Stuttgart - Seit dem Beitritt ihrer Länder in die Europäische Union steigt die Zahl der Zuwanderer aus Rumänien und Bulgarien sprunghaft – und damit auch die soziale Versorgung von Menschen, die hier auf dem Arbeitsmarkt scheitern. Sozialamtsleiter Walter Tattermusch trug die Zahlen im Internationalen Ausschuss vor: Im Jahr 2006 kamen 1312 Personen aus Rumänien, 2012 waren es 2594; die Zahl der zugewanderten Bulgaren stieg im selben Zeitraum um 112 Prozent von 596 auf 1261.

Die Hälfte von ihnen seien Roma und Sinti, „die Ärmsten der Armen, oft Analphabetinnen, die kein Wort Deutsch sprechen“, erklärt Tattermusch. Chancen auf reguläre Jobs haben diese Menschen nicht, und sie haben keinen gesetzlichen Anspruch auf finanzielle oder materielle Unterstützung. Das führe dazu, dass die Väter und Brüder die Frauen zur Prostitution zwingen. Im Januar wird laut Tattermusch ein bundesweiter Runder Tisch einberufen, um nach Lösungen zu suchen.

In Stuttgart steht das Leonhardsviertel im Blickpunkt der Behörden und der Stadträte. Deren Beobachtungen nach sorgen dort breitschultrige Herren in Lederjacken oder Jogginganzügen dafür, dass das Geschäft mit der käuflichen Liebe floriert. Sie würden den Frauen nie zu nahe kommen, sondern ihnen nur Kommandos in ihrer Landessprache zurufen, um nicht als Zuhälter entlarvt zu werden.

„Diese Frauen sind in ihrer Heimat besser in einem Erdloch aufgehoben als hier bei uns“

Man könnte fast von „moderner Sklaverei“ und „legalem Menschenhandel“ sprechen, verurteilte Ausschussmitglied Mahmud Jama Maqsudi die gängigen Sex-Flatrates in Bordellen. Das Problem sei aber nicht auf Verwaltungsebene zu lösen, sondern müsse bundesweit angepackt werden. „Uns sind die Hände gebunden“, beklagte auch Walter Tattermusch. „Wir können diesen Zuwanderern lediglich einen Rückfahrtschein in ihr Heimatland anbieten, ihnen einen Schlafplatz für eine Nacht vermitteln oder sie zu einer Suppenküche schicken.“ Viele nehmen den Fahrschein aber nicht an und landen dann im Rotlichtmilieu.

„Das ist das Allerletzte“, platzte Bürgermeisterin Isabel Fezer der Kragen. „Diese Frauen sind in ihrer Heimat besser in einem Erdloch aufgehoben als hier bei uns“, echauffierte sich Fezer über die Zustände. Natürlich sei diese Aussage hart und klinge vermessen, aber so ein Verhalten sei unverzeihlich. „Es ist die Not, die diese Menschen hertreibt, und es gibt leider immer welche, die damit Reibach machen.“

Wegen der steigenden Zuwanderung verzeichnet auch die Fachstelle für Migration mehr Anfragen denn je. Hauptsächlich ginge es um den Besuch von Deutschkursen, die Anerkennung ausländischer Abschlüsse oder die Betreuung und den Schulbesuch der Kinder. Martha Aykut, Mitarbeiterin der Abteilung Integration, stellte im Internationalen Ausschuss einen neuen Flyer vor, der die Zuwanderer über Deutsch- und Integrationskurse informiert. „Alle EU-Bürger, die hier leben und arbeiten, können sofort diese Kurse besuchen“, sagte Aykut. Deutschkenntnisse seien der Schlüssel für eine erfolgreiche Integration.

„Eltern melden, dass ihre Kinder große Schwierigkeiten haben, dem Unterricht zu folgen“

Dem stimmte auch Matthias Kaiser vom Staatlichen Schulamt Stuttgart zu. Vielfalt im Klassenzimmer sei in Stuttgart längst selbstverständlich, hier stammen mehr als die Hälfte der Schüler aus Zuwandererfamilien. „Das stellt die Schulen nun vor eine Herausforderung. Eltern melden, dass ihre Kinder große Schwierigkeiten haben, dem Unterricht zu folgen“, berichtete Kaiser. „Wenn sie Kinder aus Thailand, Afghanistan, Sri Lanka, Südamerika und Afrika in eine Klasse packen, sind nicht nur die unterschiedlichen Leistungskapazitäten ein Problem, sondern auch die Sprachbarriere.“

Abhilfe schaffen die Internationalen Vorbereitungsklassen (IVK), wo die Kinder besonders gefördert werden. Der Bedarf sei groß, so Kaiser. Laut Statistik des Staatlichen Schulamts Stuttgart besuchten 2009 noch 338 Kinder und Jugendliche die Vorbereitungsklassen in Grund- und Werkrealschulen. Im November 2011 waren es bereits 489 und im Oktober dieses Jahres schon 568. Erschwert werde der Unterricht durch ständig neue Schüler, die im laufenden Schuljahr dazukommen. „Meistens sind die anderen Kinder dann schon weiter und müssen auf die Neuankömmlinge Rücksicht nehmen. Außerdem werden die Klassen damit immer größer, was eine Förderung Einzelner erschwert“, sagt Kaiser. Derzeit finanziert Stuttgart diese Klassen, um den Schülern möglichst schnell einen Übergang in die Regelklassen zu ermöglichen.