Begnadete Schriftsteller, das weiß man nicht erst seit Hemingway und Bukowski, sind größenwahnsinnige Trunkenbolde und fröhnen der Vielweiberei. Damit kokettieren sie auch noch frech in ihren Büchern. Schlimmer als Schriftsteller sind eigentlich nur Journalisten. Aber es gibt Ausnahmen - zumindest bei den Schriftstellern. Zum Beispiel den japanischen Besteller-Autor Haruki Murakami.

Murakami beim Laufen.
Wer Murakami liest, stürzt sich in die Fieberträume von Durchschnittstypen. Die Helden in seinen Romanen („Wilde Schafsjagd“, „Mister Aufziehvogel“) bewegen sich oft zwischen Realität und geheimnisvollem Paralleluniversum, auf Meta-Ebenen mit doppeltem Boden.
„Das meiste über mich selbst und über das Schreiben habe ich durch mein tägliches Lauftraining gelernt“, erzählt der 60-Jährige in „Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede“. Das schmale Buch ist laut dem Verfasser eine „Lebenserinnerung“.
Nicht mehr und nicht weniger, denn: „Persönliche Geschichte klingt, finde ich, zu großartig, es eine Essay-Sammlung zu nennen, ist wiederum zu hoch gegriffen.“ Er habe mit dem Niederschreiben seiner Erfahrungen als Marathon-Läufer lediglich seine Gedanken ordnen und nebenbei herausfinden wollen, was die letzten 25 Jahre für ihn „als Mensch und als Schriftsteller“ bedeutet haben.
So lange läuft und schreibt Murakami nämlich schon. Beides mit Erfolg: Seine Bücher haben sich millionenfach verkauft, und bei jedem seiner Langstreckenläufe hat er bislang das Ziel erreicht.
Dabei begann seine Karriere sehr spät und sehr plötzlich: Genau gesagt war das „am 1. April 1978, gegen halb zwei nachmittags bei einem Baseballspiel“. Zu dieser Stunde habe ihn wie ein Donnerknall das Verlangen ergriffen, einen Roman zu schreiben. Und kurz darauf fasste er dann den Entschluss, mit dem Laufen anzufangen.
Sein bisheriges Dasein als Betreiber eines beliebten Jazz-Clubs in Tokyo ließ er hinter sich. Als Gastronom ein kettenrauchender Nachtmensch, widmete er sich dem Sport vor allem aus einem Grund: um seine körperliche Kondition zu erhalten und beständig Romane schreiben zu können.
So irrwitzig seine Geschichten auch sind: Wenn der kleine Mann aus Kobe übers Laufen redet, dann redet er unaufdringlich, bescheiden und selbstironisch. Er beschreibt und analysiert seinen eigenen Fitness-Wahn, es geht ihm ums sich-selbst-verstehen.
Damit erübrigt sich die Frage, ob das Buch überhaupt lesenswert ist, wenn man vorher noch nie in einem Roman Murakamis geblättert hat – oder aber seine gesammelten Werke auswendig kennt, jedoch noch nie auch bloß zum Joggen vor die Türe getreten ist.
Denn zum einen schildert er seine Begeisterung für das Laufen, ohne den Bewegungsfaulen ein schlechtes Gewissen einzuhämmern. Zum anderen machen die „Lebenserinnerungen“ neugierig: Wie schreibt denn einer, der sich seine Inspiration beim Langstreckenlauf holt?
Auch wenn er viel Wert auf Gesundheit legt - so weit weicht Murakami gar nicht vom Autoren-Klischee ab. Bei seinem ersten Marathon beschleicht ihn nämlich schnell ein großes Verlangen: „Ich laufe und laufe, immer weiter (…) und fange an, von einem eiskalten Bier zu träumen“. Eben doch ein begnadeter Schriftsteller.
Haruki Murakami: Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede
Dumont, Februar 2008
164 Seiten
16,90 Euro
schwarzwaelder-bote.de verlost drei Exemplare von Haruki Murakamis neustem Werk.
Um am Gewinnspiel teilzunehmen, reicht es folgende Frage zu beantworten:
Murakami erwähnt in seinem Buch ein Fugu. Wobei handelt es sich dabei?
Die Antwort bitte per Mail an redaktion@dig.de. Viel Erfolg!
27. Mai 2008 um 10:56
[…] Schwarzwälder Bote schreibt ganz richtig: Wer Murakami liest, stürzt sich in die Fieberträume von […]
19. Juni 2008 um 12:07
Da habt Ihr mich aber neugierig gemacht. Da werde ich erstmal in den Buchladen um die Ecke gehen und mir ein Exemplar bestellen.
Wenn ich es gelesen habe schreibe ich sicherlich nochmal.
Vielen Dank
Patrick