Umzug Viel zu viele Sorgen im Süden
Miriam Hoffmeyer, 26.05.2012 10:00 Uhr
Wer Karriere machen will oder seine Traumstelle sucht, muss oft auch räumlich flexibel sein. Doch wenn die Familie von einer solchen Entscheidung mit betroffen ist, kann das den Wechsel deutlich komplizierter machen. Selbst wenn alle Familienmitglieder willens sind, sich auf das Abenteuer Umzug einzulassen.Foto: Sudek
Karlsruhe - „Gruuschd” - auf Badisch bedeutet das „Kram”, so viel haben sie schon gelernt. Auch sonst ist im fernen Süden manches anders. Die Mieten in Karlsruhe sind zum Beispiel etwa zwei Euro pro Quadratmeter teurer als daheim. Um ihr gewohntes Mietniveau zu halten, müsste die Familie in ein Dorf im Pfinztal ziehen. Oder sollen sie eine Immobilie kaufen? Die Familie beschließt, zunächst in der Stadt zu mieten und abzuwarten, wie sich die beiden Kinder in ihren neuen Schulen einleben.
Dabei gibt es so manche Überraschung. Der Sohn der Meyers kommt in die vierte Grundschulklasse, vor einem Jahr hat er in Kiel mit Englisch angefangen. In den Grundschulen in Karlsruhe wird aber nur Französisch gelehrt - und das schon ab der ersten Klasse. Wenigstens haben die Eltern kein Betreuungsproblem, weil die Schule glücklicherweise Ganztagsunterricht bietet. Das trifft bisher nur auf jede achte Grundschule in Baden-Württemberg zu. Und wie sich herausstellt, wird Französisch nur eine Stunde pro Woche unterrichtet, der Unterricht beruht auf Hörverstehen. Anders ausgedrückt: Egal, welche Fremdsprache auf dem Stundenplan steht - richtig gelernt wird sie sowieso erst an der weiterführenden Schule. Welche das sein wird, können die Eltern selbst entscheiden, denn die Grundschulempfehlung ist in Baden-Württemberg künftig nicht mehr verbindlich.
Umziehen in ein anderes Land wäre kaum komplizierter
Mehr Kopfzerbrechen macht den Meyers die Schullaufbahn ihrer Tochter. Selbst wenn Kinder nach einem Umzug in ein anderes Bundesland in derselben Schulform bleiben, wiederholen sie häufig ein Schuljahr, weil die Lehrpläne so unterschiedlich sind. Noch komplizierter ist der Wechsel zwischen den vielen unterschiedlichen Schulformen der Bundesländer. In Schleswig-Holstein wurden Haupt- und Realschulen abgeschafft, die Tochter der Meyers hat die siebte Klasse der neuen Gemeinschaftsschule besucht und sehr gute Noten bekommen. In Baden-Württemberg sind Gemeinschaftsschulen zwar geplant, bisher gibt es aber keine. Nun müssen die Meyers entscheiden, ob ihre Tochter auf die Realschule oder das Gymnasium gehen soll. Für den Wechsel zwischen den Schulformen innerhalb Baden-Württembergs sind Notenschnitte entscheidend. Aber was sind die Noten der Kieler Gemeinschaftsschule in diesem System wert? Die Meyers überlegen mit Schulleitern und Beratungslehrern hin und her.
Am Ende überwiegt die Sorge, dass ihre Tochter im achtjährigen Gymnasium nicht mithalten könnte. Sie trösten sich damit, dass viele baden-württembergische Realschüler am Ende doch noch studieren: Die beruflichen Gymnasien wurden in den vergangenen Jahren massiv ausgebaut. Wenn die Tochter der Meyers nach der zehnten Klasse einen mittleren bis guten Abschluss schafft, kann sie auf diese Schulform wechseln und nach drei Jahren Abitur machen.
Im Süden werden weniger als 20 Prozent der Dreijährigen in Krippen betreut
Familie Schmidt aus Berlin-Köpenick zieht in den Großraum München um. Die sechsköpfige Familie braucht besonders viel Platz - nur ist Wohnen in München fast doppelt so teuer wie in Köpenick. Wie den meisten anderen Familien bleibt auch den Schmidts nichts anderes übrig, als in den Speckgürtel zu ziehen. In Dachau beispielsweise kosten Einfamilienhäuser etwa ein Drittel weniger als in München. Nach der Haussuche kommt ein neues Problem auf die Eltern zu: Wer soll ihre Nachzüglerin, die anderthalbjährige Tochter, betreuen, wenn sie arbeiten? Während in Berlin mehr als 40 Prozent der unter Dreijährigen in Krippen, Kindergärten oder von öffentlich geförderten Tagesmüttern betreut werden, sind es in Bayern - ebenso wie in Baden-Württemberg - trotz des stetigen Ausbaus immer noch nur etwa 20 Prozent. Erstaunt sind die konfessionslosen Schmidts über die große Zahl kirchlicher Kindergärten in Bayern. Sollen sie ihre Tochter wirklich in einer Einrichtung anmelden, die „Leiden Christi” heißt? Für die erste Zeit muss jedenfalls eine Kinderfrau her.
Der elf Jahre alte Sohn der Schmidts war bisher noch auf der Grundschule, die in Berlin sechs Jahre dauert, und hat deshalb noch keine Schullaufbahnempfehlung erhalten. Die Eltern möchten ihn gern aufs Gymnasium schicken. Auch der Eignungstest der Schulberatungsstelle, der bei der Orientierung helfen soll, spricht dafür. Trotzdem muss der Junge am Probeunterricht des Gymnasiums teilnehmen, bevor er aufgenommen wird. Sein 13 Jahre alter Bruder ist das schulische Sorgenkind der Familie: Auf der Berliner Gesamtschule hatte er eher schlechte Noten. Die Eltern wollen ihn aber auf keinen Fall auf die Hauptschule schicken, auch wenn die in Bayern in „Mittelschule” umgetauft wurde. Die Lösung für den 13-Jährigen ist am Ende die Wirtschaftsschule, eine bayerische Spezialität. Mittelschüler mit einem ordentlichen Notendurchschnitt können nach der sechsten oder siebten Klasse auf diese Schulform wechseln. 95 Prozent dieser Absolventen werden erfolgreich in kaufmännische Ausbildungen vermittelt.
In Entscheidungsnöte kommt auch der älteste Sohn, der in der Berliner Gesamtschule die zwölfte Klasse der gymnasialen Oberstufe besucht hat. In Bayern könnte er sofort in die elfte Klasse des achtjährigen Gymnasiums wechseln. Allerdings müsste er dann extrem viel Stoff in der zweiten Fremdsprache nachholen, mit der er in Berlin erst vor einem Jahr begonnen hat. Deshalb geht er lieber auf die Berufliche Oberschule, die den beruflichen Gymnasien in Baden-Württemberg ähnelt. Sie führt in zwei Jahren zur Fachhochschulreife und nach einem weiteren Jahr zum Abitur.


