Villingen-Schwenningen Behandlungsfehler bei Mädchen mit Tumor?

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Das Kind wurde schließlich in Freiburg operiert. Symbolbild. Foto: dpa

Villingen-Schwenningen - Es war eben doch keine Migräne. Das kleine Mädchen litt unter einem Hirntumor. Doch behandelt wurde das Kind erst im Universitätsklinikum Freiburg. Die Eltern erhoben schwere Vorwürfe gegen das Schwarzwald-Baar-Klinikum und bekamen von der Gutachterkommission der Ärztekammer Recht.

Wie würde das Klinikum auf das Fazit der Gutachterkommission der Landesärztekammer reagieren, die einen "schuldhaften Behandlungsfehler" bezüglich der Vierjährigen sah? Schon zu Beginn der Auseinandersetzung signalisierte das Großklinikum, "dass wir an einer Aufklärung der Sache interessiert sind", hieß es nach Veröffentlichung des Falles im Schwarzwälder Boten seitens der Pressesprecherin Sandra Adams.

Die Kliniken: Die Familie war von Anfang an nur allzu bereit, über das zu reden, was sie in den letzten eineinhalb Jahren durchgemacht hatte. "Es geht uns nicht darum, die Klinik an den Pranger zu stellen, sondern die Leute an der Spitze wach zurütteln, dass so etwas nicht mehr passiert", bekräftigte der Vater des heute sechsjährigen Mädchens im Gespräch mit unserer Zeitung. So etwas, das waren die Vorgänge um die Erkrankung der kleinen Tochter: Die Eltern kamen 2014 ins Schwarzwald-Baar-Klinikum und, wie sie erzählen, nach einer kurzen Untersuchung mit einem "neuen Termin wieder heraus". Tage später wurde im Krankenhaus in Singen ein Tumor festgestellt, das Kind wurde in Freiburg operiert.

Die Vorgeschichte: Die Vierjährige klagte wiederholt über Kopfschmerzen, Erbrechen und Gleichgewichtsstörungen. Das Paar kontaktierte den Kinderarzt. Eine Überweisung war die Folge, darauf der Hinweis auf eine neurologische Abklärung und eventuell eine Magnetresonanztomographie (MRT). Die Eltern richteten sich auf einen stationären Aufenthalt ein, der Vater nahm Urlaub, der Sohn war versorgt. Doch aus der Klinik, so die Darstellung der beiden, seien sie schneller wieder draußen gewesen als sie gedacht haben. Dort habe man ihnen erläutert, dass Kinder zu Migräne neigen und man davon ausgehe, dass nichts Akutes vorliege. Einen Termin für eine MRT habe das Paar erst sechs Wochen später bekommen.

Das Gutachten: Die Gutachterkommission findet deutliche Worte für dieses Prozedere: "Bedauerlicherweise war die Behandlung auch im Ergebnis schuldhaft fehlerhaft." Zwar habe man seitens des Klinikums so argumentiert, dass der Arzt bei der Behandlung des Kindes wegen einer anderen Dringlichkeit abberufen worden sei. Doch dies müsse dann durch eine nachfolgende Betreuung ausgeglichen und bereinigt werden, liest es sich im Gutachten, das der Redaktion vorliegt. Dafür habe die Leitung einer Klinik oder Abteilung zu sorgen. Die neurologischen Symptome und die Schilderungen der Eltern "hätten zu einer schnellen Bildgebung führen müssen".

Als die Geschichte vor eineinhalb Jahren an die Öffentlichkeit gelangte, kommentierte das Klinikum die Vorwürfe der Familie verhalten: "Im vorliegenden Fall wurde das Kind zunächst nach den derzeit gültigen medizinischen Standards und Diagnoseleitlinien untersucht." Eine ähnliche Darstellung kam auch gestern per Mail. Zur "Überforderungssituation" äußerte sich Sprecherin Sandra Adams ebenfalls: Diese sei nicht erkennbar gewesen. "Die Fachärztin, die über langjährige Erfahrung verfügt, ging von einer anderen Verdachtsdiagnose aus. Aus diesem Grund wurde keine kurzfristige Bildgebung durchgeführt. Das bedauern wir sehr."

Die Gefahren: Im Gutachten liest sich das so. Der Antragsgegnerin ist "ein schuldhafter Behandlungsfehler unterlaufen, der zu einer Behandlungsverzögerung von einer Woche geführt hat". Ein weitergehender hierdurch verursachter Gesundheitsschaden sei nicht ersichtlich. Die Eltern dazu: "Wir haben von Medizinern anderer Kliniken das Gegenteil gehört." Immerhin habe es sich um einen schnell wachsenden Hirntumor gehandelt. Und in der Tat heißt es an anderer Stelle der Expertise: Ob die von den Eltern behauptete Gefahr bestanden hätte, "entzieht sich der Beurteilbarkeit des Gutachters".

Die Reaktionen: Ein Schlag ins Gesicht sei für die Familie das gewesen, was Kinderklinikleiter Matthias Henschen vor der Kommissions-Sitzung laut diesen zu den Eltern gesagt haben soll: "Wissen Sie, was Sie die Klinik an Geld und Zeit gekostet haben?" Adams dementierte diese Aussage. "Dies können wir nicht bestätigen." Zu der Frage nach möglichen Konsequenzen im Klinikum gab es keine Antwort. Aber: "Wir stehen für ein klärendes Gespräch mit den Eltern jederzeit zur Verfügung."

Die Zukunft: Bewundernswert ruhig und bar jeglicher Aggression erzählt die Familie ihre Geschichte um die Leidenszeit des Mädchens, das immer noch regelmäßig zur Kontrolle nach Freiburg muss. "Wissen Sie", betrachten sie abschließend dieses schmerzhafte Kapitel, "für die anderen ist das jetzt alles abgeschlossen. Doch wir werden ein Leben lang daran denken". Und: "Wir leben jeden Moment seither bewusst."

  
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