Ernst Pfister, der badenwürttembergische Wirtschaftsminister, spricht über die Chancen der Jugendlichen auf dem Ausbildungs- und Arbeitmarkt in Baden-Württemberg.

MINT, demografischer Wandel, doppelter Abi-Jahrgang 2012 und Fachkräftemangel sind Begriffe, mit denen sich die jungen Schüler und Studenten konfrontiert sehen. Haben Sie den "roten Faden" für unsere Leser?

Ernst Pfister: Der demographische Wandel führt dazu, dass wir schon heute weniger Schulabgänger haben als noch vor einigen Jahren. Bis 2025 werden rund ein Viertel weniger Schüler die Schulen verlassen als heute. Wir werden deshalb künftig noch größere Probleme haben, ausreichend Fachkräfte zu finden. Dieser Fachkräftemangel wird sich in Baden-Württemberg insbesondere in der Industrie und im Handwerk, aber zunehmend auch im Bereich der unternehmensnahen Dienstleistungen und im Gesundheits- und Sozialwesen auswirken. Dabei werden Fachkräfte vor allem im Bereich der MINT-Fächer gesucht, also in den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik.

Der doppelte Abi-Jahrgang in 2012 wird allerdings zunächst einmal den Effekt haben, dass mehr Ausbildungs- und Studienwillige von den Schulen kommen, als in den Jahren zuvor und danach. Aber auch in den Jahren danach wird die Zahl der Absolventen mit Hochschul- oder Fachhochschulreife über dem Wert von 2008 liegen. Das bedeutet, dass sich der Trend zur Höherqualifizierung trotz demografischem Wandel fortsetzt und sich in vergleichsweise hohen Absolventenquoten allgemeiner und beruflicher Gymnasien widerspiegelt.

Die Landesregierung hat die besondere Herausforderung insbesondere im Hinblick auf den doppelten Abi-Jahrgang 2012 rechtzeitig erkannt und gemeinsam mit den Hochschulen und der Wirtschaft entsprechende Maßnahmen auf den Weg gebracht. Sie ist derzeit beispielsweise dabei, gemeinsam mit der Wirtschaft und der Bundesagentur für Arbeit ein neues Ausbildungsbündnis mit dem Ziel auf den Weg zu bringen, auch in 2012 allen ausbildungswilligen und ausbildungsfähigen Jugendlichen ein Qualifizierungsangebot zu unterbreiten.

Wie sieht der Arbeitsmarkt in fünf oder zehn Jahren aus und was bedeutet dies für die Schüler, die gerade in der Berufsorientierungsphase sind?


<img src="/media_fast/1270/pfisterport.jpg" align="right" style="padding-right:10px;"> Ernst Pfister: Nach 2012 rechnen wir mit einer weiteren Verstärkung des bereits heute in vielen Berufen spürbaren Problems, dass wir nicht mehr genug Interessenten für bestimmte Ausbildungsberufe und die MINT-Studiengänge haben. Für die Abiturienten heißt das aber auch, dass sie glänzende Perspektiven haben, wenn sie sich in den richtigen Bereichen gut qualifizieren. Da der Fachkräftemangel nicht nur die MINTFächer betrifft, sondern beispielsweise auch zahlreiche Dienstleistungsbereiche oder das Gesundheitswesen, gibt es ein breites Spektrum an Möglichkeiten, sich "richtig" zu orientieren.

Fachkräfte sind aber doch nicht nur die Ingenieure? An welchen Fachkräften wird es mangeln?


Ernst Pfister: In den technischen Bereichen erwarten wir die größte Nachfrage nach Fachkräften. Der Bedarf an sehr gut Qualifizierten wird aber insgesamt steigen und zwar sowohl an Akademikern als auch an beruflich Qualifizierten. Das heißt, es werden insbesondere auch Leute gesucht, die Berufserfahrung haben und sich beruflich weitergebildet oder ein Studium aufgesattelt haben.

Nach einer von Ihnen in Auftrag gegebenen Studie werden bereits im Jahr 2015 in Baden-Württemberg rund 280.000 Erwerbstätige fehlen, davon rund 100.000 Hochschulabsolventen. Wie können wir die Jugendlichen dennoch motivieren, gute Leistungen zu liefern?

Ernst Pfister: Im Bereich der beruflichen Bildungsabschlüsse wird die Lücke mit 120 000 Personen sogar noch größer sein. Die Motivation zur guten Leistung müsste insofern riesengroß sein, als die Einstiegs- und Aufstiegschancen für gut ausgebildete junge Menschen noch nie so gut waren wie in den kommenden Jahrzehnten.

Ihr persönlicher Tipp an unsere Leser?
 

Ernst Pfister: Finden Sie heraus, wo Ihre persönlichen Interessen und Fähigkeiten liegen und wählen Sie einen Beruf, der zu Ihnen passt. Oft ist das nicht der Beruf, der momentan in Mode ist. Es gibt eine enorme Bandbreite an Möglichkeiten, sich rechtzeitig zu informieren und dadurch den beruflichen Weg zu finden, mit dem man Erfolg hat und auf dem man glücklich wird. Und denken Sie dabei auch an die Möglichkeiten, die Ihnen eine duale Ausbildung mit einer Kombination von schulischen und betrieblichen Elementen bietet. Hier können sie praktische Erfahrungen sammeln, die sie voran bringen. Nutzen Sie diese Möglichkeiten, und überlassen Sie Ihre berufliche Zukunft nicht dem Zufall!

Vielen Dank für das Interview.

 
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