James Krüss und seine gesammelten Werke Foto: Conrad Piepenburg

Am 31. Mai wäre James Krüss 100 Jahre alt geworden. Die Internationale Jugendbibliothek Schloss Blutenburg in München feiert den weltbekannten Dichter mit einer neuen Ausstellung.

Das Modell aus Wellpappe ist gut gelungen. Die gestapelten Kartonagen bilden, abstrahiert, aber doch eindeutig, die Topografie der Insel Helgoland ab. Da ist die Hochebene, die man aus James Krüss’ Büchern als Oberland kennt. Dort der Hafen im sogenannten Unterland mit dieser Ansammlung an bunten kleinen Schuppen, den Hummerbuden. Obendrauf steht ein Leuchtturm, und im Nordwesten prangt ein einsamer wellenumspülter Brandungspfeiler, die „Schlanke Anna“, wo die Trottellummen und die Basstölpel so gerne nisten.

 

Der Nachlass des Helgoländer Autoren liegt in München

Auf diesem nur einen Quadratkilometer großen Buntsandsteinfelsen in der Nordsee, windumtost und 70 Kilometer entfernt vom Festland, wurde James Jacob Hinrich Krüss am 31. Mai 1926 geboren. Zum 100. Geburtstag, der praktischerweise auf ein feierfreundliches Wochenende fällt, hat die Internationale Jugendbibliothek Schloss Blutenburg die Dauerausstellung im James-Krüss-Turm neu konzipiert. In dem ehemaligen Jagdschloss der Wittelsbacher aus dem 12. Jahrhundert im Münchner Stadtteil Obermenzing, ganz in der Nähe von Schloss Nymphenburg, liegt der Nachlass von James Krüss.

„Auf kleinen Inseln mit wenig Auslauf gedeihen dankbare Zuhörer und wirkungsvolle Erzähler. Selbst der Klatsch wird zur Anekdote sublimiert. Ich entwickelte beide Talente, das zum Zuhören und das zum Erzählen: Ohr und Auge waren geschichtengierig, und ich schwindelte vollendet.“

aus: „Vorläufige Lebensgeschichte eines Geschichtenerzählers. Eine autobiographische Skizze“

Deutschlands einzige Hochseeinsel spielt eine wichtige Rolle in einer Ausstellung zum Leben und Werk des Kinderbuchautoren. Krüss und Helgoland – das ist untrennbar verbunden, auch wenn der flachsblonde Friese mit den meeresblauen Augen einen großen Teil seines Lebens in München verbringt und später nach Gran Canaria auswandert, wo er am 2. August 1997 stirbt. Bestattet ist er auf hoher See vor Helgoland.

Die Herkunft sollte für seine Laufbahn wegweisend werden. Zu den Werken, in denen er seiner Heimat ein literarisches Denkmal setzt, zählen „Mein Urgroßvater und ich“, „Der Leuchtturm auf den Hummerklippen“ oder „Historie von der schönen Insel Helgoland“. Krüss beschreibt darin eine heile Welt, in der ein gütiger Urgroßvater mit einem kleinen Jungen namens Boy Reime drechselt. Doch dieses Idyll gibt es in Krüss’ eigener Kindheit nicht mehr. „Ab Mitte der 1930er Jahre wurde die Insel mit Bunkeranlagen und einem Torpedoboothafen kriegstauglich gemacht“, sagt Christiane Raabe. Die gebürtige Ludwigsburgerin und promovierte Historikerin leitet die Internationale Jugendbibliothek seit 2007.

„Bei Geschichten kommt es nicht darauf an, dass sie wahr, sondern dass sie schön sind.“

aus: „Leuchtturm auf den Hummerklippen“

Helgoland ist für die Nationalsozialisten von strategischer Bedeutung und dient als mächtiger Stützpunkt für die Marine. Von hier aus soll die Deutsche Bucht verteidigt werden. Adolf Hitler reist zweimal an, um sich die Fortschritte seines „Projekts Hummerschere“ anzusehen. Bei einem dieser Besuche – 1938 oder 1939 – schüttelt der junge Krüss dem von ihm damals verehrten Führer sogar die Hand. 1942 wird die Insel evakuiert. Nach dem Krieg kehrt der Autor nicht mehr nach Helgoland zurück. Stattdessen geht er in den Süden, nach München, damals bekannt als eine Stadt der Boheme, in der eine liberalere Einstellung herrscht als anderswo. Er hofft, hier als ein Mann, der Männer liebt, gut leben zu können.

Helgoland auf einer Postkarte aus dem Jahr 1936 Foto: imago images/Arkivi

Nach dem Ende des Nationalsozialismus verleugnet Krüss nicht, wie er als Jugendlicher gedacht hat. „Er stellt sich hin und sagt: ,Ja, ich habe an Hitler geglaubt. Aber jetzt habe ich verstanden.‘ Schreiben ist sein Weg geworden, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen“, sagt Christiane Raabe. „Er wurde Pazifist und Humanist“, erklärt die Expertin.

