Wirtschaftsfaktor EM Polen profitiert kaum von Fußball-EM

Rolf Obertreis, 21.06.2012 13:00 Uhr

Frankfurt - Die niederländischen Fans sind abgereist, auch die Anhänger aus Irland, Russland, Schweden oder Kroatien. Die einnahmeträchtigen Tage für Hotels und Kneipen in den EM-Spielorten in Polen und der Ukraine sind damit vorbei. Der Alltag kehrt ein, der wirtschaftliche Impuls für die beiden Länder durch das Fußball-Großereignis lässt allmählich nach. Aber ist dieser Effekt wirklich so groß? Spielt Fußball auch eine bedeutende ökonomische Rolle? Volkswirte bezweifeln das: Zumindest kurzfristig seien für Polen und die Ukraine keine wesentlichen Wachs­tumsimpulse zu erwarten, sagen Johannes Kinzinger und Michael Langer von der Berenberg-Bank in Frankfurt. Langfristig könnten diese Länder profitieren, etwa vom Ausbau der Infrastruktur, also Straßen, die wegen der EM gebaut wurden, oder von Flughäfen, die erweitert wurden.

Schätzungen zufolge wurden in Polen rund 25 Milliarden und in der Ukraine rund elf Milliarden Euro in solche und andere Maßnahmen zur Vorbereitung der EM gesteckt. Trotz dieser großen Summen, die auch bei anderen sportlichen Großereignissen im Spiel sind, bleiben die ökonomischen Impulse für das Gastland (oder die Gastgeberländer) begrenzt. Sie werden überschätzt, sagen Volkswirte.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat den Effekt für die Wirtschaftsleistung in Deutschland durch die Fußball-WM im Jahr 2006 auf etwa 0,02 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) geschätzt. Das sind rund 463 Millionen Euro. Der Konjunktur sei viel mehr geholfen, wenn der 1. Mai oder Weihnachten auf ein Wochenende falle und die Menschen einen Tag mehr arbeiten müssten.

Zwar gibt es positive Effekte für Schwellenländer wie Polen oder die Ukraine, deren Industrie sich immer noch entwickelt. Aber die Folgen lassen sich nur schwer messen. Die Experten Kinzinger und Langer sagen, dass die Arbeitsmärkte in Polen und der Ukraine wenig von der EM profitieren. Auch die Konsumausgaben der Fans schlagen nicht wirklich zu Buche, weil in derselben Zeit andere Besucher den Ländern fernbleiben würden. Angeblich, so hieß es vor Beginn der Fußball-EM, sei in Polen und der Ukraine während des vierwöchigen Turniers mit Mehreinnahmen von bis zu 400 Millionen Euro zu rechnen. Das aber sei gerade mal ein Promille der Wertschöpfung in Polen im vergangenen Jahr, erklären die Volkswirte.

Die Bundesliga beschäftigt über 10.000 Mitarbeiter

Die Fußball-Bundesliga hingegen ist ein nicht zu übersehender Faktor für die Wirtschaft: Der Deutschen Fußball-Liga (DFL) zufolge beschäftigen allein die 18 Vereine der ersten Liga rund 9500 Mitarbeiter, ­ hinzu kommen noch rund 18.600 Beschäftigte, die für Wach- und Sicherheitsfirmen, Cateringunternehmen und Sanitätsdienste arbeiten. Der Umsatz in der Spielzeit 2010/2011 lag bei 1,94 Milliarden Euro – Rekord. Unter dem Strich verbuchten die Clubs Gewinne von rund 52 Millionen Euro.

Der wirtschaftliche Effekt geht angeblich sogar weit darüber hinaus. Einer Studie der Unternehmensberatung McKinsey zufolge soll der Profi-Fußball in Deutschland mehr als fünf Milliarden Euro zum Bruttoinlandsprodukt beitragen. Das würde bedeuten: Etwa jeder 500. Euro wird im Fußball-Geschäft erwirtschaftet. Angeblich entfallen zwei bis drei Prozent der Wertschöpfung in der Bekleidungsindustrie in Deutschland auf den Profi-Fußball.

Immer wichtiger wird der Verkauf von Fanartikeln und Trikots. Letztere sind ein teurer Spaß: Ein aktuelles Trikot mit dem Namen eines Nationalkickers kostet 96 Euro, die Hose noch einmal 33 Euro. Geld, das – wie die mögliche Prämie für den Titelgewinn bei der EM von 23,5 Millionen Euro – in die Kassen des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) fließt. Ähnlich teuer sind auch Vereinstrikots. Die 18 Erstliga-Clubs sollen in der Spielzeit 2010/2011 rund 150 Millionen Euro mit Fanartikeln umgesetzt haben. Angeblich gibt jeder Stadionbesucher pro Spieltag im Schnitt ein bis drei Euro für Schals, Fähnchen, Trikots und andere Fanartikel aus. Große Clubs wie Bayern München oder Borussia Dortmund profitieren auch vom wachsenden Interesse in Asien. Dort ist die Bundesliga populär, viele Spiele werden live übertragen. Unabhängig davon bieten Bekleidungs- und Sportgeschäfte sowie Discounter T-Shirts und Trikots in Hülle und Fülle an.

Adidas steuert den Spielball bei und stellt die Trikots für sechs Mannschaften

Vor großen Turnieren zieht auch der Verkauf von Fernsehern an. Online-Händler berichteten, vor einer EM würden pro Tag rund 1000 Geräte bestellt. Nach Ansicht von Volkswirten sind dies aber meist vorgezogene Käufe. Der Umsatz der jeweiligen Anbieter wird also nicht größer, er verteilt sich bei Sport-Großereignissen über das Jahr gesehen nur anders. Umsatz, der jetzt im Mai und Juni erzielt wurde, fehlt beim Weihnachtsgeschäft. Trotzdem heißt es beim Branchenverband für die Elektroindustrie ZVEI, das zweite Quartal werde „bombastisch“.

Zumindest an der Börse richten sich in diesen EM-Tagen – und auch wegen der bevorstehenden Olympischen Spiele in London – die Augen auf die Papiere der Sportartikel-Hersteller. Adidas, Nike und Puma statten die 16 EM-Teams aus. Adidas steuert den Spielball bei und stellt die Trikots für sechs Mannschaften, auch für die deutsche und die spanische. Rund eine Million Deutschland-Trikots will Adidas verkaufen, wenn sich das Team weit nach vorne spielt. Adidas-Chef Herbert Hainer hofft sogar auf mehr.

Das Nike-Emblem prangt bei fünf Teams auf Hosen und Hemden, rechnet man die Tochter Umbro noch hinzu, dann sogar bei acht Mannschaften. Allerdings sind mit Holland und Polen schon zwei Nike-Teams ausgeschieden. Das drückt auf das Geschäft. ­Dafür sind für Nike die Portugiesen weiter mit dabei. Puma gilt mit nur zwei Nationalteams, darunter Italien, als Außenseiter.

 
 
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