Konya - Ebru ist stolz. Zusammen mit 16 anderen Frauen, die Opfer häuslicher Gewalt wurden, lässt sich die Türkin im zentralanatolischen Konya an der Waffe ausbilden, damit sie einem Angreifer nie wieder wehrlos gegenüberstehen muss. „Obwohl ich zum ersten Mal eine Waffe in der Hand hatte, habe ich gleich getroffen“, sagte Ebru, die ihren echten Namen nicht nennen will.

Organisiert hat den Schießkurs der Frauenschutzverband Sefkat-Der, der in Konya und anderen Städten Frauenhäuser betreibt. Der Kurs in Konya für 17 Frauen, die sich bei Sefkat-Der vor ihren gewalttätigen Verwandten in Sicherheit gebracht hatten, begann am 25. November, dem internationalen Tag gegen die Gewalt gegen Frauen. Doch der Verband will mehr als ein Zeichen setzen. „Das ist keine symbolische Sache“, sagte Verbandschef Hayrettin Bulan unserer Zeitung. „Wir wollen im ganzen Land mit Kursen beginnen.“ Ziel sei ein „Schutzschild gegen Gewalt“. Neben dem Pistolenschießen lernen die Frauen den Umgang mit Reizgas und dem „Panik-Knopf“, um die Polizei rufen zu können. Dazu kommen eine Grundausbildung in einer Kampfsportart und eine Übersicht über die Grundlagen des Waffen- und Notwehrrechts.

Gewalt gegen Frauen gehört zu den größten Problemen der Türkei. Nach einer Zählung des von der EU unterstützten Internetportals Bianet wurden allein im Oktober zehn Frauen und ein Kleinkind von Ehegatten, Ex-Männern oder nahestehenden Personen getötet. In den ersten zehn Monaten des Jahres liegt die Zahl der Opfer bei 137 – das bedeutet, dass in der Türkei fast jeden zweiten Tag eine Frau von Angehörigen ermordet wird. Ankara hat reagiert, doch ein im Frühjahr in Kraft getretenes Gesetz zum Schutz von Frauen ist laut Bulan unzureichend. Zwar werde jetzt staatlicherseits mit dem „Panik-Knopf“ experimentiert, aber das helfe den Frauen nicht: „Bis die Polizei kommt, ist die Frau schon tot.“

„Natürlich werde ich schießen, wenn mich jemand umbringen will“

Laut Bulan liegt das Hauptproblem darin, dass zu viele gewalttätige Männer frei herumlaufen. Die Polizei müsse jeden Mann, der eine Frau bedroht oder geschlagen habe, in Gewahrsam nehmen, fordert er. Derzeit werden die Männer meistens nach einer Verwarnung wieder laufen gelassen. Außerdem müssten die Gerichte damit aufhören, Angeklagten, die Frauen schlagen, fast routinemäßig eine Strafmilderung zuzugestehen.

Die Regierung hatte Sefkat-Der davor gewarnt, Frauen im Schießen zu schulen. Gewalt sei keine Lösung, sagte Familienministerin Fatma Sahin. Doch Bulan wirft dem Staat vor, mit zweierlei Maß zu messen. Während Ankara vor einer Bewaffnung von Frauen warne, erleichtere die Regierung gefährdeten Richtern und Staatsanwälten den Zugang zu Waffen. Die Regierung hatte dies nach einem Mordanschlag kurdischer Rebellen auf einen Staatsanwalt beschlossen.

Die Frage ist, ob Schießübungen für Frauen das Problem nur noch schlimmer machen. „Natürlich werde ich schießen, wenn mich jemand umbringen will“, sagte Ebru. Bulan betonte aber, es gehe nicht darum, den Frauen den finalen Rettungsschuss beizubringen. Er dementierte auch Berichte, wonach die Frauen Bilder von Männern auf ihre Zielscheiben klebten. „Es geht um Abschreckung und darum, dass die Frauen Zeit gewinnen, bis die Polizei eintrifft.“ Auch er sehe in Gegengewalt keine langfristige Lösung. Die Gesellschaft müsse sich verändern – „in vielen Familien gilt eine Ohrfeige für die Frau als normal“. Polizei und Gerichte müssten sich anders verhalten, gebraucht würden „radikalere Gesetze“. All das werde die Gewalt gegen Frauen wirksamer bekämpfen als Schießkurse. „Aber was machen wir, bis es so weit ist?“

Ganz allein steht Bulan nicht. Im Mai sprach ein Gericht im nordwesttürkischen Sakarya eine Frau frei, die ständig von ihrem Mann verprügelt worden war und ihn mit dem Kabel ihres Bügeleisens erwürgte. „Wir sind hundertprozentig im Recht“, sagte Bulan. Der Kurs in Konya habe viele Frauen darauf aufmerksam gemacht, dass sie Gewalt nicht hinnehmen müssten. Entsprechend hoch ist das Interesse: Innerhalb eines Jahres haben sich 2000 Frauen gemeldet, die wissen wollten, wie sie an eine Pistole kommen. Und es dürften noch mehr werden.