1925 begründet das Mysterienspiel von Hugo von Hofmannsthal die wechselvolle Historie der Freilichtspiele Schwäbisch Hall. Acht Jahre später ist die Intendantin NSDAP-Mitglied – und die Fassung des jüdischen Dramatikers von der Bühne verbannt.
Am 11. Juni 2025 steht auf der Großen Treppe von St. Michael in Schwäbisch Hall die Premiere des „Jedermann“ von Hugo von Hofmannsthal auf dem Programm. Mit dem „Spiel vom Sterben des reichen Mannes“ haben die Freilichtspiele Schwäbisch Hall 1925, vor 100 Jahren, als Jedermann-Festspiele ihren Anfang genommen. Rückschau auf eine wechselvolle Geschichte.
Als Initiator der Spiele gilt Robert Braun (1884-1926), Direktor des Haller Kurtheaters im Solbad auf der Kocherinsel Unterwöhrd. Am 16., 23. und 30. August 1925 – fünf Jahre nach der Uraufführung in Salzburg – finden die ersten „Jedermann“-Vorstellungen auf der Großen Treppe von St. Michael statt. Die Titelrolle spielt der Schweizer Schauspieler Leopold Biberti vom Landestheater in Stuttgart, Bruder des Comedian-Harmonists-Sänger Robert Biberti. Die meisten der bis zu 250 Mitwirkenden sind Laienschauspieler sowie Bürgerinnen und Bürger; für Kostüme und Requisiten bedient sich Braun im Fundus des Kurtheaters.
Die Zuschauer – bei der letzten Vorstellung ist die Rede von etwa 3500 Menschen – verfolgen das Stück auf dem Marktplatz. Ein nummerierter Platz ist für 5 bis 3 Mark, ein unnummerierter für 2 und ein Stehplatz für 1 Mark zu haben. Zum Vergleich: Heute wird der Marktplatz für bis zu 1800 Zuschauer bestuhlt; die Eintrittspreise haben ordentlich angezogen. Die „Süddeutsche Zeitung“ bewertet die Aufführung 1925 als insgesamt „wohlgelungen“ und ist vom Schauplatz, dem Stückinhalt sowie der schauspielerischen Darstellung angetan. Auch den Vorstellungen im Juni 1926 ist ein künstlerischer Erfolg beschieden. Ein finanzieller jedoch nicht. Braun kämpft von Beginn an um einen städtischen Zuschuss, den ihm der Gemeinderat verweigert. Lediglich ein Vorschuss von 4000 Mark zur Anschaffung von Kostümen wird bewilligt. Auch lehnt der evangelische Kirchengemeinderat im Juli 1926 eine weitere Überlassung der Treppe der Michaelskirche mit der Begründung ab, dass man bereits „genügend Entgegenkommen“ gezeigt habe und nun wieder die „notwendige Sonntagsruhe“ herstellen müsse.
Schauspielerin Else Rassow wird Intendantin
Im November 1926 erliegt Robert Braun einem Herzleiden. Sein plötzlicher Tod scheint das Aus für die Haller Freilichtspiele zu bedeuten. Doch die Schauspielerin Else Rassow (1894-1973), Brauns Verlobte, ist entschlossen, sein Werk fortzusetzen. Wegen fehlender Finanzierung finden im Jahr 1927 keine Vorstellungen statt. Im Jahr darauf sichert die Stadt wenigstens eine Garantiesumme von 5000 Mark zu. Rassow, die inzwischen die künstlerische Leitung innehat (und bis heute einzige Intendantin ist), übernimmt die „Jedermann“-Inszenierung ihres verstorbenen Verlobten. Die Vorstellungen ziehen 1928 laut Haller Fremdenverkehrsamt etwa 12 000 zahlende Zuschauer an. Von diesem Jahr an bürgert sich der Begriff Jedermann-Festspiele für die Haller Freilicht-Aufführungen ein.
