Wildberg Sängerknaben verwandeln sich in Engelschor
Schwarzwälder-Bote, 02.04.2012 19:02 Uhr
Die Aurelius-Sängerknaben aus Calw führten in der Martinskirche Bachs Johannes-Passion auf. Foto: TrommerFoto: Schwarzwälder-Bote
Von Dorothee Trommer Wildberg. Die Aurelius Sängerknaben aus Calw führten in der Wildberger Martinskirche zusammen mit der Capella Aureliensis und namhaften Solisten die Johannes-Passion auf. Das Konzert wurde von der evangelischen Kirchengemeinde und der Stadt Wildberg organisiert und sorgte für eine volle Kirche.Die jungen Sänger hatten sich vor dem Konzert draußen versammelt und waren dort einfach nur fröhliche, junge Menschen, die sich an einem strahlenden Frühlingstag unterhalten – abgesehen von der festlichen, ernsten Kleidung. Doch als Interpreten der Johannes-Passion verwandelten sie sich in einen Engelschor oder ließ einen bei der Forderung des Volkes "Kreuzige ihn, kreuzige ihn!" frösteln.
Die Johannes-Passion ist neben der Matthäus-Passion die einzige vollständig erhaltene authentische Passion des Johann Sebastian Bach. Ihre Uraufführung war am Karfreitag 1724 in der Nikolaikirche in Leipzig. Die Texte sind über weite Strecken an der Theologie des Johannes-Evangeliums orientiert. Die Leidensgeschichte Jesu wird bei Johannes als die Botschaft eines Gesandten, des königlichen Gottessohnes, die Kreuzigung als Durchgangsstation gesehen. Die Form der Johannes-Passion wird weitgehend durch äußere Gegebenheiten bestimmt. Da ist zuerst der vorgegebene Bibeltext, dann die Zweiteilung, die der Predigt Raum gibt – was bei der Aufführung in Wildberg nicht stattgefunden hat.
Es wechselten sich Chor und Arien der Solisten miteinander ab. Die große Partie des Evangelisten gestaltete der Wildberger Tenor Andreas Kramer. Weitere Solisten waren Anja Tschamler (Sopran), Alexandra Kirschner (Alt), Arnd Peter (Bass-Arien) und Jan Sauer (Bass – Jesus). Begleitet wurden die Sänger vom Barockorchester Capella Aureliensis unter Leitung von Gerd-Uwe Klein auf Instrumenten alter Mensur.
Den grandiosen Auftakt machte der Chor mit "Herr, unser Herrscher". Die Aurelius Sängerknaben Calw wurden 1983 von Hans-Jörg Kalmbach gegründet, 2008 wurde Bernhard Kugler künstlerischer Leiter. Die Ausbildung findet nicht – wie bei den meisten Knabenchören üblich – im Internat statt, sondern die Knaben sind in ihren Familien- und Schulalltag eingebunden.
In den vergangenen Jahren hat sich der Chor zu einem gefragten Klangkörper entwickelt, geistliche und weltliche Chormusik werden mit verschiedenen Aufgabenstellungen und Besetzungen gepflegt. Ein Knabenterzett der Aurelius Sängerknaben Calw ist auch in der kommenden Spielzeit an der Berliner Staatsoper im Schiller Theater in der Oper "Die Zauberflöte" von W. A. Mozart zu hören. Konzertreisen führten bereits bis nach Japan.
Das Orchester Capella Aureliensis" wurde 1996 gegründet und besteht aus Mitgliedern der führenden Barockorchester Europas. Die Musiker widmen sich der historischen Aufführungspraxis und musizieren auf Instrumenten in historischer Bauweise.
Die Form der Aufführung besteht aus einem Wechsel zwischen Chor, Solisten und Orchester. Mittels der langen Textpassagen des Evangelisten wird bei der Johannes-Passion die ganze Geschichte der Kreuzigung des Jesus von Nazareth aufgeführt, mit ausführlichen Schilderungen der ganzen Vorgänge auf der Richtstätte des Berges Golgatha, erschreckend und dramatisch. Pilatus, die Hohepriester, Jesus und der Evangelist wechseln sich ab, Chöre und Arien ergänzen einander.
Innerhalb des Werkes erkennt man eine Steigerung bis hin zur Beschreibung der Todesstunde Christi. Der Choral, der die Johannes-Passion abschließt, besingt "Ach Herr, lass dein lieb Engelein" und zeigt eindrucksvoll auf, dass diese Gesamtform auch heute noch zu fesseln vermag.



