Vorstellungsgespräch „Erzählen Sie etwas über sich”

Peter Ilg, 07.04.2012 11:24 Uhr

Düsseldorf - Einer von zehn Bewerbern schafft es zum Vorstellungsgespräch. Das heißt: neun wurden vorher aussortiert. Allein schon das ist eine Menge Arbeit. Dann steht der große Tag bevor, nicht nur für den Kandidaten, sondern auch für den oder die Teilnehmer aus dem Unternehmen. Manchmal trifft sich der Personalreferent beim ersten Gespräch allein mit dem Bewerber, teilweise ist auch schon der Fachvorgesetzte dabei und in anderen Fällen außerdem ein Personalberater, der den Kandidaten empfohlen hat. „Egal, wer alles um den Tisch sitzt: Nur wenn die Fragen klar formuliert sind, liefern sie im Ergebnis Antworten über die Kompetenzen des Bewerbers”, sagt Dr. Sascha Armutat, Leiter Forschung in der Deutschen Gesellschaft für Personalführung in Düsseldorf. Ein Vorstellungsgespräch solle schließlich eine Prognose auf den Berufserfolg ermöglichen, das heißt, es soll klären, ob der Bewerber den Anforderungen entspricht. Die richtigen Fragen führen dabei am ehesten zum Ziel.

Wichtig ist, dass die Firmenvertreter überhaupt Fragen stellen und keine Monologe führen. Regelmäßig hört Armutat von Bewerbern, dass Personaler und Führungskräfte die Runde als Informationsveranstaltung über das Unternehmen missverstehen. „Häufig, weil die Leute glauben, ein Interview könne man sich leicht aus dem Ärmel schütteln, was leider nicht stimmt.” Nach seinen Angaben sind gute Fragen spezifisch, und sie sind so formuliert, dass sie zu Antworten motivieren, die im Vergleich zu anderen Kandidaten beurteilt werden können. Armutats Tipp: die Fragen vorher zwischen Personaler und Fachvorgesetztem besprechen, den Bewerbern auf dieselbe Position identische Fragen stellen mit vorbewerteten Antworten. „Denn nur dann können die Kandidaten objektiv verglichen werden.”

 „Pro Jahr führen wir fast 2000 Interviews”

Michael Eiberger ist ein Profi in Sachen Vorstellungsgespräch. „Pro Jahr führen wir fast 2000 Interviews”, so der Geschäftsführer von Personal Total, Niederlassung Stuttgart-Mitte. Die Personalberatung sucht im Kundenauftrag passende Bewerber. Und hat es dabei leichter als manche Personalabteilung. „Wir erfragen bei unseren Kunden sehr präzise, was der gesuchte Mensch wissen und können muss. Daher wissen wir auch sehr genau, was wir fragen müssen.”

An erster Stelle stehen zwei Ko-Fragen: „Wohnort und Arbeitsort liegen weit auseinander. Würden Sie für einen neuen Job umziehen?” - „Das ist die allergrößte Hürde, stellen wir immer wieder fest, und die Leute beschäftigen sich erst mit dem Gedanken, wenn es konkret wird.” Dann folgt die Frage nach dem Gehalt. In diesem Punkt haben die Personalberater einen Spielraum, der nach oben begrenzt ist. Nur wenn die Gehaltsvorstellungen des Bewerbers in diesem Rahmen liegen, geht es zum fachlichen Gespräch über. „Hier prüfen wir, ob Kundenwünsche und Kandidatenwissen zusammenpassen.” Im persönlichen Teil des Interviews empfiehlt Eiberger bei Jobwechseln immer wieder nach der Motivation dafür zu fragen. „Dann muss schon etwas Überzeugendes kommen, schließlich hat keine Firma Interesse an einem Jobhopper.”

80 Prozent aller Bewerbungsgespräche haben eine ähnliche Struktur

Eiberger sagt, die Fragen bei Personal Total seien halb strukturiert. Es gebe einen roten Faden, „von dem aus wir bei Bedarf in die Ecken links und rechts des Werdegangs leuchten”. Er schätze, dass 80 Prozent aller Vorstellungsgespräche dieselbe Struktur und ähnliche Fragen haben. Für sehr wichtig erachte er auch die Systematik der Fragestellung. „Wie sind die Vorstellungen des Bewerbers, wie sieht das Jobangebot aus?” So ließe sich klären, ob Traum und Wirklichkeit zusammenpassen oder ob sie zu weit auseinanderliegen.

Mit den Fragen im Vorstellungsgespräch lässt sich auch prüfen, ob sich der Bewerber auf diesen wichtigen Tag vorbereitet hat. Beispiel: Erzählen Sie etwas über sich. „Obwohl jeder wissen kann, dass diese Frage kommt, folgt häufig nur Blabla”, sagt Thomas Rübel, Berater im Berliner Büro für Berufsstrategie, einem Karriereberatungs- und Seminarunternehmen. Dabei sei das eine vortreffliche Gelegenheit, sich gut in Szene zu setzen und ein bestimmtes Bild von sich abzugeben. Auf der Homepage des Büros für Berufsstrategie und anderen kann jeder Bewerber nachlesen, welches die zehn wichtigsten Fragen in einem Vorstellungsgespräch sind. „Sie spiegeln wider, was ein Unternehmen wissen will. Doch leider bereitet sich nur ein Teil der Kandidaten gut vor und hat aussagekräftige Antworten parat.”

Eine Vertrauensbasis ist wichtig für die Zusammenarbeit

Unerlaubt sind nach Angaben von Rübel alle Fragen, die mit der Persönlichkeit des Bewerbers zu tun haben, etwa zu Sexualität, Religion und Politik. Daher scheiden Fragen aus wie „Sind Sie krank, schwanger, Mitglied der Partei XY?” Als Grauzone bewertet er die Frage nach Freizeit und Hobbys. Doch: „Wer dazu nichts sagt, schafft keine Vertrauensbasis, und die ist wichtig für eine Zusammenarbeit.”

Auch auf psychologische Effekte sollten Personaler und Fachvorgesetzte achten, denn „aus der Körpersprache können sie viel ablesen”, weiß Rübel. Gehen beispielsweise die Augen nach oben, sei das immer ein Beispiel für Erinnerungen. Gehen sie nach unten, bedeute das ein Eintauchen in die Gefühlswelt. Fragen, Struktur und Psychologie sind nach Meinung von Rübel Puzzlestücke, die sich am Ende des Gesprächs zu einem Bild des Bewerbers zusammenfügen und woraus sich dann relativ sicher sagen lässt, ob Bewerber und Stelle zusammenpassen. Und nur darum geht es in einem Vorstellungsgespräch.

 
 
Kommentare (0)
  • Kommentare anzeigen
Anzeigen