Villingen-Schwenningen - Ein weiterer Vorwurf liegt in der Causa Hess AG im Raum: Die Staatsanwaltschaft ist inzwischen auch wegen des Verdachts eines Insolvenzdelikts tätig, erklärte Peter Lintz, Sprecher der Sprecher der Schwerpunktstaatsanwaltschaft für Wirtschaftskriminalität in Mannheim.

Zudem hat das Amtsgericht VS gestern Nachmittag den bisherigen vorläufigen Insolvenzverwalter Martin Mucha von der Stuttgarter Kanzlei Grub Brugger auf eigenen Antrag wegen der zu befürchtenden Interessenkollision entlassen. An seine Stelle tritt sein Kanzleikollege, Rechtsanwalt Volker Grub. Wegen der engen Verflechtungen könne es durchaus sein, dass die Hess Lichttechnik GmbH mit Sitz in Löbau Ansprüche gegenüber der Mutter, der Hess AG in Villingen-Schwenningen, stelle, erklärte David Boehm, Pressereferent am Amtsgericht Villingen-Schwenningen. So nehme Mucha ab sofort die Geschäfte der Firma in Sachsen wahr.

Am Anfang sei nicht abzusehen gewesen, wie sehr die Firmen miteinander verwoben seien. "Durch die Bestellung zweier vorläufiger Insolvenzverwalter aus einer Kanzlei ist gewährleistet, dass die für den Erfolg der Verfahren erforderliche schnelle und sachgerechte Abstimmung zwischen beiden Verwaltern gegeben ist sowie die Verfolgung des gemeinsamen Zieles, nämlich die Erhaltung möglichst vieler Arbeitsplätze durch eine erfolgreiche Sanierung und Betriebsfortführung, gefördert werden kann", heißt es in der Mitteilung des Amtsgerichts.

Schwerwiegender sind indes die Entwicklungen in Mannheim: Zu den laufenden Ermittlungen in Sachen Bilanzmanipulation und Anlagebetrug untersuche die Landespolizeidirektion Freiburg nun auch, ob das Unternehmen die Insolvenz verschleppt habe, berichtete der zuständige Staatswanwalt Lintz. Dies liege angesichts der Zahlen nahe, die der Vorstandsvorsitzende Till Becker beim Gang vor das Amtsgericht offen gelegt habe: Seit 2009 habe die Hess AG keine Gewinne mehr eingefahren, heißt es im Insolvenzantrag. "Es gilt, den Verdacht zu prüfen, ob die Zahlungsunfähigkeit nicht erst jetzt vorlag", betonte Lintz. Und die Staatsanwaltschaft ermittle aktuell gegen sechs Verdächtige: Neben dem gefeuerten Vorstandsvorsitzenden Christoph Hess und dem früheren Finanzvorstand Peter Ziegler seien vier Mitarbeiter ins Visier der Behörden gerückt.

Ein Ende sei noch nicht abzusehen. Mehrere Beamte seien daran, das beschlagnahmte Beweismaterial zu sichten. Da gehe es auch um den Verdacht, dass das Unternehmen an reale Firmen im In- und Ausland Scheinrechnungen gestellt habe, um die Erlöse zu erhöhen und die Bilanzzahlen "aufzuhübschen".

Christoph Hess hat sich bisher gegen die Anschuldigungen zur Wehr gesetzt und seinerseits den neuen Verantwortlichen der Gesellschaft vorgeworfen, von vornherein auf die Insolvenz zugearbeitet zu haben. Eine zunächst für Donnerstag und dann wegen der Betriebsversammlung mit dem Insolvenzverwalter Martin Mucha auf gestern angekündigte Stellungnahme blieb dann doch aus.

"Deutliche Schritte zur Normalisierung" zeichneten sich hingegen bei der Hess AG ab, schilderte Unternehmenssprecher Marco Walz gestern die Situation im Mutterunternehmen. Das operative Geschäft stabilisiere sich, bei den Mitarbeitern kehre der Alltag ein. Nach den Turbulenzen der vergangenen Wochen gebe es erste Bestellungen und Materiallieferungen. "Es fängt an, in geordneten Bahnen zu laufen", so lautet sein Fazit.