Kenda Hmeidan als Rachida in Burhan Qurbanis Film „Kein Tier. So Wild.“ Foto: Sommerhaus/Lukasz Bak

Was haben der schrille Kinofilm „Kein Tier. So Wild.“ und die Netflix-Erfolgsserie „Die Kaiserin“ gemeinsam? Hinter ihnen steckt die Ludwigsburger Produktionsfirma Sommerhaus.

Shakespeares Antiheld Richard III. ist kaum wieder zu erkennen. Das könnte daran liegen, dass er jetzt eine Frau ist und Rachida heißt. Oder daran, dass die Rosenkriege zwischen den Familien York und den Lancaster nicht mehr im England des 15. Jahrhunderts, sondern in einer trostlos-düsteren Version des heutigen Berlins geführt werden; oder daran, dass sich hier keine Adelsdynastien bekriegen, sondern deutsch-arabische Gangster-Clans.

 

Shakespeares „Richard III.“ wird zu „Kein Tier. So Wild.“

Geblieben ist die Sprachgewalt des Textes von William Shakespeare, der von Enis Maci neu übersetzt wurde. „Betrogen von Geburt um jeden Vorteil, verformt, unfertig“, beschreibt sich Rachida (Kenda Hmeidan) beim Blick in den Spiegel und begründet so ihre Entscheidung, sich als Bösewicht zu verdingen. Was folgt, ist ein verstörend-zynischer, sich in surreal-theatralische Szenarien austobender Selbstermächtigungsfeldzug voller Komplotte, Brutalitäten, Grausamkeiten.

Der Regisseur Burhan Qurbani („Berlin Alexanderplatz“), Absolvent der Ludwigsburger Filmakademie, traut sich mit dem Drama „Kein Tier. So Wild.“ (aktuell im Kino), einer radikalen Interpretation von Shakespeares Königstragödie „Richard III.“, viel. Und mit ihm die Produktionsfirma Sommerhaus, die Jochen Laube und Fabian Maubach vor zehn Jahren in Ludwigsburg gegründet haben.

10 Jahre Sommerhaus Filmproduktion

Inzwischen hat Sommerhaus 17 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Büros in Berlin und München und sich als Garant für vielfältig-anspruchsvolle Unterhaltung auf internationalem Niveau etabliert und einige Preise eingesammelt. „Wir sind zu einem mittelständischen Unternehmen geworden“, sagt Jochen Laube, „allerdings nur nach Berliner Maßstäben – Mittelständler in Stuttgart können über die Zahl nur lachen.“

Jochen Laube Foto: Sommerhaus

Das muss den 47-Jährigen aber nicht stören, der sehr entspannt wirkt, obwohl wir uns währen der Berlinale treffen, bei der man als Filmproduzent selten eine ruhige Minute hat. Am Vorabend aber hat im Rahmen des Festivals die Weltpremiere von „Kein Tier. So Wild.“ stattgefunden, die ersten Reaktionen auf den Film sind sehr positiv, und die Premierenparty im Prince Charles in Kreuzberg war nicht zu exzessiv, um die Arbeit am nächsten Tag unmöglich zu machen.

Arthouse-Kino trifft auf Netflix-Hits

Bei Sommerhaus läuft gerade alles rund: „Vor ein paar Wochen haben wir fast zeitgleich das Signal bekommen, dass Burhans krasser Arthouse-Film auf der Berlinale läuft und dass ,Die Kaiserin’ bei Netflix eine dritte Staffel bekommt“, sagt Laube. „Diese Gleichzeitigkeit ist schon was Besonderes: Zum einen das kommerziell erfolgreiche Projekt für hunderte Millionen von Zuschauern fortzusetzen und zum anderen diesen sehr speziellen Film hier zeigen zu dürfen.“

Jochen Laube gibt zwar zu, dass er erst einmal die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen hat, als Burhan Qurbani mit Shakespeare daher kam. Doch sofort habe ihn der zeitgeistige Dreh mit einer Frau im Zentrum und den beiden Clans in Neukölln überzeugt. „Und wenn ich von einer Idee überzeugt bin, weiß ich auch, dass ich andere davon überzeugen kann“, sagt er.

Jochen Laube ist Kino-Überzeugungstäter

Und wenn man Laube über dieses ambitionierte Kinoprojekt sprechen hört, seine Augen leuchten sieht, weiß man, was er damit meint. Obwohl er als Produzent die Finanzierung solcher Projekte sichern muss und es wahrscheinlich einfacher haben könnte, ist es für ihn selbstverständlich, so eine Art von Kino zu machen.

Laube ist Überzeugungstäter: „Ich habe in den 1990ern angefangen, im Ludwigsburger Scala Kinotickets abzureißen“, sagt er: „Ich bin mit dem großen amerikanischen Indiekino aufgewachsen – mit Tarantino und so. Und wenn beim Sound, der Musik und der Größe der Bilder alles herausgeholt wird, was geht, dann ist das mein Kino.“ An Serien schätzt er dagegen die Möglichkeit, über Figuren ausführlich erzählen zu können – und von Staffel zu Staffel neue Aspekte zu entwickeln. „Und was natürlich sexy an solchen Netflix-Produktionen ist, ist, wie viele Menschen man damit erreicht: 200 Millionen haben unsere Serie bisher geschaut.“ Gemeint ist „Die Kaiserin“. Die zweite Staffel der Serie, die mit Devrim Lingnau in der Hauptrolle die Geschichte der Kaiserin Elisabeth „Sisi“ von Österreich neu erzählt, hat es in den USA auf Platz zwei der Netflix-Charts geschafft – in England, Spanien, Italien oder Brasilien zum Beispiel sogar auf Platz eins. Das ist für eine deutschsprachige Serie absolut außergewöhnlich.

Die komplizierte Finanzierung eines Kinofilms

Außerdem haben solche Streamingserien für einen Produzenten noch einen anderen großen Vorteil: „Da sagt dir einer, soundsoviel Geld sind wir bereit, dafür auszugeben, und dann kannst du kalkulieren und einfach machen“, sagt Laube. „Die Finanzierung eines Kinofilms musst du dagegen aus 16, 17 verschiedenen Quellen zusammenbauen, du musst durch -zig Entscheidungsprozesse und Gremien, sonst klappt es nicht.“ Da ist „Kein Tier. So Wild“ keine Ausnahme. Sommerhaus hat sich zum Beispiel mit Arte und dem ZDF, mit Getaway Films aus Frankreich und Madants aus Polen zusammengetan und viele Förderanträge stellen müssen, um Qurbanis wagemutige Shakespeare-Dekonstruktion auf die Leinwand bringen zu können.

Von „Kein Tier. So Wild.“ bis „Die Kaiserin“: Sommerhaus Filmproduktion

 
Produktionsfirma
  Sommerhaus wurde 2015 gegründet und hat etwa die Kinofilme „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ (2019) oder „Berlin Alexanderplatz“ (2020) produziert. Auch für den „Tatort“ mit dem neuen Frankfurter Ermittlerteam ist die Produktionsfirma zuständig.

Serie
 Mit „Die Kaiserin“ ist Sommerhaus ein internationaler Netflix-Hit gelungen. Zwei Staffeln sind bereits erschienen. Die dritte und finale Staffel soll 2026 folgen.

Kinofilm
 Burhan Qurbanis Film „Kein Tier. So Wild.“ (142 Minuten, ab 16) läuft seit 8. Mai im Kino, in Stuttgart im Kino Delphi.