Von Lena Müssigmann Waldachtal-Lützenhardt. Die Internetseite www.luetzenhardt.de ist Googles erstes Ergebnis, wenn man im Netz nach dem Örtchen im Waldachtal sucht. Viele Nutzer nehmen sie als offizielles Angebot der Gemeinde wahr. Dabei wird sie seit jeher privat von Franz Schweizer betrieben. Nur wenige Gemeinden in der Größe Lützenhardts sind im Netz so präsent, mit so ordentlich gesammelter Information vertreten, und das nun schon im zwölften Jahr. "Die Seite ist eingeschlagen wie eine Bombe", erinnert sich Franz Schweizer (50), Reiseunternehmer, an die Anfänge im Oktober 2001. Er hat sich früh für die neuen Möglichkeiten des Internets begeistert und die Rechte an www.luetzenhardt.de gesichert. Zunächst hatte er im Hinterkopf, die Seite für die Lützenhardter Theatergruppe zu nutzen, in der er engagiert war. Dass er Heimatgeschichtliches im Internet aufbereiten wird, hat sich durch einen Zufall ergeben.

Ein Buch von Gerhard Sonnenberg, in dem Informationen über Lützenhardt gesammelt waren, hat er auf einen Rutsch durchgelesen. Für ihn als Lützenhardter war es höchstinteressant, welche Informationen der Heimatforscher über den Flecken gesammelt hat. "Diese Heimatgeschichte hab ich nur noch fürs Netz aufbereitet", sagt Schweizer, besonders aufwendig sei das für ihn nicht gewesen. Ins Netz, für alle Welt einsehbar, stellte Schweizer außerdem ein selbst zusammengestelltes Jenisch-Wörterbuch.

Damit hat er sich auf schwieriges Terrain begeben, wie sich herausstellte. Jenisch ist die Sprache des fahrenden Volkes, das sich einst in Lützenhardt niedergelassen hatte. Und es ist gleichzeitig ein Sinnbild für die besondere Kultur in Lützenhardt. "Für das Wörterbuch bin ich angefeindet worden", erzählt Schweizer. "Ich habe Drohungen erhalten." Vor allem die ältere Generation im Dorf habe ihm vorgeworfen, er habe diese Geheimsprache enttarnt. Das schien für einige einem Hochverrat gleichzukommen. Er schüttelt den Kopf. "Dabei ist das inzwischen eine aussterbende Sprache, ich habe meinen Kritikern versucht zu verdeutlichen, dass es nicht schlecht wäre, das ein oder andere festzuhalten."

Da sei es ihm gerade gelegen gekommen, dass ein junger Forscher, Christian Efing, gerade seine Dissertation über das Jenische schrieb. "Da haben sich einige gesagt: Wenn ein Doktor darüber schreibt, dann scheint unsere Sprache ja interessant zu sein." Seit er den Sprachwissenschaftler für luetzenhardt.de ins Boot geholt habe, sei die Akzeptanz gewachsen. Und durch die Einbindung der Bevölkerung in die Gestaltung der Webseite. Schweizer hat die Bevölkerung zum Beispiel eingeladen, Fotos und Postkarten von früher einzureichen.

"Die Jüngeren betrachten die Geschichte mit mehr Distanz"

Insgesamt bleibt das Eis aber dünn, auf das sich Schweizer mit seiner Internetseite gewagt hat. Die Lützenhardter und ihre Geschichte waren lange kein selbstbewusstes Duo, weil über ihre Herkunft und ihre Gewohnheiten in der Umgebung viel gemunkelt wurde. Schweizer selbst gehört zu einer "Umbruchgeneration", wie er sagt. "Die Jüngeren betrachten die Geschichte mit mehr Distanz."

Durch die Arbeit an der Internetseite – etwa 150 Stunden hat Schweizer in Aufbau und Pflege investiert – hat sich sein Bild von seinem Heimatort verändert. "Ich habe bei der geschichtlichen Aufarbeitung zum ersten Mal realisiert, dass es den Leuten hier bis nach dem Zweiten Weltkrieg wirklich schlecht ging", sagt Schweizer. "Die Lützenhardter waren Händler, haben nicht in der Landwirtschaft angepackt und waren deshalb bei den Bauern der umliegenden Dörfer verpönt, hatten kaum was zum Beißen." Dass die Lützenhardter in der Folgezeit den Fremdenverkehr für sich entdeckt haben, sei ein Glücksfall und habe gut zur Mentalität der Einheimischen gepasst. "Dadurch, dass die Händler selber viel herumgekommen sind, waren sie Fremden gegenüber offen."

So ist es heute noch. Schweizer hilft gerne weiter, wenn sich Kurgäste oder Ausflügler bei ihm melden, die luetzenhardt.de als offizielles Angebot wahrnehmen. "Von der Gemeinde kam nie die Anfrage, dass sie die Seite wollen", sagt Schweizer. "Sonst hätte ich auch kein Problem gehabt, sie abzugeben."