Die deutsche Wirtschaft schwächelt und der Mittelstand ganz besonders. Woran das liegt und was zu tun wäre, darum ging es am Mittwoch im „2. Albstädter Wirtschafts- und Hochschulgespräch“. Wie sich zeigte, gibt es keine einfachen Antworten.
Das Motto des Abends war eine verbale Drohgebärde: „Stillstand in Deutschland – anpacken oder abwandern?“, hatten die Veranstalter als Frage in den Veranstaltungstitel hineingeschrieben. Jens Meiser, Chef der Tailfinger Firma Carl Meiser und an diesem Abend Referent und Co-Moderator in einem, versicherte den rund 70 erschienen Gästen – vornehmlich Unternehmerkollegen – , dass man noch giftiger hätte werden können: Die Alternative „... oder leise sterben“ hätte es auch noch gegeben.
Wobei Meiser keiner ist, der leise stirbt: Schon vor anderthalb Jahren hatten er und mehrere Gesinnungsgenossen an gleicher Stelle mit zwei Sargattrappen im Schlepptau auf die Nöte des Mittelstands hingewiesen; sein Kassandraruf am Mittwoch fiel zwar – ohne Sarg – weniger plakativ aus, aber vielleicht gerade deshalb umso wirkungsvoller. Er betraf, anders als mancher erwartet haben mochte, nicht allein die Berliner Ampel-Koalition, sondern die ganze Nation: Die anhaltende Konjunkturflaute und die Depression, die sich seit zwei Jahren breit mache, sei gar nicht so sehr der Inflation, den Energiepreisen und dem Ukraine-Krieg geschuldet, sondern Entwicklungen, die viel weiter zurückreichten und nicht durch das Umlegen eines Kippschalters abzustellen seien.
„Die Wertschöpfung kommt aus der Industrie“
Was für Entwicklungen? Die deutsche Wertschöpfung – „für die ist die Industrie zuständig, nicht die Dienstleister“ – schrumpfe unaufhaltsam, desgleichen die Zugewinne der Produktivität, mit denen das Land jahrzehntelang seine sozialen Wohltaten finanziert habe, und der werktätige Bevölkerungsanteil. Neue Arbeitsplätze würden nicht in der Produktion geschaffen, sondern in den Verwaltungen.
Wobei Meiser, wie er versicherte gegen Kindergartenbetreuung nichts einzuwenden hat. Wohl aber gegen eine monströse, „total übergriffige“ Bürokratie, gegen Schulen, die trotz hohen Aufwands nicht des Bildungsnotstands Herr würden, gegen eine chronisch innovationsfeindliche Förderpraxis – „bis die alles geprüft haben, ist der Markt verlaufen“ – , gegen fehlende Planungssicherheit und Kontinuität und natürlich gegen von weit her kommende Vernachlässigung der Infrastruktur – ob es nun Straßen, Gleise oder Datenautobahnen seien. Meiser malte dieses Schreckensbild übrigens nicht nur verbal an die Wand, sondern auch als Kreation einer KI mit dem Beamer – es zeigte eine lange graue Menschenschlange ein ausgetrocknetes, betoniertes Bachbett und bröckelnde Altbauten.
„Vier Gutachten pro Bebauungsplan sind zuviel“
Danach herrschte erst einmal betretenes Schweigen – praktisch jeder, der in der Folge sprach, erklärte, die Bestandsaufnahme sei korrekt. Auch Roland Tralmer, der OB, der seine Verwaltung zwar ausdrücklich in Schutz nahm, aber einräumte, dass die Digitalisierung im Rathaus nur schwer vom Fleck komme, dass der Kunde noch immer Marken ziehe – „wie beim Steinhart, aber ohne Wurst“ – , und dass vier Gutachten pro Bebauungsplan nicht eben zur Verfahrensbeschleunigung beitrügen.
Was also wäre zu tun? Der Vorschlag von Hochschulrektorin Inge Mühldorfer, methodisch vorzugehen und erst einmal einen „Meilensteinplan“ zu erstellen, wurde eher mit Skepsis aufgenommen – für die allermeisten im Saal war der Vielfrontenkrieg im Büro offenbar Alltag. Überhaupt scheint ein Übermaß an Komplexität das Hauptproblem zu sein und die Deutschen in einer Fülle von Gutgemeintem zu ersticken. „Es muss ausgemistet; es muss weniger werden. Jeder von uns muss sich fragen, wovon er den anderen entlasten und auf welchen Service er verzichten kann“, erklärte ein Gast und erhielt dafür von praktisch der gesamten Runde kopfnickenden Beifall.
Nicht zuletzt, weil er den Besen vor der eigenen Haustür ansetzte. Das zur Volkskrankheit gewordene Sicherheitsbedürfnis, die erstickende Vollkasko-Mentalität, die überbordenden Ansprüche – „das sind wir selber“, resümierte Jens Meiser. Der Vorteil daran: Was man selber falsch macht, kann man auch selber ändern. Bloß leicht dürfte es nicht fallen.