
VS-Zollhaus - Das Zollhäusle liegt mitten in Europa, und was drum herum, aber auch im Ort selbst schief läuft, wurde beim Gockelball mit spitzen Krallen angepackt.
Was den Stier wohl geritten hat, dass auf dem Bühnenbild so ein Chaos entstehen musste, diese Frage zog sich wie ein roter Faden durch den Abend. Das direkt verbindende und Trennende, was Zollhaus mit Europa verbindet, ist die Europäische Wasserscheide, die gleich mal durchs Hildebrand gezogen wurde.
Bleibt ruhig da sitzen, wo ihr bleibt, bestimmte der Vorsitzende Rolf Brunner die im Saal nicht direkt einheimischen Anwesenden drum herum. "Reißt euch zusammen, wir legen Wert auf ein gemischtes Publikum im Sinne der Europäisierung".
Außerdem wies er doppeldeutig auf die neue Bestuhlungsordnung im Saal hin. Manche sitzen schon 15 Jahre auf dem gleichen Stuhl, frotzelte er. Alles sei jetzt schöner und enger geworden und außerdem: "Ihr habt noch Tische und braucht nicht aus der Popcorn-Tüte essen".
Der Adler und der Schwan, ein seltsames Pärchen, das man in der Natur nicht zu sehen bekommt, sinnierten der Villinger Bertold Riegger (Horst Brunner) und der Schwenninger Christian Schlenker (Gerhard Winnerl). "Was soll mer sage. Mir hon uns zusammengerauft", rang Riegger etwas verlegen nach Worten. Und sein Kontrahent Schlenker listete in bester Villinger Manier eins zu eins die Villinger Versäumnisse, auch die finanziellen auf, trotz der großen markigen Worte.
Was VS mit Europa verbindet sind die Schulden. Mit großem Koffer auf die europäische Schnäppchenreise zu gehen, könnte sich trotzdem lohnen, fanden zwei ältere Damen, die auf Kaffeefahrt gingen. Die EU-Pleitestaaten konnten immerhin noch etwas Brauchbares verscherbeln. So hatten die Griechen ihren Ouzo, dagegen VS nur verrostete Armierungsteile von der Schneckenbrücke mit Betonteile daran, zum horrenden Sonderpreis. VS heiße "verlorene Stadt", die nie zusammenkommt, sind sie der Meinung.
Leichter nahmen es drei junge Zollhäusler, die per Eisenbahn den Kontinent erkundeten und wenigstens die menschlichen Seiten verschiedenartigen Kulturen kennenlernten. Dass auch in Schwenningen seine "hoameligen" Seiten haben kann, davon sangen die beiden Necklemer (Heike und Rolf Kempter).
Haufenweise zogen Bed-Man und Batman (Silvia und Martin Hummel) die größeren und kleineren Bolzen nicht nur der Zollhäusler ans Tageslicht. Die vielen Löcher in der Villinger Stadtmauer kämen nicht von seinen missglückten Flugversuchen, bei denen er mit dem Kopf aufgeschlagen sein soll, so Batman, sondern von den Villinger Bürgern, die endlich mal aus der Mauer raus wollen.
Dass im Zollhaus der Naturschutz gelebt wird, haben sie ihre Zweifel. Um an der Photovoltaik gut zu verdienen, würden ganze Wälder abgeholzt, und der Obergrüne habe auch nichts dagegen, weil etwas mehr Sonne an seine gelben Rüben kommt. "Das ist kein Naturschutz, das ist Eigennutz", monierten sie.
Aufgelockert wurden die pointierten mit akkuraten und choreographisch einfallsreichen Tanzeinlagen der Dance Crew, den temperamentvollen Flamingos und den VS-Piraten. Nicht zu vergessen die lehrreiche Märchenstunde der jungen Gockeler, bei der sie die unterschiedlichen Interessen und Temperamente der europäischen Staaten in die Märchenfiguren hinein projizierten. Wie alte Hasen führten mit Nico und Marco Anders die jüngsten Akteure durchs Programm.