Galopp der „Silbernen Herde“ mit heißblütigen Arabern Foto: Stephan Kube

Beim Landgestüt Marbach laufen die Proben für das 100-Jahr-Jubiläum der Hengstparade. Hinter den Kulissen steigt bereits das Lampenfieber.

Alle hier strahlen eine freundliche Gelassenheit aus. Noch sind es ja auch ein paar Tage bis zum großen Ereignis. Seit 100 Jahren gibt es die Hengstparade im Haupt- und Landgestüt Marbach. Zum Jubiläum haben sie jetzt ein besonderes Programm zusammengestellt: die Landoberstallmeisterin Astrid von Velsen-Zerweck, der Hauptsattelmeister Fred Probst und Thomas Engelhard, Sachgebietsleiter Landwirtschaft in Marbach und Programmchef der Parade. „Eine gewisse Anspannung ist natürlich immer da“, sagt Fred Probst am Rande des Reitplatzes, wo die Drei gerade zuschauen, wie ein Fünf-Spänner seine Runden dreht.

 

Probst, mehrfacher Landesmeister, wird bei der Parade einen Zehn-Spänner führen. Das erfordert höchste Konzentration und Kraft: In jeder Hand hält er dann fünf Leinen, vom Kutschbock aus kann er die ersten vier Tiere mit der Peitsche erreichen, die anderen nur mit Zuruf. „Die ganz vorne laufenden Pferde müssen couragiert sein, dürfen aber nicht scheuen. Mit denen musst du durchs Feuer gehen können.“ Allein das Anlegen des Geschirrs dauert gut zwei Stunden.

Kann man mit einem Zehn-Spänner auch galoppieren?

In Marbach fährt der 20 Meter lange Zehn-Spänner eine leichte Anhöhe hinauf zur Reitarena. Da braucht Probst freie Bahn, eine Vollbremsung mit so einem Gespann ist ebenso ausgeschlossen wie eine scharfe Wende. Neben dem Kutscher sitzt dann ein Beifahrer. Sollte ein Tier ausbrechen, greift er ein und übernimmt Zügel.

Der Zehn-Spänner wird im Schritt und Trab auf den Parcours mit seinem weichen Sand-Vlies-Gemisch gehen. Ob mit so vielen Pferden auch ein Galopp möglich ist? „Mal schauen, was geht“, meint Fred Probst und lächelt. Das Training sei gut gelaufen, ein paar Mal hat er die Zehn-Spänner schon traben lassen. Noch öfter übt er in Vierer-, Sechser und Achter-Kombinationen, damit die Tiere eingespielt sind wie ein echtes Team.

Striegeln vor der Show /Christoph Link

Die Gründung der Hengstparaden (zunächst im Klosterhof von Offenhausen an der Lauterquelle nahe von Marbach) fällt mitten in die Epoche der Weimarer Republik auf den 16. Dezember 1925. Es ist die Idee des damaligen Landoberstallmeisters Karl Storz, einem studierten Landwirt. Storz ist der erste Zivilist und Bürgerliche auf diesem Posten, den seit Jahrhunderten Adelige oder Kavallerieoffiziere inne haben.

Denn das darf nicht übersehen werden, das Gestüt Marbach ist wesentlich älter als die Hengstparaden. Die erste urkundliche Erwähnung geht zurück auf die Herrschaftszeit von Herzog Ulrich. Da wird im Jahr 1514 ein Prozess wegen Aufruhrs gegen einen Knecht geführt, doch der kann ein Alibi beibringen: Zur fraglichen Zeit sei er auf dem Weg zum Gestüt seines Herren in Marbach gewesen. Ob es dem Knecht nützte, weiß man nicht. Aber für Historiker ist die sattelfeste Aktennotiz ein Schatz.

