Winterlingen Wo aus Cocktails Schirme werden

Schwarzwälder-Bote, 20.05.2012 21:00 Uhr

Von Karina Eyrich

Winterlingen. Arbeitskreis und Arbeitskreis – Kunst und Kultur, Literatur und Lesen – und dazu Kunst und Krempel: Was sich am Samstag rund um das Rathaus abspielte, war ein einziger Stabreim und das reinste Einkaufsvergnügen.

Losgehen sollte es eigentlich um elf. "Um halb zehn haben wir aufgebaut und da waren schon jede Menge Leute hier", berichtet Charlotte Schenk, die sich mit ihrem kleinen Stand in eine ganze Reihe von Flohmarktständen rund um das Rathaus eingereiht hat. "Kunst und Krempel" – der Titel ist Programm, und wieder organisiert der Arbeitskreis Kunst und Kultur das Ereignis, das nicht nur immer beliebter zu werden scheint – es ist auch wieder mal vom Wetter vewöhnt. Zum Glück, wie auch Helene Wingerter feststellt. Sie hat – das ist offensichtlich – den größten Stand. Warum? "Viele Freunde und Bekannte wissen, dass ich auf Flohmärkte gehe und bringen mir Sachen vorbei", berichtet die Benzingerin. Zwei-, dreimal pro Jahr sei sie früher auf Flohmärkte gegangen. "Aber jetzt gehe ich öfter", fügt sie angesichts der Fülle hinzu.

Die großen Flohmärkte haben es ihr nicht so angetan – wegen der Menschenmengen. "Hier ist es schöner, als wenn die Leute nur durchmaschieren", sagt Helene Wingerter mit Blick auf die begeistert kramende, aber noch überschaubare Menge der Besucher.

Zweieinhalb Stunden lang habe sie aufgebaut, berichtet sie und zeigt auf den riesigen Stand, an dem es alles gibt, was das Herz begehrt: Bücher, Figuren, Geschirr, Kleider – ja sogar einen Zigarrenabschneider: "Da kommt jeder und fragt, was das ist." Schallplatten gingen in jüngster Zeit besser, berichtet die Flohmarkt-Fachfrau, die kurz zuvor gleich sieben Scheiben eines einzigen Sängers verkauft hat: In Winterlingen scheint Freddy Quinn einen großen Fan zu haben.

"Es macht einen Riesen-Spaß, wenn das Wetter mitmacht", betont Helene Wingerter. "Vergangene Woche in Bad Saulgau – da war richtiges Aprilwetter."

Mit der Ananas ist etwas schief gegangen

Gleich nebenan hat Matthias Gschwind aus Winterlingen seinen Stand aufgebaut und vertreibt – neben diversem Krimskrams – schöne Holzskulpturen. Dass er erst in diesem Jahr unter die Holzkünstler gegangen ist, mag man ihm bei deren Anblick kaum glauben. Denn die Werke sind nicht nur gut gemacht, sondern auch originell. Zum Beispiel der Schirm im Ständer, der eigentlich ein Cocktail werden sollte, wie Gschwind verrät. "Aber die Ananas ist mir kaputt gegangen. Und so habe ich einen Schirm daraus gemacht."

Etwas unzufrieden sind die Aktiven vom Arbeitskreis "Literatur – Lesen" mit ihrem Standort, obwohl sie diesen – im Schatten des Rathauses – eigentlich abonniert haben. "Diesmal spielt sich alles weiter hinten ab", sagt Manfred Mai, der mit seinem Autorenkollegen Roland Single den "AutoRmat" besetzt und gegen Bares Geschichten vorliest. Klar, dass das Geld in Veranstaltungen fließen soll, die das Lesen fördern. Ebenso wie der Verkaufserlös der Sachen, die alle Mitglieder des Arbeitskreises aus den Schränken gekramt haben, und die Einnahmen aus dem Verkauf der Leseratten und Bücherwürmer, für die sogar die First Lady Winterlingens, Silke Maier, die Knetmaschine angeworfen hat. Das Hefegebäck ist ideal für einen gemütlichen Lesenachmittag.

Was sonst so verkauft wird? Es ist nichts darunter, was es nicht gibt: Das Übliche wie Gläser und Vasen, Kinderspiele und Handtaschen, Deko und Schmuck, alte Kochbücher und Spitzendeckchen, aber auch durchaus Unübliches: Ventilatoren und Radiatoren, Vertikutierer zum Belüften des Rasens und ein ganzes Set Weihnachtsmann-Figuren – "Das nächste Weihnachten kommt bestimmt", ruft der Verkäufer einer skeptischen Kundin nach.

Außerdem: Magazine und Emaille-Schilder mit Werbung für Persil, Nestle und die Titanic, Jacken und Schuhe, Dirndl und Sonnenbrillen. Ob das T-Shirt mit dem aufgedruckten Vereinslogo des FC Bayern München wenige Stunden vor dem Champions-League-Finale noch einen Käufer gefunden hat? Falls ja, dann erscheint es fraglich, ob er an diesem Samstagabend seine ungetrübte Freude daran hatte.

 
 
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