„Wer für Kinder schreibt, der schreibt für das offenste, weiteste, neugierigste und undoktrinärste Publikum der Welt. Aber er schreibt auch – und das ist ein ganz besonderer Reiz – für die Erwachsenen von morgen.“

aus: „Warum schreibt man Kinderbücher?“

Mit einer Hörspielversion von Erich Kästners „Konferenz der Tiere“ feiert der Friese seinen ersten großen Erfolg. Kästner, der ebenfalls in München lebt, wird Krüss‘ Freund und Mentor. Die Autoren haben viel gemeinsam: Beide wollten eigentlich Lehrer werden, beginnen dann, zu schreiben und verpacken ihren pädagogischen Auftrag ohne moralischen Zeigefinger in Reime und Verse. Beide lassen die Helden ihrer Bücher für eine gerechtere und menschlichere Welt kämpfen. Beide nehmen Kinder als eigenständige Persönlichkeiten und „Erwachsene von morgen“ ernst.

Toleranz, Internationalität und Völkerverständigung

In seiner Münchner Zeit ist James Krüss besonders produktiv. In den 1950er bis 1970er Jahren entstehen fast alle seine großen Hörspiele wie „Der Sängerkrieg der Heidehasen“ (1958), Kinderbücher wie „Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen“ (1962), das später als ZDF-Weihnachtsserie verfilmt wird, oder Bilderbücher wie „Henriette Bimmelbahn“ (1957).

Verschiedene Ausgabe von „Timm Thaler“ Foto: Susanne Hamann

Nach der Erfahrung des Zweiten Weltkriegs liegt ihm das Thema Frieden am Herzen: 1958 veröffentlicht er die Utopie „Die Glücklichen Inseln hinter dem Winde“. Er wird neben Otfried Preußler und Michael Ende einer der wichtigsten deutschsprachigen Kinderbuchautoren des 20. Jahrhunderts. Zusätzlich ist er mit Kindersendungen im Fernsehen präsent. Gemeinsam mit Chansonnier Udo Jürgens entsteht die ARD-Serie „Jenny und Jonny oder Alle Kinder dieser Welt“ (1971–1973), in der kindgerechte Unterhaltung und anspruchsvolle Themen wie Toleranz, Internationalität und Völkerverständigung verknüpft werden.

Für Christiane Raabe besitzen Krüss’ Werke „eine zeitlose Gültigkeit“: „Mich begeistert immer wieder, wie spielerisch er mit Sprache umgeht. Krüss wusste, dass Erzählen die Herzen öffnet und Menschen verbindet. Das sollten wir auch heute noch unseren Kindern vorleben – gerade in einer Zeit, wo man sich in den Familien nichts mehr erzählt, sondern alle auf das Smartphone schauen“, sagt die Direktorin der Internationalen Jugendbibliothek. Diejenigen, die Krüss kannten, berichten, dass er sein Leben lang ein Kind geblieben sei, das andere gerne neckte, auch mal die Zunge raus streckte und leidenschaftlich Federball spielte.

„Heut weiß ich ja: Die Kindheit dauert tausend Jahre, das Altern aber währt nur einen Augenblick.“

aus: „Sechs Jahrzehnte. Eine autobiographische Skizze“

2002 übergab die aus Verwandten und seinem Lebensgefährten bestehende Erbengemeinschaft James Krüss’ Nachlass an die Internationale Jugendbibliothek. Dazu gehören alle Manuskripte, auf Schreibmaschine getippt und mit handschriftlichen Anmerkungen versehen, seine Auszeichnungen, Bücher und Schallplatten sowie persönliche Dinge wie sein Füllfederhalter oder seine Brille. Die Bibliothek wurde 1949 gegründet, um Kinder im Nachkriegsdeutschland Zugang zu Literatur zu ermöglichen. Die Initiatorin Jella Lepman (1891–1970), eine aus Stuttgart stammende Journalistin, war der Überzeugung, dass Wissen und Bildung die Grundlage für eine friedliche, freie und demokratischen Zukunft sind. Seit 1983 hat die Bibliothek ihren Sitz in Schloss Blutenburg. Aus 8000 Büchern sind inzwischen 700 000 geworden. Die Bibliothek hütet nicht nur das literarische Erbe von James Krüss, sondern auch Teile des Nachlasses der Autoren Michael Ende und Erich Kästner und der Illustratorin Binette Schroeder.

Manuskript von „Mein Urgroßvater und ich“ Foto: Susanne Hamann

In der neu konzipierten Ausstellung wird James Krüss’ eigene Geschichte als Lebenstreppe präsentiert. Ein Audioguide hilft, die Exponate zu verstehen. Es gibt eine Variante für Kinder und eine für Erwachsene. Am Ende der wichtigsten Stationen seiner Biografie – Helgoland, München, Gran Canaria – steht die Erkenntnis, wie aktuell die Kinderbücher noch immer sind, die man selbst vor vierzig Jahren gelesen hat. Und dass sich eine bessere Welt oft auf Inseln findet.

„Haltet die Uhren an. Vergesst die Zeit. Ich will euch Geschichten erzählen.“

aus: „Sommer auf den Hummerklippen“

100 Jahre James Krüss

Familienfest
 In Kooperation mit der James-Krüss-Erbengemeinschaft richtet die Internationale Jugendbibliothek auf Schloss Blutenburg ein Jubiläumsprogramm zum 100. Geburtstag von James Krüss aus. Am Sonntag, den 31. Mai, findet von 14 bis 18 Uhr ein Familienfest im Schlosshof statt. Am selben Tag wird auch der James-Krüss-Turm wieder eröffnet. Tickets kosten 8 Euro für Kinder, Erwachsene zahlen 12 Euro; Infos unter: www.ijb.de/home