Stuttgart/Brüssel - Der Verband der euro­päischen Übertragungsnetzbetreiber (Entso-E) plant, Kühlschränke, Gefriertruhen, Wärmepumpen und Warmwasserheizungen in Europa millionenfach fernzusteuern. Nach Informationen der Stuttgarter Nachrichten hat Entso-E im vergangenen Januar einen entsprechenden Vorschlag auf europäischer Ebene eingebracht.

„Der Vorstoß sieht vor, dass Kühlschränke, aber auch Klimaanlagen oder Wärmepumpen, ohne Wissen der Nutzer aus der Ferne an- und ausgeschaltet werden sollen“, sagte ein Sprecher des Hausgeräte-Herstellerverbands (Ceced). „Die Netzbetreiber können dann quasi Hausgeräte aus der Ferne an- und ausschalten.“ Dazu nötig seien neue Elektronikbauteile.

Zunächst sind von dem Vorschlag nach Informationen unserer Zeitung nur Neugeräte betroffen. Nach Schätzungen des Ceced-Verbands gibt es in Europa allein rund 200 Millionen Kühlschränke. Dazu kommt eine ähnliche Anzahl Waschmaschinen. Auch sie könnten nach Angaben des Ceced-Sprechers „ferngesteuert“ werden.

Die Übertragungsnetzbetreiber treiben das Thema derzeit massiv voran, weil sie um die Stabilität der Stromversorgung fürchten. Seit Windräder und Solaranlagen in Deutschland in großer Zahl errichtet werden und zusätzlich immer mehr herkömmliche Kraftwerke vom Netz gehen, schwankt das Angebot von Strom im Jahresverlauf stark. An windigen Sommertagen können die Leitungen die großen Mengen an Wind- und Solarstrom oft nicht mehr aufnehmen. Andererseits fehlt nach der Abschaltung von mehreren Kern-, Gas- und Kohlekraftwerken an trüben Wintertagen oft Energie.

Kurzzeitiges Herunterfahren ohne Probleme

Durch das großflächige Ab- oder Anschalten von Hausgeräten sollen die Schwankungen nun ausgeglichen werden. Aufgrund ihrer „großen Zahl“ könnten Hausgeräte einen „signifikanten Beitrag“ zur Versorgungssicherheit in Europa beitragen, heißt es in einem Papier der Entso-E, das unserer Zeitung vorliegt.

Besonders Kühlgeräte wie Gefriertruhen eignen sich nach Ansicht der Befürworter der Pläne gut als Abschaltreserve für den Notfall. Das Argument ist, dass sich ein kurzzeitiges Herunterfahren nicht auf die Güte der in den Geräten gelagerten Lebensmittel auswirkt.

Bei den Herstellern von Weißer-Ware-Geräten sieht man das anders. „Wir sehen die Vorschläge der europäischen Netzbetreiber sehr kritisch“, sagte ein Sprecher von Europas größtem Weißer-Ware-Hersteller, Bosch-Siemens-Hausgeräte. Der Vorstoß sei vor allem für die Konsumenten unvorteilhaft. So müsse die „sichere Kühlung von Lebensmitteln“ in jedem Fall gewährleistet werden, sagte der Sprecher. Entsprechende Steuerungstechnologien „müssen jedoch erst noch zur Reife gebracht werden“. Eine Umrüstung von Altgeräten sei derzeit sowieso „nicht möglich“.

Der Haushaltsgeräte-Branchenverband Ceced fürchtet nach Angaben eines Sprechers gar, dass Haushalte zum Einsatz der „teuren Technologie“ gezwungen werden. Tatsächlich geht aus Dokumenten der Übertragungsnetzbetreiber hervor, dass die Ausrüstung neuer Haushaltsgeräte mit der An-Aus-Elektronik „zwingend“ vereinbart werden soll. Allerdings werde man auf eine Zwangsabschaltung im Haushalt nur als letztes Mittel zurückgreifen, falls andere Optionen, die Netzstabilität wieder herzustellen, versagen.

„Wir lehnen die Pläne ab, wenn sie auf Zwang basieren“

Auch Verbraucherorganisationen üben massive Kritik an dem Vorstoß der für die Energiesicherheit zuständigen Übertragungsnetzbetreiber. Bis der Hausgerätebestand erneuert sei, vergingen Jahre, sagte Holger Krawinkel, Energieexperte beim Bundesverband der Verbraucherzentralen (vz-bv). Selbst wenn die Maßnahmen irgendwann einmal Wirkung zeigen sollten, seien die jetzigen Netzengpässe dann wahrscheinlich schon überwunden. „Wir lehnen die Pläne ab, wenn sie auf Zwang basieren“, sagte Krawinkel.

Tatsächlich könnte der Vorstoß für die Haushalte auch zu erheblichen finanziellen Belastungen führen. Durch die Ausrüstung mit der High-Tech-Elektronik steigt der Kaufpreis eines Geräts je nach Bauart um 10 bis 50 Euro. Kosten die nach Angaben von Bosch-Siemens „letztendlich die Konsumenten tragen müssen“. Die Einschätzung wiegt umso schwerer, weil es jüngst bei Industriebetrieben genau umgekehrt lief. Sie bekommen satte Rabatte auf ihren Strompreis, wenn sie sich bereit erklären, Anlagen in Engpasssituationen auszuschalten und dadurch die Netzstabilität zu sichern.

Grundlage ist eine Verordnung der Bundesregierung, die zum 1. Januar 2012 in Kraft trat. Diese sogenannte Verordnung über Vereinbarungen zu abschaltbaren Lasten regelt haarklein, welche Rabatte Indus­triefirmen winken, wenn sie ihre Generatoren und Bänder in kritischen Netzsituationen abstellen. Je vertraglich stillgelegtes Kilowatt Leistung erhalten sie 2,5 Euro. Für jede Kilowattstunde, die ihre Geräte dann tatsächlich vom Netz genommen werden, bekommen sie laut Verordnung noch einmal zwischen 10 und 40 Cent vergütet. Bei Großunternehmen kommen so leicht riesige Euro-Summen zusammen. Diese zahlen am Ende auch wieder die Haushalte über einen höheren Strompreis.

Vor allem vor diesem Hintergrund hält Energieexperte Krawinkel die jetzt diskutierten Zwangsabschaltungen für untragbar und spricht von einer „augenscheinlichen Ungleichbehandlung“.

Wenn die An-Aus-Technologie Erfolg haben solle, müssten auch die Haushalte für ihre Bereitschaft bezahlt werden, sich zeitweise vom Netz nehmen zu lassen, sagt er. Dann würden die Kunden vielleicht sogar selbst nach der Fernsteuerung für ihre Kühlschränke fragen.