Villingen-Schwenningen "Das ist ein großer Verlust"

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Die abwechslungsreiche Arbeit macht ihm Spaß, ob in der Haustechnik, die Betreuung der Kindergruppe oder an der Rezeption: Als Mädchen für alles ist Yannick Enz im Einsatz, der in der Nachsorgeklinik Tannheim seinen Bundesfreiwilligendienst leistet. Foto: Zieglwalner Foto: Schwarzwälder-Bote

Von Martina Zieglwalner VS-Tannheim. Es sind oft die kleinen Dienste, die den Familien in ihrer schwierigen Situation helfen. Ein Fahrdienst in die Stadt oder die spontane Betreuung eines Patienten, um die Eltern für kurze Zeit zu entlasten. Das kann jetzt in der Nachsorgeklinik Tannheim kaum jemand mehr leisten.Waren es früher sechs Zivildienstleistende im Haus, so sind es jetzt zwei junge Menschen, die ihren Bundesfreiwilligendienst leisten. Nicht, weil es an Bewerbern fehlt. Die hätte Geschäftsführer Roland Wehrle. Im Gegenteil, er musste bereits geeignete Inter­essenten abweisen. Denn bundesweit sind es nur rund 35 000 Plätze, die das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend geschaffen hat.

"Das ist ein großer Verlust für unser Haus", betont Wehrle. So müsse er die Versorgung der krebs-, herz- oder mukoviszidosekranken Kinder und Jugendlichen ebenso einschränken wie die Hilfestellungen für deren Familien. Angesichts des ohnehin knappen Personalschlüssels sei es nicht möglich, die alltäglichen Kleinigkeiten mit Fachkräften abzudecken. Kleinkeiten, die den leidgeprüften Eltern die Zeit in der Reha bisher erleichtern konnten.

Als einen "herben Schlag" bezeichnet da Wehrle den Wegfall der Stellen für die Nachsorgeklinik. Mit der Abschaffung des Zivildienstes habe die Politik ein System beseitigt, das 50 Jahre erfolgreich gelaufen sei, und die Konsequenzen nicht durchdacht. "Ich wundere mich, dass die Wohlfahrtsverbände nicht mehr auf den Putz gehauen haben und bei den Politikern vorstellig geworden sind", betont Wehrle.

Konzept mit Mängeln

An sich sei der Bundesfreiwilligendienst ein durchaus akzeptables Konzept – aber mit Mängeln behaftet. So hält er es für eine Fehlentscheidung, auch ältere Menschen in das Programm aufzunehmen, die sich doch ehrenamtlich engagieren könnten. "Junge Menschen brauchen das Geld", stellt er fest. Ein solcher Dienst ermögliche neue Erfahrungen, präge den weiteren Lebensweg und fördere soziale Kompetenz. "Es ist eine wertvolle Zeit, die den Blick für die andere Seite der Gesellschaft öffnet."

Ärgerlich ist für ihn auch, dass es jedem zusteht, den in der Regel auf zwölf Monate angelegten Bundesfreiwilligendienst zu kündigen. Dies erschwere die Planung. Das schwierige Genehmigungsverfahren mache eine verlässliche Personalplanung ohnedies unmöglich, unterstreicht seine Mitarbeiterin Melitta Welker. Während die Zivildienstplätze immer zur Verfügung standen, müsse sie nun für jeden Bewerber eine Anfrage beim Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben, dem ehemaligen Bundesamt für Zivildienst, starten. Eine Antwort sei da schon Wochen ausgeblieben, der eine oder andere junge Mann, der auf Verlässlichkeit angewiesen sei, längst abgesprungen, schildert sie ihre Erfahrungen. "Wir hängen in der Luft, haben bis Juli nicht gewusst, ob die zweite Kraft im September kommen kann."

Der Bundestag habe nicht mehr als 35 000 Stellen im Haushalt genehmigt. Sind die besetzt, gebe es für das laufende Jahr keine weitere Förderung, erläutert Josef Opladen vom Öffentlichkeits- und Pressereferat des Bundesamts für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben in Köln.

Nur 35 000 Stellen

Natürlich habe es weit aus mehr Zivildienststellen geben, bei starken Jahrgängen bis zu 200 000. Doch die Gelder seien begrenzt und Zentralstellen mit der Aufgabe betraut, die Stellen auf die einzelnen Träger zu verteilen. Wenn die Mittel ausgeschöpft seien, stehe es den Einrichtungen natürlich zu, auf eigene Kosten solche Plätze einzurichten.

Schon bisher müsse er Jahr für Jahr rund 600 000 Euro an Spenden für den laufenden Betrieb der Nachsorgeklinik Tannheim zusammenbekommen, rechnet der Geschäftsführer. Wenn er die bisherigen Zivildienststellen aus eigener Tasche bezahlen würde, seien weitere 60 000 Euro im Budget erforderlich.

Kleine Dienste genossen

Dass also Kinder, die ohnehin nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen und ums Überleben kämpfen, unter dieser politischen Entscheidung leiden müssen, macht ihn wütend. "Die Familien, die oft selbst nicht mehr können, haben die Hilfestellungen immer genossen", sagt Wehrle.

Da ist der blinde Jugendliche, der in der ersten Zeit im Haus einen Zivi an seiner Seite hatte, um die Eltern zu entlasten, die Kindergruppe, die sich auf eine Spielrunde freute, oder einfach nur die Möglichkeit, den jungen Patienten und deren Angehörigen bei Fragen und Nöten bis in die Abendstunden an der Rezeption zur Seite zu stehen. Die kleinen Dienste eben, die den Familien mit ihren schwer chronisch kranken Kindern das Gefühl vermitteln, dass sie nicht alleingelassen sind.

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