Großer Bahnhof: Zur Feier der 20. Geburtstags der Ausstellung „Spurensicherung – Jüdisches Leben in Hohenzollern“ war viel politische Prominenz erschienen. Aber auch viele geschichtsinteressierte Menschen aus Haigerloch und Umgebung nahmen teil.
So voll war die der Platz vor Synagoge wohl zum letzten Mal, als die Dauerausstellung im Sommer 2004 eröffnet worden ist.
Helmuth Opferkuch, Vorsitzender des Gesprächskreis Ehemalige Synagoge begrüßte unter den vielen Festgästen vor allem die Präsidentin des baden-württembergischen Landtags, Muhterem Aras, Landrat Günther-Martin Pauli, Bürgermeister Heiko Lebherz und Cornelia Hecht-Zeiler als Direktorin des Hauses der Geschichte Baden-Württemberg.
Der Ort hat aus Sicht der Landtagspräsidentin seine Würde wiedererlangt
„Spurensicherung – welch ein genialer Name für diese Ausstellung“, sagte die Landtagspräsidentin. Denn die ehemalige Synagoge sei zum einen ein Tatort, an dem unfassbare Verbrechen geschehen seien, zum anderen sei sie ein Ort, wo die noch vorhandenen Spuren jüdischen Lebens behutsam bewahrt und dokumentiert würden.
Im Gegensatz zu einem kriminalistischen Tatort seien hier die Täter bekannt – wer aber waren die Opfer?, fragte Aras. Die Ausstellung beschränke sich daher nicht auf das Verbrechen, sondern beleuchte auch die langen Geschichte jüdischen Lebens in Haigerloch – und die Zeit, nachdem es erloschen war.
Muhterem Aras dankte vor allem dem Gesprächskreis Ehemalige Synagoge. Er habe den Ort nach seine „Umnutzung“ als Kino , Lager und Supermarkt in den Jahrzehnten nach der Nazidiktatur wieder zu seiner früheren Würde verholfen.
Der Ort hat aus Sicht der Landtagspräsidentin seine Würde wiedererlangt
Der Geburtstag der Dauerausstellung, so die Landtagspräsidentin weiter, falle mit dem Jubiläum „75 Jahre Grundgesetz“ zusammen, und es müsse immer wieder daran erinnert werden, vor welchem Hintergrund dieses Grundgesetz entstanden sei. Demokratie und Gedenkkultur gehen zusammen, so Aras.
Dass die Demokratie heute wieder gefährdet sei, bezeichnete sie als Schande. Aras forderte im Hinblick auf das Erstarken von rechtsextremen Parteien und Strömungen die Gesellschaft auf, Haltung zu zeigen gegen Antisemitismus und Rassismus. Dies sei nicht nur Aufgabe des Staates. Dem Gesprächskreis sicherte sie die Unterstützung des Landtags für die Gedenkstättenarbeit zu, denn: „Wir brauchen das Gedenken jedes Jahr mehr“.
Landrat Pauli fordert zum Dialog auf
Landrat Günther-Martin Pauli freute sich vor allem, dass alle Generationen bei der Feier vertreten waren, denn, so Pauli: „Demokratie bedeutet Mitmachen“. In einer Zeit, in der demokratische Grundrechte zunehmend in Frage gestellt werden, forderte er einen interreligiösen und interdemokratischen Dialog, denn man dürfe niemanden auf der Strecke liegen lassen.
Bürgermeister Heiko Lebherz hob das Engagement von Haigerlochs früherem Bürgermeister Roland Trojan für den Kauf der Synagoge und die Einrichtung der Gedenkstätte hervor. Er dankte auch den vielen ehrenamtlich tätigen Mitgliedern des Gesprächskreises und dessen Förderern. Sie alle würden dafür sorgen, dass die Geschehnisse um die Judenverfolgung ein Gesicht erhielten. Die ehemalige Synagoge sei ein Lehr- und Lernort, und – so hoffte es der Bürgermeister – eine Mahnung an künftige Generationen. Sein Dank ging auch an die Schulen für ihre Mitwirkung bei der Gedenkarbeit.
Direktorin des Hauses der Geschichte erinnert an die Anfänge 2003
„Die Dauerausstellung zeigt einen Verlust, der nicht zu heilen ist“, meinte Cornelia Hecht-Zeiler vom Haus der Geschichte. Sie erinnerte an die Anfänge der Dauerausstellung im Jahr 2003, als das Gebäude gerade frisch renoviert gewesen sei. Das Synagogengebäude sei zuvor gezeichnet gewesen von der „Geschichte danach“ und seiner Nutzung als Kino und Supermarkt. Etwas, so merkte sie an, was die Haigerlocher damals nicht als anstößig empfunden hätten. Auch Spuren dieser „Umwidmung“ seien in der Dauerausstellung zu sehen.
Hecht-Zeiler schilderte das Zusammentragen von Dokumenten und Objekten, ein Glücksfall sei damals das Archiv des Fotogeschäfts Weber gewesen. Die Museumsexpertin würdigte die Leistung der Gründer des Gesprächskreises Klaus Schubert, Helmut Gabeli, Robert Frank und Wilfried und Gertrud Selinka.
Helmuth Opferkuch beleuchtete die Geschichte der Juden in Haigerloch, die im 14. Jahrhundert begonnen hatte. Gerade Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts sei sie von einem guten Miteinander und einem gemeinsamen gesellschaftlichen Leben mit den anderen Konfessionen geprägt gewesen. Um so brutaler war aus seiner Sicht deshalb die schrittweise Entrechtung und letztendlich Vernichtung des jüdischen Lebens. Von Haigerloch aus seien nicht nur die alteingesessenen Juden deportiert worden, sondern auch viele, die aus anderen Städten hierher zwangsumgesiedelt und ab 1941 schließlich in den Tod geschickt worden seien. 1942 sei die jüdische Gemeinde ausgelöscht gewesen.
Beide Haigerlocher Schulen sind in die Feierstunde eingebunden
Opferkuch dankte den Initiatoren des 1989 gegründeten Gesprächskreises. Die Akzeptanz des Gedenkens nehme im Städtle gerade durch die Einbindung der Schulen in die Gedenkstättenarbeit wieder zu.
Die Gedenkfeier wurde von der Bläsergruppe der Eyachtalschule sowie von Carlotta Koch und Mechthilde Fingerle musikalisch umrahmt. Über szenische Darbietungen unter dem Titel „...und dann war das Haag leer...“ berichten wir noch.