Jahrhundertelang liefert das Gestüt gute Deckhengste zur Versorgung von Landwirtschaft und Militär in Württemberg. Und jahrhundertelang – so Astrid von Velsen-Zerweck – sei das Zuchtgeschehen über Kommissionen „von oben“ bestimmt worden. Bei der ersten „Vorführung von Hengsten“ hingegen, wie die Hengstparade 1925 heißt, kann das 800 Personen zählende Publikum aus Züchtern, Bauern, Politikern, Militärs damals 117 Beschäler (Deckhengste) in Augenschein nehmen und seine Wahl treffen. „Das war ein demokratischer Neubeginn“, sagt Astrid von Velsen-Zerweck.

Die Hengstparaden finden seinerzeit an eisigen Wintertagen nach der Erntesaison und vor der Decksaison von Februar bis Juli statt. Sind die Entscheidungen getroffen, gehen die Deckhengste mit ihren Reitern monatelang auf Reisen zu Dutzenden Beschälstationen im ganzen Land. Bei weiten Distanzen verlädt man die Tiere im Marbacher Bahnhof in Waggons. Die Hengstreiter müssen ein ziemlich freies Leben geführt haben, fern der Heimat, eigenständig und selbstverantwortlich. „Bei den Züchtern gab es für die Reiter stets Kamillentee“, erzählt Roland Dörr, Vorsitzender des Museumsvereins Klosterkirche Offenhausen, in dem sich heute das Gestütsmuseum befindet.

Das Gestüt, erzählt Dörr, sei auch noch in der Neuzeit der größte Arbeitgeber rund um Marbach gewesen. „Bei uns in Offenhausen war fast jeder Zweite ein Gestüter.“ Heute hat das dem Land Baden-Württemberg gehörende Gestüt 105 Mitarbeiter und ist mit 50 Auszubildenden der größte Ausbildungsbetrieb zum Pferdewirt in Deutschland. Es bewirtschaftet 600 Hektar Weideland, betreut 500 Pferde an seinen Standorten in Marbach, Offenhausen und St. Johann – wobei jedes zweite ein Pensionspferd ist, also einen privaten Besitzer hat. Jedes Jahr verkauft das Gestüt rund 20 Hengstfohlen an Züchter, veräußert 30 bis 40 Pferde an Zucht- und Turnierställe, die Polizei oder für Therapeutisches Reiten. Doch der Löwenanteil, rund zwei Drittel der Verkäufe, geht in den Freizeitsportbereich.

Das Pferd hat sich vom Arbeitswerkzeug zum Kulturgut gewandelt

Das Pferd hat sich längst vom reinen Arbeits- und Kampfwerkzeug zum Kulturgut gewandelt. Und die einstige Vorführung von Hengsten ist heute eine Schauveranstaltung für das Massenpublikum. Wie in einer Zeitreise soll die diesjährige Hengstparade die „jahrtausendealte Partnerschaft zwischen uns Menschen und diesen faszinierenden Tieren“ dokumentieren, wie Astrid von Velsen-Zerweck sagt. Sie ist begeistert von historischen Kutschen aus königlichen Zeiten. Erstmals wird in Marbach die liebevoll restaurierte Kutsche – eine flotte Stanhope-Phaeton – vom württembergischen König Wilhelm II. zu sehen sein, die der Monarch um 1900 bei der K.u.K. Hofwagenfabrik A. Weiser und Sohn in Wien bauen ließ und gerne selbst lenkte. Aus der Geschirrkammer in Marbach wird dann das goldplattierte Prunkgeschirr mit der Aufschrift „Furchtlos und treu“ von der Wand geholt.

Spektakuläre Action verspricht auch die „Ungarische Post“: Ein Reiter steht breitbeinig auf zwei Pferden, weitere Pferde galoppieren voraus. Eine Nummer, von der Programmchef Thomas Engelhard sagt, dass die beiden Reitpferde wirklich „gute Kumpel“ sein müssen und bestens ausgebildet sowieso. Sie hat ihren Ursprung bei den ungarischen Hirtenreitern (Ciskos), die auf den Pferden standen, um in der topfebenen Puszta die Herde überblicken zu können.

Historisch begründet und beliebt ist auch der Auftritt der Römischen Kampfwagen, der nach dem großen Erfolg des Hollywoodfilms Ben Hur im Jahr 1959 ins Programm aufgenommen wurde. Hier wird dermaßen Tempo geritten, dass die leichten Streitwagen aus Sicherheitsgründen mit Scheibenbremsen ausgestattet sind.

