Villingen-Schwenningen Abschied und Neubeginn

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Die Teilnehmer der Verwaisten-Reha können gemeinsam Trauerkerzen für ihre verstorbenen Kinder gestalten. Einige werden in einer Vitrine vor dem Gruppentherapie-Raum aufbewahrt. Foto: Schwarzwälder-Bote

Von Alicja Bienger

VS-Tannheim. Eine schwere Krankheit oder gar der Tod des eigenen Kindes verändern den Alltag von Familien schlagartig. Jochen Künzel, Leiter des Psychosozialen Dienstes in der Nachsorgeklinik Tannheim, hilft ihnen dabei, wieder neuen Lebensmut zu fassen. Es gibt einiges zu besprechen an diesem Morgen. Punkt 8.15 Uhr versammelt sich Jochen Künzel gemeinsam mit 14 anderen Kollegen im Besprechungszimmer der Nachsorgeklinik. Nur noch wenige Tage, dann beginnt der nächste Reha-Block mit neuen Patienten, neuen Familien, neuen Schicksalen. Künzel wird dann vorübergehend nicht mehr da sein: Er geht bald in Elternzeit, das dritte Kind ist gerade mal ein Jahr alt. Bis dahin gibt’s noch einiges zu erledigen: Patientenberichte verfassen, Therapiepläne erstellen, kranke Kollegen vertreten.

Seit drei Jahren leitet Jochen Künzel den psychosozialen Dienst der Nachsorgeklinik. Der sympathische Freiburger – dunkles Haar, drei-Tage-Bart, Brille, Ohrring – fährt jeden Tag eine knappe Stunde von der Breisgau-Me­tropole nach Tannheim. "Das hilft mir dabei, Abstand von der Arbeit zu gewinnen", sagt er. Im Auto könne er abschalten, das Radio aufdrehen, entspannen. Das muss er auch. Der 45-Jährige wird täglich mit Schicksalen konfrontiert, die unter die Haut gehen. Seine Kernaufgabe: Familien stabilisieren, die ein chronisch krankes Kind zuhause betreuen oder die gerade eines verloren haben.

Kaum ist das Meeting zu Ende, muss Künzel noch kurz ins Sekretariat des psycho­sozialen Dienstes. "Wir müssen die Schildis unterbringen, und dann kommen noch die Schlupfis dazu", zählt Sekretärin Kerstin Vitt die verschiedenen Kindergruppen auf, die es zu managen gilt. "Ich bin hier der Mops", scherzt sie mit Blick auf diese Aufgabe. "Sie können sich auch als Schäferhund sehen", kontert Künzel, und beide lachen.

Lachen, das sei wichtig in der Einrichtung und viel häufiger der Fall, als man denken könnte, erklärt er – selbst bei Gruppensitzungen, wo immer jeweils acht verwaiste Elternpaare, also Eltern, deren Kinder verstorben sind, gemeinsam versuchen, ihr Schicksal zu verarbeiten. "Lachen zu dürfen ohne schlechtes Gewissen, ist eine sehr wichtige Erfahrung", erklärt Künzel, der in der Klinik nicht nur Familien mit herz- und mukoviszidosekranken Kindern betreut, sondern auch die Verwaisten-Reha leitet. Das soziale Umfeld der Betroffenen reagiere häufig verständislos auf deren Trauer; nicht selten höre man Aussagen wie: "Du hast doch noch weitere Kinder!". Auch würden die Paare häufig von Schuld- und Ohnmachtsgefühlen geplagt, dem Gefühl, dem eigenen Kind nicht genug geholfen und deshalb versagt zu haben. "Bei uns merken die Betroffenen: Hier ist jemand, der es aushält, wenn ich weine", sagt Künzel. "Ich versuche, den Familien ein hilfreicher Begleiter zu sein."

Der erste Patient heute ist ein mukoviszidosekranker Jugendlicher, der nicht erkannt werden will. Er wirkt viel jünger als 15 Jahre – die Krankheit greift auch die Bauchspeicheldrüse an und führt dazu, dass der Körper Kalorien viel schlechter verwertet als bei gesunden Menschen. Die Patienten sind deshalb häufig kleiner und sehr dünn. Jochen Künzel will dem Jungen dabei helfen, dessen panische Angst vor Spritzen und Kanülen zu überwinden – mittels hypnotischer Psychologie. "Eine Möglichkeit ist, dem Schmerz eine Farbe zu geben, zum Beispiel rot", erläutert er ihm. "Dann versuchst du, die Farbe in Gedanken zu verändern. Das hilft häufig, das Schmerzempfinden zu reduzieren."

Jedes Mal, wenn Jochen Künzel es schafft, dass seine Patienten mit deutlich besserer Stimmung abreisen, als sie angereist sind, sei das eine Art Belohnung: "Das ist besser als jeder Gehaltszettel", sagt er. "Die größte Herausforderung meiner Arbeit ist, es einerseits zu schaffen, emotional berührbar zu bleiben und nicht abzustumpfen, aber so, dass es einen andererseits privat nicht zu sehr mitnimmt." Das blockartige Reha-Konzept helfe ihm, mit der täglichen psychischen Belastung klarzukommen: "Man muss sich immer auf neue Menschen, neue Situationen einstellen." Es sei immer ein Abschied und ein Neuanfang – sowohl für ihn als auch seine Patienten.

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