Der alte Wasserturm zeugt noch von dem einst riesigen Areal der „Färberei & Appretur Schusterinsel“ im Weiler Ortsteil Friedlingen. Foto: Holger Schlicht

Vier Schweizer Firmen ist es zu verdanken, dass der Ortsteil Friedlingen vor 125 Jahren Textilgeschichte schreiben konnte. Bei einer Führung wurde diese Zeit wieder spürbar.

Vor 125 Jahren, am 1. Juni 1901, wurde die Färberei & Appretur (FAS) von vier schweizerischen Unternehmen übernommen und eine GmbH gegründet. Stadtführer Joachim Kempf nahm am vergangenen Sonntag dieses Jubiläum zum Anlass, auf die Zeit der Textilindustrie in Friedlingen zurückzublicken.

 

Er ging auf Spurensuche und zeigte den zahlreich erschienenen Teilnehmern, welchen Einfluss das größte, jemals in Weil am Rhein beheimatete Unternehmen bis heute auf den Stadtteil Friedlingen hatte.

Die Färberei und Appretur Schusterinsel war der größte der Weiler Textilbetriebe und der größte private Arbeitgeber, der jemals in Weil am Rhein ansässig war. Die erste Gründung der Färberei und Appretur fand zwischen 1880 bis 1882 durch die Fabrikanten Louis und Dietsch aus Mühlhausen (Frankreich) statt.

Das Areal war 8600 Quadratmeter groß, davon waren 1977 Quadratmeter mit einer der damaligen Zeit entsprechend modernen und leistungsfähigen Strangfärberei und Appretur-Anstalt bebaut.

Im Jahr 1884 musste das Unternehmen aufgrund wirtschaftlicher Schwierigkeiten wieder geschlossen werden. 1885 wurde das Unternehmen durch ein Konsortium, bestehend aus Einzelkaufleuten und Textilunternehmen des Mühlhauser und Basler Bezirks übernommen und die „Aktiengesellschaft Schusterinsel“ gegründet.

Der Name Schusterinsel stammt von der gleichnamigen ehemaligen Rheininsel die zwischen dem Fabrikgelände und dem Flusslauf liegt. Die Schusterinsel war über mehr als 100 Jahre ein wichtiger Brückenkopf der Festung Hüningen.

Im Jahr 1901 ging die Aktiengesellschaft trotz wiederholter Erhöhung des Grundkapitals erneut Konkurs. Anfang Juni 1901 erfolgte dann die Gründung der Färberei und Appretur Schusterinsel GmbH durch die Übernahme des gesamten Unternehmens durch die vier namhaften Basler Färbereien Laube Söhne, Fritz Lindenmeyer & Co., A. Lotz & Co. und Josef Schetty Söhne und die Seidenstoffappretur Zürich.

Die Liegenschaft war zu diesem Zeitpunkt bereits auf 35.543 Quadratmeter Fläche angestiegen, davon waren 7945 Quadratmeter bebaut. Joachim Kempf hatte einige Bilder und Pläne aus diesen vergangenen Tagen dabei, die er den interessierten Teilnehmern zeigen, beziehungsweise aushändigen konnte.

Joachim Kempf (Mitte) erzählt interessierten Teilnehmern der Führung Wissenswertes über das Färberareal. Foto: Holger Schlicht

Zum großen Färberstreik kam es im Jahr 1913 bei der FAS, Clavel & Lindenmeyer und Schetty. Der Grund für den Streik war, dass die Färber zuvor einen Tarifvertrag und den Neun-Stundentag gefordert hatten und die Arbeitgeber darauf nicht einmal geantwortet hatten.

Färber gehörten zu den am schlechtesten bezahlten Berufen

Die Färber gehörten wie die Seidenbandarbeiterinnen zu den am schlechtesten bezahlten Berufen. Die Mitarbeiterzahl lag 1914 bei 1200 Mitarbeitern.

Das Ende des Streiks war für die Textilfärber nach den Worten des katholischen Basler Volksblatts demütigend und erniedrigend. Jeder, der sich zur Arbeit zurückmeldete, hatte im Portierhaus sein Entlassungsschreiben und seine Invalidenkarte vorgefunden.

Im Jahr 1939 wurde der Betrieb evakuiert und die wesentlichen Abteilungen auf drei Standorte nach Bad Säckingen, Schopfheim und Öflingen verteilt. Dafür waren einst Eisenbahnwaggons nötig und der eigene Fuhrpark legte 294.000 Kilometer zurück. Es wurden jedoch nur 40 Prozent des Betriebs verlagert.

Artilleriebeschuss hinterlässt starke Schäden

Nachdem Artilleriebeschuss im Zweiten Weltkrieg der Jahre 1944/45 gab starke Schäden hinterlassen hatte, begann der Wiederaufbau, der Jahre dauerte. Die Abteilungen wurden erneut mit demselben großen Aufwand zurückgeführt. Die Maschinendruckabteilung war 1960 zu Gunsten des Filmdrucks aufgegeben worden.

In den Jahren 1973/74 wurde der Betrieb stillgelegt und im Jahr 1987 kaufte die Stadt Weil am Rhein das Gelände und ließ die meisten Gebäude abreißen. Zwei Jahre später wurde das Technologiezentrum gebaut, ein Jahr danach das Kesselhaus abgerissen und der Kamin gesprengt.

Alter Wohnblock in der Klybeckstraße

Im Jahr 1992 baute Endress+Hauser ein großes Firmengebäude auf das Gelände und es entstanden Wohn - und Geschäftshäuser in der Hauptstraße, Blauenstraße und Schusterinsel. 2007 wurde die Colab-Galerie erbaut.

Derzeit wird ein Wohngebäude mit 230 Wohnungen von dem Unternehmen Strenger entlang der Hauptstraße errichtet. Außer dem alten Wasserturm steht also nicht mehr viel von dem einst riesigen Färberareal mit seinen verschiedenen Gebäuden auf der Schusterinsel in Friedlingen.

Kempf beendete die sehr informative und interessante Führung in der Klybeckstraße, in der noch ein alter Wohnblock übrig geblieben ist.