Villingen-Schwenningen Arzt Markus Kunze behandelt Flüchtlinge

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Foto: Eich

Villingen-Schwenningen - Ihr tut der Knöchel so weh. Doch die Schmerzen sind nur eine Art Entschuldigung dafür, dass die Syrerin sich am liebsten verkriechen würde. Sie leidet unter Depressionen, wie viele Flüchtlinge, die vor Krieg und Gewalt flohen.

Wenn andere Kollegen ihre Praxen schließen, dann setzt der Schwenninger Allgemeinmediziner Markus Kunze noch drei bis vier Stunden drauf. Er kümmert sich jede Woche um etwa 150 Flüchtlinge, die in einem Block an der Freiburgerstraße in Villingen untergebracht sind. Die Bilder von zerbombten arabischen Städten, die Trümmerlandschaften und die Verzweiflung in den Gesichtern sind es, die den gebürtigen Nürnberger verfolgen. "Von Anfang an wollte ich diesen Menschen helfen", bekräftigt er im Gespräch mit dem Schwarzwälder Boten. Zunächst hatte er sich zwar als "Deutschlehrer" in die Listen der Flüchtlingshelfer eingetragen. "Doch dann habe ich mir gedacht, ich stelle mich als Arzt zur Verfügung."

Seit bald einem Dreivierteljahr übernimmt er die Behandlung der Menschen in den beiden Wohnblocks, die meisten stammen aus dem arabischen Raum. Unterstützt wird er dabei von einem syrischen Arzt, der dolmetscht, und von seinem Team, das "mich ohne Wenn und Aber unterstützt". Das Engagement kostet viel Zeit: "Mit zehn Minuten ist es da nicht pro Patient getan", beschreibt er seinen Freitagnachmittags-Alltag.

Viele Menschen leiden unter Depressionen

Die eine hat Migräne, der andere Bauchschmerzen, eine weitere Frau klagt über Knöchelschmerzen: Doch sind diese Beschwerden wirklich körperlicher Art oder sind sie nur die Spitze eines Eisbergs, unter dem sich ein seelisches Leiden verbirgt? Markus Kunze weiß spätestens nach dem zweiten oder dritten Termin, dass "viele Menschen unter Depressionen leiden und dass Kopfweh oder Bauchschmerzen nur die Begleiterscheinungen sind".

Es sind die Bilder von Gewalt und Terror, von Trümmerlandschaften und Krieg, "denen flogen die Granaten um die Ohren", und nicht zuletzt von der lebensgefährlichen Überfahrt, die das Seelenleben aus dem Gleichgewicht brachten. Traumatische Erlebnisse, die durch die Enge in den Wohnheimen nicht besser werden. "Viele Flüchtlinge sind traumatisiert und dazu völlig entwurzelt", stellt er die Problematik dar. Nur für die wenigsten, ergänzt Kunze, könne man eine psychotherapeutische Behandlung ­beantragen. "Die Kinder", beobachtet er, "stecken die Erlebnisse zum Glück besser weg."

Je mehr sich Kunze mit den Einzelschicksalen seiner meist arabischen Patienten beschäftigt, desto mehr verurteilt er die pauschale Stimmungsmache gegen diese Menschen. Nicht zuletzt auch deshalb, weil er von den Schilderungen seiner Mutter geprägt ist, die im Winter 1944/45 vor den einrückenden Russen aus der oberschlesischen Heimat fliehen musste: "Noch heute weiß sie, in welchen Bauernhäusern sie Brot bekam und wo die Hunde auf sie und ihren Bruder gehetzt wurden."

  
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