dpa/dpa

Das Stuttgarter Literaturhaus feiert Geburtstag. Es ist viel mehr als nur eine Lesebühne, sondern ein Raum des Austauschs – und in einer Zeit der großen gesellschaftlichen Spaltungen wichtiger denn je.

Stuttgart - Genau dort, wo sich das Grab des großen Klassiker-Verlegers Johann Friedrich Cotta befinden soll, steht heute in Stuttgart das Literaturhaus. Und als wäre dieser ideelle Hausgott nicht genug, spukt durch seine Räume auch noch der Geist des Unternehmers Robert Bosch, dessen industrielle Ideenschmiede hier einmal ihren Sitz hatte. Man könnte versucht sein, aus dieser spirituellen Kooperation abzuleiten, was an diesem Ort in den letzten 20 Jahren entstanden ist: Eines der bedeutendsten Häuser dieser Art im deutschsprachigen Raum, getragenen von einem Private-Public-Partnership-Modell, in dem bürgerschaftliches Engagement mit den ortstypischen Eigenschaften von Großzügigkeit und Berechnung, Geist und Wirtschaftlichkeit auf ziemlich singuläre Weise zusammenwirken.

 

An diesem Donnerstag feiert das Literaturhaus seinen zwanzigsten Geburtstag. Doch um die Bedeutung dieser weit über die Stadt hinausstrahlenden Institution zu ermessen, muss man gar nicht in der Gründungsgeschichte graben, es reicht ein Blick in die Gegenwart. Man könnte die Chronik der laufenden Ereignisse entlang des Programms des Hauses erzählen, das häufig schon auf Reize reagiert, bevor sie die Schwelle des öffentlichen Bewusstseins erreichen. Denn von Anfang an war das umgewidmete Industriedenkmal im Bosch-Areal mehr als nur eine Lesebühne für prominente Namen des literarischen Lebens, sondern eine Werkstatt, in der die drängenden Fragen der Zeit bearbeitet werden.

Zwischen Halbhöhe und WG

Mit dem Scheitern oder dem Hochstapeln gewidmeten Festivals wurden auf so unterhaltsame wie inspirierende Weise die Betriebsgeheimnisse der Leistungsgesellschaft gelüftet. Noch bevor ihr Land auseinanderbrach, diskutierten Gäste aus der Ukraine über Kunst und Literatur im Spannungsfeld der politischen Entwicklungen Osteuropas. Und kaum kamen die ersten Vorboten dessen ins Land, was später einmal „Flüchtlingskrise“ genannt werden würde, eröffnete man hier die Debatte darüber. Der Gesprächsfaden reißt nicht ab bis in die jüngsten Themenabende, die sich mit der großen Gereiztheit unserer Tage auseinandersetzen.

Gegen die grassierende Spaltungsbereitschaft findet sich hier ein Raum des Austauschs, der die unterschiedlichsten Kreise zusammenbringt und die bildungsbürgerliche Halbhöhe ebenso umgreift wie die WGs junger Leute, welche die Lesungsreihe „Zwischenmiete“ bespielt. Ein Stuttgarter Alleinstellungsmerkmal ist zudem das literarisch-pädagogische Zentrum, das Literaturhauserfahrungen für die Lehrerausbildung fruchtbar macht.

Mit konzeptioneller Energie und erfindungsreichem Galgenhumor hat sich das Team um Stefanie Stegmann, die die Leitung 2014 von dem Pionier Florian Höllerer übernommen hat, den Wellen der Pandemie entgegengestemmt. Deren - hoffentlich - letzte überschattet auch dieses Jubelfest. Während anderswo Land unter herrschte, wurde hier munter gestreamt und mit hochkarätig besetzten Hybridveranstaltungen ein breites Publikum erreicht.

Unverzichtbar und gefährdet

Doch die Pandemie hat nicht nur gezeigt, was man an einer Einrichtung wie dieser hat, sondern auch wie gefährdet der Grund ist, auf dem sie ruht. Weit mehr als die Hälfte des jährlichen Etats müssen aus eigener Kraft gestemmt werden, über Vermietungen, Eintritte, Projektanträge und Drittmittelakquise. Und einer der wichtigen Pfeiler, die Gastronomie, ist von der Corona-Krise gefährlich unterspült worden.

Das Literaturhaus ist nicht mehr wegzudenken. Stadt und Land stehen in der Pflicht, dass dieser Ort für mutige Experimente seine Arbeit an den Schnittstellen zwischen Idee und Wirklichkeit weiterführen kann. Es liegt im Interesse aller, dass jene von keiner Kausallogik zu ergründenden Zusammenhänge und „zerstreuten Reminiszenzen“ in den Blick genommen werden, die der dritte und vielleicht wichtigste im Kreis der Hausgötter, der Autor W. G. Sebald, in seiner legendären Eröffnungsrede vor 20 Jahren umrissen hat.