Der Kampf ist nicht vorbei, den Terroristen am 11. September 2001 eröffneten. Warum sie ihn nicht gewinnen, schreibt Christoph Reisinger in diesem Kommentar.
Stuttgart. - Was für ein Grauen, was für eine Wucht! Die wahllose Vernichtung Tausender Menschenleben durch islamistische Verbrecher, die Passagierflugzeuge entführten und in die Zwillingstürme des New Yorker World Trade Center lenkten, hat sich weltweit tief ins kollektive Gedächtnis eingegraben. Vergleiche, die schon an jenem 11. September 2001 diese Schandtat in ihrer politischen Dimension auf eine Ebene mit Japans Überraschungsangriff auf die US-Pazifikflotte in Pearl Harbor 1941 rückten, griffen eher zu kurz. Konflikte, Verwerfungen, Probleme, die damals begannen, währen bis heute.
Wie damals in Pearl Harbor
Aber – und das ist die wichtigste Bilanz – so wenig der Untergang so vieler Amerikaner mit ihren Schiffen in Pearl Harbor die USA oder einen ihrer Verbündeten in die Knie zwingen konnte, so wenig gelang das dem Terror. Die Angreifer kassierten schon am Tag der Tat die erste schwere Niederlage: gegen die Fluggäste und Besatzungsmitglieder, deren heldenhafter Aufstand verhinderte, dass eine weitere entführte Maschine wie geplant im US-Verteidigungsministerium einschlug. Der Tod aller Menschen in diesem Flugzeug war der hohe Preis dafür.
Werte und Maß bleiben auf der Strecke
Generell haben die USA und auch ihre Verbündeten in den vergangenen 20 Jahren einen enorm hohen Preis bezahlt im Kampf für ihre Freiheit. Höher als nötig. Zwar wurden die Täter und ihre wichtigsten Hintermänner gefasst oder getötet. Aber weitere Tausende Amerikaner und noch sehr viel mehr Bürger anderer Länder starben in den Kriegen, die Amerika danach entfesselte – vor allem in Afghanistan und im Irak.
Werte, Maß und Orientierung blieben mitunter auf der Strecke. Mehr als alles andere stehen dafür der Betrieb des US-Folterlagers Guantánamo für Terrorismusverdächtige und der törichte Angriff auf den Irak.
Bürgerrechte weltweit unter Rechtfertigungsdruck
Dadurch verloren Amerikas Demokratie und Gesellschaftssystem an Substanz und an Glaubwürdigkeit. Der Nahe und der Mittlere Osten wurden nachhaltig destabilisiert. Die Taliban in Afghanistan machten sich als treue Gastgeber der Urheber jener Terrorattacken zum Angriffsziel, und das zu Recht. Absurd hingegen, dass gleichzeitig Saudi-Arabien gehätschelt wird. Die saudische, wahhabitische Staatsideologie bildet bis heute die ideelle Grundlage des islamistischen Terrorismus. Neue Banden wie der Islamische Staat entstanden. Sie wüten in vielen Ländern. Im Zuge der Terrorabwehr gerieten Bürger- und Freiheitsrechte weltweit unter Rechtfertigungsdruck und in Gefahr.
Hass und Gewalt
Trotz alledem: Deutschland beteiligt sich aus gutem Grund seit 2001 am Kampf gegen Terroristen. Unvergessen: Damals kamen einige der Haupttäter aus Hamburg. Alles andere als Solidarität mit Amerika wäre nach Jahrzehnten amerikanischer Solidarität mit Deutschland schäbig. Vor allem haben die vielen Anschläge in Europa nach 2001 gezeigt: Der Hass und die Gewalt der Terroristen – nicht nur der islamistischen – richten sich gegen alle freien demokratischen Gesellschaften, deren Werte und Lebensstil. Ein Glück, dass es die Deutschen im Kampf gegen diese Form von Kriminalität nicht so schwer erwischt hat wie etwa Briten, Indonesier oder Malier. Aber das ist nur ein vorläufiger Befund. Denn mit den Tätern von damals ist der Terrorismus ja leider nicht verschwunden. Als Globalisierungsfolge bedroht er Menschen, bedroht er die Freiheit vielmehr dauerhaft.
Kleiner als andere Bedrohungen?
Wobei 20 Jahre nach den Anschlägen nicht zu übersehen ist: Andere Bedrohungen wirken heute größer – die wachsende Zersplitterung in vielen demokratischen Gesellschaften, der Aufstieg autoritärer Regime, die organisierte Kriminalität oder der Wandel des Klimas. Am Grauen und der Wucht des 11. September 2001 ändert das nichts.