Wolfach Endlich zu Hause angekommen

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Foto: Steitz

Die neunjährige Emma kann es kaum erwarten, als sie den Alten Bahnhof betritt. Schon vor der ersten Unterrichtsstunde in einem Erdgeschossraum des neuen Domizils der Musikschule hatte sich das Mädchen mit den langen braunen Haaren und dem schwarz-weißen Faltenrock oft gefragt, wie es dort tatsächlich sein wird und wie sich ihr Instrument dort wohl anhören wird. Eineinhalb Jahre hat Emma den Unterricht im Interim, dem Engelschulhaus, erlebt.

Der Montag ist der erste Tag, an dem die theoretischen und praktischen Übungsstunden der Zweigstelle Wolfach der Musikschule Ortenau im Alten Bahnhof stattfinden. Anfang Januar wurden noch die Kisten im Engelschulhaus gepackt und anschließend transportiert. Am Montag war diese Vorbereitung und auch das Auspacken und Einrichten abgeschlossen.

Der reguläre Betrieb wurde nach einem Sektempfang mit Bürgermeister Thomas Geppert Manfred Schafheutle, dem Vorsitzenden des Fördervereins Alter Bahnhof und Schlosshalle, aufgenommen.

"Wir kommen gut an", bekennt Krichel freudestrahlend am Nachmittag. Die Instrumente stehen in den Zimmern bereit, die Tische und Stühle sind im Großen und Ganzen dort platziert, wo sie sein sollen. Beim Umzug sei auch "fast nichts kaputt gegangen", erzählt Krichel.

Schon Ende Dezember hielt die Stadtkapelle Wolfach, die ebenfalls etwas später dort einziehen wird, ihre erste Probe ab. 2,1 Millionen Euro wurden laut Geppert bislang für die Sanierung des traditionsreichen Gebäudes anno 1891 ausgegeben.

Die Musikschüler Jakob, Hannah, Johanna und Fiona gehören zu den ersten, die im neuen Domizil Theorieunterricht bekommen. Sie bereiten sich auf das Silberne Musikerleistungsabzeichen vor. Anschließend bleiben die Mädchen noch, um das "Vom-Blattspiel" zu üben. Das bedeutete, ein fremdes Lied ohne Vorbereitung von den Notenblättern zu spielen. Mehrstimmig mit Bassquerflöte wurde dies dann zum Teil umgesetzt.

Zwischendurch schaute Sina Lehmann, Lehrerin für musikalische Früherziehung vorbei. Ihre Musikstunden gibt Lehmann erst am Dienstagvormittag. Bis sie von Krichel den Chip-Schlüssel ausgehändigt bekommt, wartet die Frau noch einige Zeit und hört den Klängen der Querflöten zu. Auch Lidiya Guppert, Mutter der neunjährigen Emma, die im gegenüberliegenden Raum probt, hat auf einem Stuhl Platz genommen. Sie lauscht ebenfalls gespannt dem Geigenunterricht ihrer Tochter.

Der Raum im Erdgeschoss zur Wolfacher Seite hin erstrahlt in opulenten Licht – jede Note ist gut erkennbar. Lehrerin Christina Weschta geht mit Emma eine Etüde von Suziki durch. Mit zunehmendem Spiel wird die Geige auf Emmas Schulter schwerer, auch die Haltung erfordert Konzentration.

"Du wirst das 100 Mal geübt haben müssen, bis du die Streckung kannst", sagt Weschta zu ihr. Aber die Finger werden auch langsam müder. "Der dritte bleibt in der Luft", appelliert Weschta. "Du musst den Daumen locker lassen, dann kann der dritte auch schön greifen", rät sie. "Also übst du bitte diese Stelle nochmal", fährt sie fort und schon streicht Emmas Bogen wieder von oben nach unten und zurück. Ihre Finger wandern mit größter Mühe auf den Saiten des Violinenhalses auf- und ab.

Mutter Guppert ist froh, dass die Musikschule nun umgezogen ist: "Hier gibt es einfach mehr Parkplatzmöglichkeiten", lobt sie. Früher, wenn sie in Hektik war und ihre Tochter nur kurz vor dem Engelschulhaus absetzen wollte, sei dies schwierig gewesen. In der unmittelbaren Nähe zum Pflegeheim sei das Parkplatzangebot knapp gewesen.

"Wir Kollegen sind sehr angetan von dem schönen Ausbau", betont Geigenlehrerin Weschta. Diese zentrale Lage würde sicherlich auch für mehr Präsenz im Ort sorgen, hofft sie, wenn beispielsweise Schüler nach dem Schulalltag an der Musikschule vorbeiliefen, um nach Hause zu kommen.

Mittels der Parkettböden herrsche eine ganz andere Akustik in dem Geigenraum als im Engelschulhaus, wo Teppiche lagen, lobt Weschta. Auch die Raumaufteilung begünstige die Konzentration auf den Unterricht. Früher hätten die Musiker sich gegenseitig durch die Wände beim eigenen Unterricht gehört, zum Beispiel die Geiger die "Rasselbande" bei ihrer musikalischen Früherziehung. Damit sei nun Schluss. Nun könne Weschta ganz ungestört durch die getrennten Räumlichkeiten ihren Geigenunterricht abhalten.

Gerade geht sie mit Emma die G-Dur-Tonleiter durch. Wie ein Wasserfall soll die Neunjährige die Saiten auf ihrem Instrument streichen und in den Pausen dann richtig die Finger klopfen – hinunter bis zum tiefen G. "Und dann sind wir zu Hause angekommen, gell?", frohlockt die Lehrerin und blickt ihre Schülerin an. "Ja", sagt sie lakonisch, greift wieder beherzt zum Bogen,s treckt die Finger ordentlich aus und klettert mit ihrem Bogen präzise die Saiten entlang.

Es muss sich eben erst alles erst einspielen in dem neuen Haus. Aber so wie Emma sich sofort darin wohl fühlt, so sind auch die anderen Akteure, Lehrer und Schüler offenbar endlich zu Hause angekommen.

Und bis in die späten Abendstunden versinkt das Haus in heiteren, swingenden Melodien.                   Melanie Steitz

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