Winterlingen Das Gymnasium löst das Lyzeum ab

Schwarzwälder-Bote, 08.08.2012 23:01 Uhr

Von Martin Kistner

Winterlingen. 13 Jahre lang war die Realschule Winterlingen Partnerin des Lyzeums in Izbica; die beiden Schulen dürfen mit Fug und Recht als Pioniere und Vorreiter der später entstandenen Gemeindepartnerschaft bezeichnet werden. Vorbei: Das Lyzeum existiert nicht mehr.

Auf der Suche nach Spuren der von den Nazis verschleppten und ermordeten Winterlinger Jüdin Selma Burkart war Heiner Schuler, der stellvertretende Bürgermeister, 1999 erstmals ins ostpolnische Izbica gekommen – und brachte von dort eine Anfrage des Lyzeums nach Hause: ob es in Winterlingen eine weiterführende Schule gebe, die an einer Schulpartnerschaft interessiert sei.

Die Realschule war bereit, und so kamen ein Dutzend Jahre lang alljährlich polnische Schüler zum Austausch auf die Hochalb, und Winterlinger Schüler reisten nach Izbica und berichteten nach ihrer Heimkehr regelmäßig von einer unglaublichen Gastfreundschaft, die einen gewissen Mangel an Disco- und Freizeitinfrastruktur mehr als kompensiere. Die Schulpartnerschaft zog die der Gemeinden nach sich; 2008 wurde der Partnerschaftsvertrag unterzeichnet.

Ostpolen leidet unter "Stadt- und Westflucht"

Indes zeichnete sich schon damals ab, dass das Lyzeum je länger, je mehr unter chronischem Schülermangel litt. Auch im katholischen Polen sind die Geburtenzahlen mittlerweile auf das mitteleuropäische Durchschnittsniveau gefallen, und in Izbica kommen massive Standortprobleme hinzu: Der Ort liegt noch hinter Lublin, etwa 60 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt, und damit in einer der strukturschwachen Regionen Polens – er leidet unter einer grassierenden Stadt- und "Westflucht", die sich auch auf Schülerzahlen niederschlägt. Die des Lyzeums schrumpften kontinuierlich, und daraus hat die Schulverwaltung jetzt die Konsequenz gezogen. Ende Juni erfuhren die Winterlinger von der Schließung.

Die bedeutet allerdings nicht, dass die Realschule jetzt partnerlos in die kommenden Schuljahre gehen muss. Denn bereits kurz nach der Nachricht von der Schließung traf ein Brief aus Izbica ein, in dem die Rektorin des dortigen Gymnasiums dem Kollegen Gustav Kleiner die Schulpartnerschaft antrug – Bürgermeister Jerzy Babiarz unterstützt die Initiative, wie dem Schreiben zu entnehmen war.

Das Gymnasium ist in Winterlingen keineswegs unbekannt; bereits vor zwei Jahren waren – auch ohne Schulpartnerschaft – Schüler und Pädagogen der Schule zu Gast auf der Alb, darunter Lehrerin Monika Nowosad, die bei dieser Gelegenheit ein Praktikum absolvierte und dank ihrer Sprachkenntnisse prädestiniert für die Rolle der Kontaktfrau wäre.

Ob es dazu kommt, ist derzeit noch offen, aber nicht aus sachlichen, sondern aus Verfahrensgründen: Gustav Kleiner kann nicht auf eigene Faust eine Schulpartnerschaft schließen; dazu bedarf es der Zustimmung der Lehrer- und der Schulkonferenz – beide Gremien treten erst im neuen Schuljahr wieder zusammen.

Künftig sind die Schüler gleichaltrig

Prinzipiell begrüßt Kleiner die Initiative der Polen; er sieht sogar gewisse Vorteile: Faktisch entspricht ein polnisches Lyzeum nämlich einem deutschen Gymnasium, das polnische Gymnasium jedoch der Realschule. Die Winterlinger Schüler hätten es also künftig mit gleichaltrigen Polen zu tun und nicht wie bisher mit Austauschpartnern, die zwei Jahre älter und entsprechend reifer sind als sie. Die Schülerzahl des Gymnasiums Izbica liegt laut Kleiner zwischen 300 und 400 – dass auch diese Schule geschlossen wird, muss niemand befürchten.

 
 
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