Wahl in Frankreich „Sie entstammt einer guten Rasse“

Gerd Niewerth, 19.06.2012 08:00 Uhr

Paris - Die rechtsextreme Gesinnung von Jean-Marie Le Pen klang auch in der Freude über den Wahlerfolg seiner Enkelin mit. „Sie entstammt einer guten Rasse“, sagte Le Pen, als er am Sonntagabend Marion Maréchal-Le Pen jubelnd umarmte. Und dann ergänzte er an die Adresse von Journalisten noch: „Das schockt euch, dass ich das sage, was?“ – so berichten es französische Medien. Mit der schüchtern auftretenden Jurastudentin umarmte der fast 84-jährige Gründer von Frankreichs rechtsextremem Front National (FN) auch den politischen Erfolg: Als erste FN-Abgeordnete seit 1998 vertritt die 22-Jährige die Rechtsextremen im französischen Parlament.

Der Opa war zum Jubeln eigens in die südfranzösische Stadt Carpentras gereist. Dort feierte die junge Vertreterin der dritten Le- Pen-Generation, was der zweiten nach der Wahl am Sonntag verwehrt bleibt: Maréchal-Le Pens Tante Marine Le Pen (43) verpasste ihr Mandat knapp.

Marion ist die Tochter von Le Pens Tochter Yann und seit dem 17. Lebensjahr FN-Mitglied. Den polternden Großvater mit seinen ausländerfeindlichen Sprüchen ahmt sie längst nach. Mit fiepsiger Stimme erklärte sie selbstbewusst: „Ich will keine Attraktion für die Klatschpresse werden. Es gibt wichtige Dinge, die es zu verteidigen gibt“, und spricht dabei auch vom Kampf gegen die Einwanderung.

Historischer Sieg der Linken

Marion Maréchal-Le Pen profitierte von einer für sie günstigen politischen Konstellation. Im Wahlkampf war die Studentin, die eben ihr Examen absolvierte, kaum präsent gewesen. „Ihre Gegner haben eine Phantom-Kandidatin kritisiert“, schrieb die Zeitung „Le Parisien“. Sie sei eine Kandidatin gewesen „ohne Wahlkampfbüro, ohne Adresse, ohne Telefonanrufe zu beantworten“.

Das Medieninteresse am Erfolg der 22-Jährigen war groß, doch insgesamt hat Frankreichs Linke bei den Parlamentswahlen einen historischen Sieg errungen: Mit 314 Abgeordneten stellen die Sozialisten und ihre engsten Verbündeten die absolute Mehrheit in der 577 Sitze zählenden Assemblée Nationale.

„Dank dieser stabilen Mehrheit kann die Regierung in den nächsten fünf Jahren frei und mit großer Ruhe regieren“, sagt der Politikwissenschaftler Henri Ménudier. Die Mehrheit ist sogar so komfortabel, dass Hollande in einer Geste der Großzügigkeit einen kommunistischen Minister mit ins Boot nehmen könnte. Die bisher regierende konservative UMP von Ex-Staatschef Nicolas Sarkozy musste eine herbe Schlappe einstecken. Ihre ehedem stolze Fraktion schrumpfte von 320 auf 207 Sitze.

Schmerzhafte Ausgabenkürzungen erwartet

Der neue Präsident François Hollande, einst als „Karamellpudding“, „Tretbootkapitän“ und „Weichei“ verspottet, hat geschafft, was ihm nur die wenigsten zugetraut hatten: die große Wende. „Wir haben sogar mehr Parlamentarier als 1981“, frohlockt Bruno Le Roux, voraussichtlich der künftige Fraktionschef. 1981 – das war das Jahr, in dem Hollandes großes Vorbild François Mitterrand die Macht eroberte und die Linke in Euphorie und Aufbruchstimmung versetzte. Hoffnung herrscht auch heute wieder, wenn auch mit nüchternem Unterton. „Die Franzosen hatten die Nase voll von Sarko“, sagt Marie-Christine, eine Kunsthistorikerin in Paris, und fügt hinzu: „Jetzt hoffen wir auf bessere Zeiten, auf mehr Arbeit und eine gerechte Gesellschaft.“

Die Enttäuschung könnte aber schon in wenigen Tagen kommen, wenn der Rechnungshof das mit Spannung erwartete Ergebnis eines Kassensturzes präsentiert. Experten rechnen nicht nur mit gesalzenen Steuererhöhungen für Gut- und Besserverdienende, sondern auch mit schmerzhaften Ausgabenkürzungen. „Hollande wird an strukturellen Reformen und an einer Modernisierung der Sozialsysteme nicht vorbeikommen“, prophezeit Henri Ménudier.

 
 
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