In den Folgejahren entdeckt Else Rassow weitere Spielstätten in der Stadt und baut den Spielplan aus – 1929 stehen gar sechs Premieren auf dem Programm. Der „Jedermann“ aber verliert bei den Zuschauern an Zugkraft. „Die Theaterbegeisterung der Haller Bürger schien nicht die größte, und der Ruf der Stadt Hall als Freilichtspielstätte schien noch nicht so weit vorgedrungen und gefestigt zu sein“, bilanziert Autor Nico Beier im Jubiläumsband „Fünfundsiebzig Jahre spielend!“. Der Weltwirtschaftskrise fallen die Freilicht-Aufführungen in den Jahren 1930 und 1931 zum Opfer. 1932 führt Rassow – die Stadt verweigert erneut Zuschüsse, da sich das Stück in Hall ausgespielt habe – die Jedermann-Festspiele gar in Eigenfinanzierung durch.
In den Jahren von 1933 bis 1939 wird fast durchgehend auf der Großen Treppe Sommertheater gespielt; der „Jedermann“ – in der Fassung von Jaspar von Gennep aus dem 16. Jahrhundert und später in der Bearbeitung des Haller Dichters Paul Wanner, um nicht die Fassung des Juden Hugo von Hoffmannsthal zu spielen. Wanner willigt nur in den Auftrag ein, „um den Stoff für Hall zu retten“, gibt er später zu Protokoll.
Bereits im Dezember 1931 ist Else Rassow in die NSDAP eingetreten. Als einzige Freiluftbühne Baden-Württembergs werden die Freilichtspiele finanziell und strukturell von der NS-Regierung unterstützt. „Es ist davon auszugehen, dass dieser Umstand unter anderem auf Else Rassows klar ideologisch gefärbte, mit Nachdruck geführte Kommunikation mit der NS-Regierung zurückzuführen ist“, resümiert die Haller Dramaturgin Jennifer Sittler.
1940 bis einschließlich 1948 finden auf der Großen Treppe von St. Michael aufgrund des Zweiten Weltkriegs und seiner Nachwirkungen keine Aufführungen statt. Aufbruch und Neubeginn kennzeichnen das Jahr 1949: Wilhelm Speidel (1909-1968) vom Württembergischen Staatstheater wird Intendant und bringt Hugo von Hofmannsthals „Das Salzburger Große Welttheater“ auf die Große Treppe; im Folgejahr wieder den „Jedermann“ – nun wieder in der Fassung von Hofmannsthals. Dem Traditionsstück hält Speidel von 1953 an bis zuletzt Jahr für Jahr die Treue; danach verliert es nach und nach die den Spielplan bestimmende Rolle.
Wilhelm Speidel erweitert den Spielplan
Unterstützung erfährt Intendant Speidel durch Oberstudiendirektor Gerhard Storz, in dieser Zeit bis zur Berufung als baden-württembergischer Kultusminister 1958 Schulleiter am Haller Gymnasium. In den Jahren 1949 bis 1954 müssen sich die Freilichtspiele selbst finanzieren, es gibt zur Absicherung lediglich eine Ausfallbürgschaft der Stadt. Erst seit 1955 gewähren die Stadt und das Land einen Zuschuss – ebenfalls ein Verdienst von Gerhard Storz. Heute finanzieren sich die Freilichtspiele zum größten Teil aus dem Ticketverkauf, über Zuschüsse (Land 365 000 Euro, Stadt 742 000 Euro), Spenden und Sponsoren.