Rund 200 Pferde werden dieses Jahr dabei sein, zum Teil auch vom mit Marbach befreundeten Schweizer Nationalgestüt Avenches (Kanton Waadt). Geritten, kutschiert und dirigiert wird die Herde von 250 Menschen. Der Ablauf des viereinhalbstündigen Programms setze eine „minutiöse Logistik“ voraus, sagt Thomas Engelhard. Pferde rein, Kutschen raus, Zehn-Spänner im Wartestand, Araber-Herde im Anmarsch: So wird das die gesamte Parade über gehen, keiner darf sich ins Gehege kommen. Seine Verantwortlichen hat Engelhard mit 15 Funkgeräten ausgestattet. Die große Reithalle neben der Arena mit ihren 8600 Tribünen-Sitzplätzen dient als Ein- und Ausfahrtschneise für die verschiedenen Aufzüge. Zum Gelingen der Show trägt natürlich die Motivation, die Lust und die Freude aller Beteiligten bei – was bei den Menschen vielleicht angeboren ist oder durch Willenskraft erzeugt werden kann. Beim Pferd nicht unbedingt.

Der Höhepunkt jeder Parade ist der Galopp der „Silbernen Herde“ mit bis zu 20 Araber-Stuten. Dass Marbach neben den Rassen Alt-Württemberg, Deutsches Reitpferd, Schwarzwälder Kaltblut auch Arabisches Vollblut in den Boxen hat, ist dem württembergischen König Wilhelm I. zu verdanken, der 1817 für sein Gestüt in Scharnhausen-Weil einige Hengste von der arabischen Halbinsel und aus Ägypten importierte.

Die Araber galoppieren wild durch die Arena

Wie die Araber da wild durch die Arena galoppieren, begleitet von zwei Reitern und mit drei in sich ruhenden Kamelen als orientalisches Accessoire, das ist schon wunderschön anzusehen. Astrid von Velsen-Zerweck verrät aber auch, dass die Motivation der silbernen Herde von Schau zu Schau, was Tempo und Laufleistung anbelangt, etwas nachlasse. „Es kommt immer drauf an, wie die gerade drauf sind.“ Bei der dritten Parade sei die Power dann manchmal nicht mehr ganz so spürbar wie bei der ersten.

In Marbach ist man froh darüber, dass bei all den sportlichen Vorführungen noch nie etwas Schlimmes passiert ist – abgesehen von Kreislaufschwächen oder Wespenstichen, die Zuschauer während der stundenlangen Paraden erlitten und die im DRK-Zelt gut behandelt wurden. Störrisch und als Flopp im Programm hat sich vor zwei Jahren eine Schafherde erwiesen, die zur Ehrung des 300 Jahre alten Uracher Schäferlaufs ins Programm genommen wurde. Es ist ja so, dass auch nicht-pferdische Tiere wie Hunde (als Jagdmeute), Rinder und Schafe immer im Beiprogramm der Hengstparaden sind, denn Marbach war früher eben ein Landwirtschaftsbetrieb mit allen Tierarten.

Die Schafherde aus Urach enterte jedenfalls nur sehr kurzzeitig den Reitplatz und drehte dann nach dem Willen des Leithammels sofort wieder ab. „Das Wollknäuel ist mit Vollgas wieder weggelaufen Richtung Weide und die rund 20 Tiere rannten mitten durch die Musikkapelle“, erinnert sich Thomas Engelhard. Kein Wunder, dass es noch nie eine Schafparade gegeben hat.

Am 28. September sowie am 3. und am 5. Oktober finden die drei Hengstparaden auf dem Landgestüt in Marbach statt, die erste Schau ist bereits ausverkauft. Einlass ist um 9.30 Uhr, das Programm beginnt um 12 Uhr.Mit der Schwäbische Alb-Bahn ist die Anreise zum nahen Bahnhof Marbach (Lauter) möglich.