Ihre Unerschrockenheit hat viel bewirkt: Heute feiert Maria Baer, geborene Sauter, ihren 100. Geburtstag. Die Bilder zeigen sie in jungen Jahren, als 80-Jährige und in diesen Tagen. Foto: Sauter

Schon früh engagiert sich die Jubilarin – und rettet gegen Ende des Zweiten Weltkriegs mutmaßlich ihre Heimatgemeinde im Neckartal vor der Zerstörung.

Wenn ein Menschenleben 100 Jahre andauert, ist es nur selbstverständlich, dass das, was sich während dieser Zeit zugetragen hat, leicht ausreichen würde, um mindestens ein Buch zu füllen.

 

Egal in welche Zeit oder welchen Bereich Maria Baer geborene Sauter auch blickt, egal ob im kleinen Kreis der eigenen Familie, im größeren Kreis der Verwandtschaft oder im großen Rund der Heimatgemeinde Epfendorf: „Aja“, wie sie überall genannt wird, hat viel erlebt. Einiges davon ist sogar so außergewöhnlich, dass sie eigentlich eine Auszeichnung verdient hätte.

Aufgewachsen in der „Krone“

Am 5. Dezember 1924 wurde Maria als zweites von neun Kindern geboren. Ihr jüngerer Bruder Hermann übernahm später den Gasthof Adler, ihr Bruder Franz übernahm vom Vater die „Krone“. Am 15. Juli 1947 heiratete sie Claus Baer, der 1993 mit 73 Jahren starb. Zusammen hatten sie fünf Kinder, wovon der zweitgeborene Sohn Michael 1986 mit 37 Jahren tödlich verunglückte.

Sie wuchs in der „Krone“ in Epfendorf auf. Ihre Kindheit war, nicht sehr aufregend. Leider wurden von ihren acht Geschwistern überlebten fünf das erste Jahr nicht. Bedingt durch die Gastwirtschaft war sie ständig mit anderen Menschen in Kontakt. Schon in jungen Jahren durfte sie zusammen mit ihrem Bruder Johannes zu befreundeten Familien in die Ferien.

Schon als Kind eigenes Taschengeld verdient

Als aufgewecktes Kind verdiente sich Maria bereits mit sieben Jahren durch kleine Arbeiten – etwa Hopfen zupfeln – ihr erstes Taschengeld. Sie kam schließlich nach Villingen zu den Ursulinen. Als diese Klosterschule dann 1940 von den Nazis geschlossen wurde, kam sie zu den „englischen Fräulein“ nach Lindau. Trotzdem hat sie ihre schwäbischen Wurzeln nie vergessen und spricht heute noch den heimischen Dialekt.

Familie stellt sich gegen das Regime

Der Zweite Weltkrieg hatte auch auf Ajas Familie große Auswirkungen: Ihr ältester Bruder Johannes fiel 1943 im Kaukasus –Mutter Rosa hatte nun sechs ihrer Kinder verloren. Kein Wunder, dass sich die Familie gegen das Regime stellte und der Vater dies auch offiziell zeigte.

In dieser schlimmen Zeit lernte Maria ihren Claus kennen und lieben. Er war es, der ihr den Namen Aja gab. Claus war als Soldat in der Gegend stationiert und konnte als Medizinstudent vielen Verwundeten helfen. Gegen Ende des Krieges machte ein Transport mit schwer verwundeten Soldaten am Ortsrand beim Sägewerk Engeser Halt.

Aja engagiert sich

Die Verwundeten hatten Hände, Arme, Füße oder Beine verloren. Viele mussten daher gefüttert werden. Doch da die schweren alliierten Bomber alles beschossen, was sich bewegte, vorzugsweise die Bahn, traute sich niemand, zum Ortsende zu gehen. Aja zögerte allerdings nicht, sie setzte sich auf das Fahrrad, fuhr die Schienen entlang und half bei der Versorgung der Männer.

Maria „Aja“ Baer und ihre Brüder Franz (links) und Hermann Sauter. Foto: Sauter

Schon da zeigte sich, wie mutig und tapfer diese junge Frau war. Doch am 20. April 1945 vollbrachte Aja eine Tat, die den Ort Epfendorf vor seiner Auslöschung bewahrte: Die Franzosen glaubten, dass in Epfendorf Widerstand geleistet würde, und nahmen das Dorf unter Artilleriebeschuss. Auch die „Krone“ in deren Bierkeller viele Leute Schutz suchten, wurde getroffen. Franz Sauter, er war der örtliche Kommandant des Volkssturms, schrie in die Menge: „Wollt ihr eigentlich das ganze Dorf zerstören lassen?“ Da schnappte sich Aja ein großes, weißes Leintuch und rannte zusammen mit einer jungen Frau aus Stuttgart unter Beschuss zum Kirchturm und hisste die weiße Fahne. Der Beschuss wurde daraufhin eingestellt.

Der Umzug nach Frankfurt ist eine Herausforderung

In der folgenden Zeit der Besatzung wurde Aja aufgrund ihrer guten Französischkenntnisse immer wieder als Dolmetscherin eingesetzt, bis sie 1947 ihren Claus heiratete und mit ihm nach Frankfurt zog. Zur damaligen Zeit kein einfaches Unterfangen: Die Möbel wurden per Bahn und Viehwagen transportiert. Auch das Leben mit fünf Kindern in der Großstadt war nicht einfach. Von Frankfurt ging’s nach Düsseldorf und von dort zurück nach Epfendorf.

In der Heimatgemeinde dauerte der Aufenthalt mehrere Monate, und so besuchten Ajas Kinder sogar die hiesige Schule – bevor es die Familie wieder zurück nach Frankfurt zog, wo sie bis heute lebt. An dieser Stelle darf auch erwähnt werden, dass bei jedem Besuch in Epfendorf ihr Mann Claus an der Grenze zu Baden-Württemberg seine Kinder instruierte, anstehende Fragen noch kurz zu stellen, denn wenige Kilometer weiter würden sie ihre Mutter nicht mehr wirklich verstehen können.

Seit kurzem im Heim

Zwischenzeitlich ist Aja sechsfache Oma und achtfache Uroma. Erst seit kurzem versorgt sie sich nicht mehr selbstständig, sondern lebt in einem Heim, in dem sie ihren 100 Geburtstag gebührend feiern will. Vielleicht sogar mit einem Gläschen Riesling, denn Wasser mag die ältere Dame nicht so gerne. Wenn, dann nur mit einem Schuss Campari.

Prinzipen bleiben

Überhaupt hat die Jubilarin auch weiterhin ihre Prinzipien, so geht sie jeden Samstag zum Friseur, und alle sechs Wochen bringt sie Sohn Gregor auch zur Pediküre. Obwohl sie schlecht hört, trägt sie keine Hörgeräte – die seien nur lästig, meint sie – und auch einen Rollator benutzt sie nicht. Dieses Gefährt sei nur für alte Leute, ist sie überzeugt.