Stuttgart - Der Tabakwarenhändler Günther Held wollte nicht, dass sein Sohn Markus einmal anfängt zu rauchen. Die beiden betreiben zusammen einen Tabak- und Zeitschriftenladen in Weilimdorf. Doch der 36-jährige Markus hat den Wunsch des Vaters nicht erfüllt. „Ein Metzger sollte auch kein Vegetarier sein“, sagt er.

Seinen Vater stört das Rauchen nicht aus medizinischen Gründen: „Es ist teuer“, sagt er. Über die gesundheitlichen Folgen des Rauchens will er nicht diskutieren: „Ich bin kein Arzt.“ Dafür sprechen andere über Gesundheit. Der EU-Kommissar Tonio Borg etwa. Er will den Menschen das Rauchen abgewöhnen. Ein Entwurf der EU-Kommission sieht vor, dass künftig auf 75 Prozent der Zigarettenschachteln Warnhinweise und Schockbilder abgedruckt werden sollen. Am Mittwoch soll der Entwurf der neuen Richtlinie verabschiedet werden. Held hat Schockbilder gesammelt und ein Regal voller Zigarettenschachteln damit beklebt.

Die Lunge eines an Krebs verstorbenen Patienten ist da zu sehen, ein geöffneter Mund mit verfaulten Zähnen und ein lebloser Mensch auf einer Bahre, die Augen sind mit einem weißen Tuch bedeckt. Günther Held fürchtet, dass seine Verkäuferinnen den Anblick der Bilder nicht ertragen würden und noch mehr: „Für uns geht es um die Existenz“, sagt Held. Etwa 60 bis 70 Prozent des Umsatzes mache er mit Zigaretten, sagt er. Das sind 500 000 Euro im Jahr.

Gewinner sei der illegale Handel

Günther Held ist stolz auf sein Familienunternehmen. Der Vater hat es gegründet, der Sohn Markus soll es weiterführen. In einem Kinderwagen liegt Lukas (neun Monate), er prustet, als sein Großvater sagt, dass Markus den Laden eines Tages in Lukas’ Hände weitergeben soll. Darum muss es mit dem Geschäft weitergehen, „unsere Familie lebt davon“, sagt Markus Held.

Die Pläne der EU-Kommission beschränken sich nicht auf die Schockbilder. Auch der Einsatz von Zusatzstoffen, die unter anderem den scharfen Geschmack von brennendem Tabak überdecken, soll eingeschränkt werden. Aromen wie Vanillin, Honig, Schokolade, Zucker oder Menthol dürfen dann nicht mehr verwendet werden. „Das trifft vor allem die bayerischen Schnupftabakhersteller hart“, sagt Franz Peter Marx, Hauptgeschäftsführer des Verbands der deutschen Rauchtabakindustrie. „Das Verbot von Aromastoffen bedeutet das Aus für eine Vielzahl von Produkten wie Menthol-Zigaretten und aromatisierte Tabake“, teilt der Bundesverband des Tabakwaren-Einzelhandels (BTWE) mit. Dies werde mit Jugendschutz begründet. Dabei würden die Produkte vornehmlich von älteren Rauchern konsumiert. „Für ein solches Verbot fehlt jede solide wissenschaftliche Grundlage“, sagt Rainer von Bötticher, Präsident des BTWE. „Diese Form der Überregulierung ist unverhältnismäßig“, sagt er. „Betroffen ist nicht nur der Händler, sondern auch der Verbraucher. Traditionelle Produkte sollen verschwinden, der Kunde muss auf seine bevorzugte Zigarette verzichten.“ Gewinner sei der illegale Handel, über den die Konsumenten die Produkte weiter beziehen könnten.

Angedacht ist auf EU-Ebene zudem die Vereinheitlichung der Schachteln. Die Fachleute sprechen von Plain Packaging. Das bedeutet: Die Zigarettenschachteln sollen alle möglichst gleich aussehen. Markenlogos oder Schriftzüge wären dann verboten. „Die Einheitspackungen erinnern mich an China, an Kommunismus“, sagt Held. „Aber wir leben von der Vielfalt.“ Er will sich mit anderen Händlern zusammentun, will protestieren. „Das Wort Einzelhändler kommt davon, dass jeder einzeln handelt.“ Doch nun müssten sich die Händler gemeinsam wehren.

„Für Jugendliche ist Lungenkrebs nur ein Wort“

„Immer, wenn die Tabakindustrie aufschreit, haben wir ein wirksames Mittel gefunden“, sagt Martina Pötschke-Langer, Wissenschaftlerin am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg. Sie rechtfertigt die Einmischung der Politik: „Es gibt außer Zigaretten kein anderes Konsumgut, dass die Hälfte seiner Verbraucher tötet“, sagt sie. Bilder hält sie für eine wirksame Sprache. „Ein Bild übermittelt eine einfache Botschaft, es löst emotionale Reaktionen aus und prägt sich besser ein als Worte“, sagt sie. Insbesondere bei jungen Menschen erhofft sie sich eine große Wirkung.

„Für Jugendliche ist Lungenkrebs nur ein Wort“, sagt Barbara Baysal. Vor elf Jahren hat sie das Gefühl der Panik kennengelernt, das Menschen erfüllt, wenn das Wort zur Diagnose wird. Sie hatte nur noch diesen Gedanken: „Ich muss sterben.“ Auf einmal schaffte sie es nicht mehr, sich Dinge zu kaufen. Weil es sich plötzlich nicht mehr zu lohnen schien. „Nicht mal Hausschuhe fürs Krankenhaus konnte ich mir besorgen.“

30 Jahre lang hat Barbara Baysal vorher geraucht, ihre Stimme ist tief und warm. 80 Prozent der Krebspatienten sterben. Barbara Baysal hat seit 2003 keine Beschwerden mehr. „Von Heilung kann ein Krebspatient nicht sprechen“, sagt sie. Die EU-Richtlinie findet sie gut. „Die schriftlichen Hinweise überliest man ganz gern“, sagt sie. „Da kann ein Schockerlebnis hilfreich sein.“

Wenn Barbara Baysal von ihrem größten Gut als Nichtraucherin spricht, klingt sie übermütig: „Das ist die Freiheit“, sagt sie.