Stuttgart - Über den Einsatz von V-Leuten spricht man nicht. Das ist Grundsatz bei der Polizei, wie bei allen Sicherheitsbehörden. „Diese VPs, – wir sprechen von Vertrauenspersonen – leben ein gefährliches Leben. Darum müssen wir in diesem Bereich höchst sensibel vorgehen und alles unterlassen, was deren Identität aufdecken könnte“, sagt ein erfahrener Polizeibeamter.

Doch Politik funktioniert anders. So gab der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger (SPD) kürzlich überraschend auf eine Parlamentarische Anfrage der Piraten-Partei bekannt, dass die NRW-Polizei „im Zusammenhang mit Sportveranstaltungen, insbesondere von Fußballspielen“ solche Vertrauenspersonen zur Gefahrenabwehr eingesetzt habe. Darauf bestätigten auch die Innenminister in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz in dürren Worten den Einsatz von V-Leuten.

Gerüchte und Berichte über „Schnüffler in der Fankurve“ gab es schon länger. Vor allem die Szene der Ultras – besonders fanatische Fans mit großem Selbstbewusstsein – kritisiert die „präventive Bespitzelung“ und sieht sich in ihrer generellen Ablehnung gegenüber der Polizei nur bestätigt, auch in Stuttgart. „Wir sind über den Einsatz der V-Leute empört“, erklärt ein Mitglied der im Daimler-Stadion tonangebenden Ultras des Commandos Cannstatt unserer Zeitung. „Die Maßnahme ist völlig unverhältnismäßig. Damit stellt die Polizei Menschen, die den Fußball lieben und feiern, auf eine Stufe mit politisch oder religiös motivierten Terrorgruppen oder Gruppen des organisierten Verbrechens, deren einziges Ziel es ist, brutale und menschenverachtende Straftaten zu begehen.“

Prävention, nicht Strafverfolgung lautet das Ziel der Polizei

Das will die Stuttgarter Polizei nicht auf sich sitzenlassen. Gegenüber den Stuttgarter Nachrichten nimmt sie erstmals zum Einsatz ihrer V-Leute Stellung. „Die Einsätze richten sich nicht gegen den VfB, die Stadionbesucher oder spezielle Fan-Gruppierungen“, sagt Dezernatsleiter Willy Pietsch. „Wir spähen auch nicht das Commando Cannstatt aus“, ergänzt der Kriminalhauptkommissar. „Der Einsatz von VPs richtet sich gezielt gegen einzelne Personen und eine Szene, die Gewalt- und schwere Straftaten begehen im Umfeld von Fußballspielen – aber auch andernorts.“ An erster Stelle gehe es dabei um Prävention, nicht um Strafverfolgung. „Wir wollen mit dem taktischen Einsatz von Vertrauenspersonen im Wesentlichen Straftaten verhindern“, sagt Pietsch. Das begrüßt man auch beim VfB Stuttgart. „Wenn konkrete Anhaltspunkte bestehen, dass es in speziellen Fan-Gruppierungen kriminelle Energien gibt, halten wir V-Leute nicht für verwerflich“, erklärt der Bundesligist.

Wie viele V-Leute das Stuttgarter Polizeipräsidium einsetzt, bei welchen Spielen und welchen Vereinen, sagt Pietsch nicht. In der Regel sind es Spiele der ersten und zweiten Liga sowie Länderspiele, heißt es in Sicherheitskreisen. Es gibt aber auch Clubs wie Alemannia Aachen, die in unteren Spielklassen ein brisantes Fan-Umfeld haben. Die Identitäten der V-Leute sind im Stuttgarter Präsidium nur sehr wenigen Beamten bekannt. „Ich kenne keinen; und nicht einmal unsere Ermittler wissen, in welcher Situation wir jemand haben oder nicht“, verdeutlicht Pietsch. Falls ein V-Mann Straftaten begehe, mache er sich genauso strafbar wie jeder andere Bürger.

„Die V-Leute im Fußball stehen unter einem hohen psychologischen Druck“

Die Bezahlung der V-Leute richtet sich nach der Qualität ihrer Informationen. Die Summen liegen unterhalb dessen, was in der Öffentlichkeit vermutet wird, deutet Pietsch an. Für die Polizei sind V-Leute auch nur ein Mosaikstein in der Sicherheitslage. Die zugetragene Info gilt bei der Lagebeurteilung der Polizei als „weicher“ gegenüber der „harten“ Erkenntnis eigener Polizeiarbeit.

Kritiker wie die Ultras stellen das geheime Ermittlungssystem der Polizei komplett infrage. „Die V-Leute im Fußball stehen unter einem hohen psychologischen Druck“, argumentiert das Mitglied des Commandos Cannstatt. Einerseits missbrauchten sie das Vertrauen anderer Fans; andererseits seien sie stark abhängig von ihren V-Mann-Führern bei der Polizei und stünden dort unter hohem Erwartungsdruck. „Welchen Wert haben vermeintliche Erkenntnisse über Ultras, die unter einem derartigen Druck an die Sicherheitsbehörden geliefert werden?“, fragt der Ultra. „Was ist eine Information wirklich wert, für die Geld bezahlt wird?“

Pietsch kennt solche Argumente, nicht erst seit der V-Mann-Debatte. „Das Problem ist, dass man geglückte Prävention – anders als Straftaten – nicht messen kann“, sagt er. Wenn man das Aufeinandertreffen verfeindeter Fan-Gruppen aus der Bundesliga vermeiden, Schlägereien in der Öffentlichkeit verhindern und auch Unbeteiligte damit schützen könne, sei das durchaus ein Erfolg, sagt er: „In der Presse heißt es nach riskanten Begegnungen oft, zu den befürchteten Fan-Krawallen sei es nicht gekommen – bloß ist das nicht die ganze Geschichte.“