Stuttgart - „Ist der schon wieder im Urlaub?“ Oder aber: „Die ist doch jetzt schon mindestens drei Wochen weg!“ Egal ob man sich für viele Kurzreisen entscheidet oder einen langen Jahresurlaub: Die Kollegen sind immer neidisch, der Chef unterschreibt den Urlaubsantrag meist nur widerwillig. Und der Arbeitnehmer? Würde einfach nur gern wissen, ob die Erholung nach einem Vier-Wochen-Urlaub besser ­anhält oder ob er mehr davon hat, mehrmals im Jahr eine kurze Auszeit zu nehmen.

Für Letzteres entscheiden sich zumindest immer mehr Deutsche: Während die Haupturlaubsreise nach einer Studie der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen 1983 noch 17,6 Tage dauerte, waren es 2011 nur noch 12,4 Tage. Zwar gibt es keine ­Zahlen darüber, wie lange die Deutschen ­unabhängig von einer Urlaubsreise freinehmen – allerdings planen 2012 nur elf Prozent der Bundesbürger ab 14 Jahren, in ihren ­Ferien zu Hause zu bleiben.

Einen Kurzurlaub von weniger als fünf Tagen machten 2011 56 Prozent der Deutschen. Diese Zahlen werden zwar erst seit 2009 erhoben, sind seitdem aber leicht gestiegen. Aber tun die Deutschen sich mit ihrem veränderten Urlaubsverhalten einen Gefallen? Wie gesund und erholsam sind viele kurze Reisen? Diese Fragen werden von Experten unterschiedlich beantwortet.

Der Arbeitsrechtler

Im Bundesurlaubsgesetz (Paragraf 7) ist der sogenannte Mindesturlaub mit mindestens 24 Werktagen pro Kalenderjahr festgeschrieben. Da zu den Werktagen auch der Samstag zählt, hat, wer samstags nicht arbeitet, einen Anspruch auf mindestens vier Wochen Urlaub im Jahr. „Dieser Urlaub sollte laut Gesetz auch am Stück genommen werden“, sagt Steffen Klumpp, Arbeitsrechtler von der Uni Erlangen-Nürnberg. Mal einen Freitag freizunehmen oder drei, vier Tage wegzufahren sei hingegen eigentlich nicht vorgesehen – und könne sowohl vom Arbeitgeber als auch vom Arbeitnehmer abgelehnt werden. „Das Bundesurlaubsgesetz hängt den Erholungsanspruch des Mitarbeiters sehr hoch. Und gute Erholung ist demnach nur in einem möglichst langen Urlaub möglich“, sagt Klumpp.

Weist der Arbeitgeber also einen vierwöchigen Urlaubsantrag seines Mitarbeiters zurück, müssen dem laut Klumpp besondere betriebliche Gründe entgegenstehen: ungewöhnlich viele Krankheiten oder Kündigungen beispielsweise. Und: „Sobald der Arbeitgeber aber einmal sein O. K. für den Urlaub gegeben hat, zählen selbst diese Gründe nicht mehr, um dem Mitarbeiter nicht freizugeben, selbst wenn eine Krankheit vor einem halben Jahr noch nicht absehbar war.“ Auch ein Rückruf aus dem Urlaub sei im Prinzip rechtlich nicht möglich, „denn auch das kollidiert mit dem Erholungsanspruch“.

Die Mediziner

„Zwei, besser sogar drei Wochen Urlaub am Stück“sind für Jörg Feldmann von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin einmal im Jahr unabdingbar. So seien meist weder An- noch Abreise ans Urlaubsziel erholsam und sei der Kopf sowohl die ersten als auch die letzten Urlaubstage meist noch oder schon wieder im Büro. Zum Wegfahren rät er trotz Reisestresses: „Den Alltagstrott hinter sich zu lassen fällt dabei einfach leichter.“ Auch Annette Wahl-Wachendorf vom Verband der deutschen Betriebs- und Werksärzte empfiehlt, einmal im Jahr drei Wochen freizunehmen.

Die beiden sind sich aber auch einig, dass ein Urlaub im Jahr nicht reicht, um Krankheiten wie Herz- und Kreislaufbeschwerden, Erschöpfungszuständen und einer höheren Anfälligkeit für Infektionskrankheiten vorzubeugen. „Wir haben in Studien gezeigt, dass Menschen, die dauerhaft mehr als acht Stunden am Tag arbeiten, auch häufiger krank sind“, sagt Feldmann. Der Körper brauche nicht nur im Urlaub Erholungspausen, sondern jeden Tag. „Es ist besser, kleine Wellnessmomente in den Alltag einzubauen, als einmal im Jahr einen Wellnessurlaub zu machen“, sagt Wahl-Wachendorf.

Die Wissenschaftlerin

Es gibt jede Menge wissenschaftliche Daten dazu, was Menschen in ihrer freien Zeit machen. Was davon zu ihrer Erholung beiträgt – und was nicht. Bloß, wie lange der Mensch dazu am Stück frei braucht – das wurde bislang nicht erhoben. „Es gibt aus wissenschaftlicher Sicht keine Daten, die wirklich belegen, dass mehrere Kurzurlaube oder ein Urlaub von mindestens drei Wochen gesünder wäre“, sagt Carmen Binnewies, Arbeitspsychologin an der Uni Münster.

Was man aus medizinischen Untersuchungen weiß: Gesundheitliche Beschwerden wie Kopf-, Bauch- und Rückenschmerzen und Stresshormone im Blut gehen schon nach ein paar freien Tagen zurück. Dass ein längerer Urlaub mehr Möglichkeiten bietet, sich mit anderen Dingen als der Arbeit zu beschäftigen und so mehr Abstand vom ­Alltag zu bekommen, klingt naheliegend – wurde bislang aber nicht durch Studien ­belegt.

Erforscht hingegen ist, dass die Urlaubserholung meist schon nach der ersten, ­spätestens aber nach der dritten Arbeitswoche wieder aufgebraucht ist – unabhängig davon, wie lange man verreist war. „Länger hält sie nur bei solchen Menschen, die es auch im Alltag gut schaffen, sich nach Feierabend zu ­entspannen“, sagt Binnewies.

Ob dies beim Sport, bei einem Biergartenbesuch mit Freunden oder im Theater sei, hänge auch von den einzelnen Vorlieben ab. „Wichtig ist nur, dass man die Tätigkeit freiwillig macht, die Arbeit dabei vergessen und entspannen kann. Das funktioniert mit ­körperlicher wie mit geistiger Ablenkung“, sagt Binnewies. Gleiches gelte auch für die Urlaubsgestaltung.

Dass ein Mitarbeiter sich im Urlaub und nach Feierabend möglichst gut erholt, nicht zu viele Überstunden macht oder gar Urlaubstage verfallen lässt, sollte laut ­Carmen Binnewies vor allem auch im Sinne des Arbeitgebers sein. „Unsere Studien haben gezeigt, dass ein erholter Mitarbeiter schneller arbeitet, Probleme besser löst und auch Kollegen eher hilft. Kurz: Er bringt ­einfach eine höhere Arbeitsleistung.“

 
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