Wilhelm Speidel erweitert den Spielplan behutsam hin zu deutschen Klassikern ernsten Inhalts – Friedrich Schillers „Braut von Messina“, Wolfgang von Goethes „Faust I“, William Shakespeares „Hamlet“. Bis zu seinem Tod 1968 inszeniert er sämtliche auf der Treppe gezeigten Stücke selbst. In der Festschrift zum 40-Jahr-Jubiläum skizziert Speidel seine Haltung zur Bühne, der Großen Treppe: „Die feierlich-strenge Architektur unseres Schauplatzes stellt an den Regisseur die unbedingte Forderung: letzte Einfachheit und Wahrhaftigkeit, sei es in der Darstellung oder in der äußeren Erscheinung der Szene. Nie darf der Regisseur versuchen, mit irgendwelchen ,Theatereffekten‘ gegen den Raum anzugehen. Alle diese Versuche werden vom Raum ganz einfach erdrückt.“
Ein Konzept, das sich in der von 1968 bis 2003 währenden Intendanz von Achim Plato (1936-2022) grundlegend ändert. Platos Motto: „Die Treppe führt nicht nur nach oben in den sakralen Bereich, sondern auch nach unten zum Marktplatz und seinem weltlichen Leben.“ Plato öffnet die Bühne auch für Stücke jenseits des klassischen Bildungskanons, nimmt Komödien, volkstümliche, moderne und kritische Stücke sowie von 1990 an Musicals in den Spielplan. 1968 erweist der Intendant Hugo von Hofmannsthals „Jedermann“ mit der Speidel-Inszenierung die Referenz; im Folgejahr inszeniert er das Stück selbst. Achim Plato holt bekannte Regisseure wie Kurt Hübner und Roberto Ciulli und bekannte Schauspieler wie Günter Lamprecht nach Hall, erweitert das Rahmenprogramm und bezieht andere Spielstätten ein – etwa das 2000 eröffnete hölzerne Haller Globe-Theater auf der Kocherinsel Unterwöhrd. Dies wird 2019 durch einen steinernen Nachbau ersetzt, den sich die Stadt rund 10 Millionen Euro kosten lässt.
2003 wird Christoph Biermeier (Jahrgang 1963) fünfter Intendant der Freilichtspiele Schwäbisch Hall. Zuvor als freier Regisseur etwa beim Theater Lindenhof, Melchingen, tätig, setzt er die Schiller-Linie der Freilichtspiele fort und inszeniert Publikumserfolge wie Bertolt Brechts „Dreigroschenoper“ oder die „Comedian Harmonists“ von Gottfried Greiffenhagen/Franz Wittenbrink. Auch Mundartliches wie „Schwabenblues. Mei Feld ischt d’ Welt“ von Felix Huby/Jürgen Popig findet Einzug in den Spielplan. Als Erfolgsgeschichte erweisen sich im Rahmenprogramm die Theaterspaziergänge und im Frühjahr 2005 das 1. Internationale Jugendtheaterfestival, das heuer 20-Jahr-Jubiläum feiert. 2006 inszeniert Biermeier das Haller Traditionsstück „Jedermann“ zum 850-Jahr-Stadtjubiläum auf der Großen Treppe.
2017 übernimmt Christian Doll (Jahrgang 1971) die Intendanz der Haller Freilichtspiele. Neben Schauspielklassikern und Musicals werden auch regelmäßig eigene Stoffe für die Große Treppe vor St. Michael entwickelt, darunter das Schauspiel „Brenz 1548“ und die musikalische Revue „In der Bar zum Krokodil - Ab in die wilden 20er“. Hofmannsthals Mysterienspiel „Jedermann“ inszeniert Doll 2019 – zur Feier der Eröffnung des Neuen Globe auf der Kocherinsel Unterwöhrd – als eindrückliche, jetzige Interpretation des Stoffs auf der Großen Treppe.
Die Verantwortung für das Traditionsstück zum 100-Jahr-Jubiläum 2025 hat der Intendant seinem Kollegen Philipp Moschitz übertragen. Mit dem Festspielchor der Freilichtspiele und dem Großen Siedershof erwartet das Publikum ein gewaltiges Aufgebot auf der Großen Treppe von St. Michael. Ob die Inszenierung gar die Zahl von 250 Akteuren wie beim ersten „Jedermann“ in Hall erreichen wird, ist (noch) nicht bekannt.