Ukraine Erwägt Merkel einen Boykott der EM?

dpa, 29.04.2012 14:12 Uhr

Berlin/Kiew - Im Streit um das Schicksal der ukrainischen Oppositionsführerin Julia Timoschenko erwägt Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) einen politischen Boykott der Fußball-EM.

Sollte die in Haft erkrankte Politikerin bis zu dem in knapp sechs Wochen beginnenden Turnier nicht freigelassen worden sein, will Merkel nach Informationen des Magazins "Der Spiegel" ihren Ministern empfehlen, den Spielen in der Ukraine fernzubleiben. Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) zeigte sich entsetzt über den Umgang mit Timoschenko. Die Widersacherin von Präsident Viktor Janukowitsch befindet sich nach eigenen Angaben seit dem 20. April im Hungerstreik.

Ukraine empört über Merkels Interview

Bereits in der Vorwoche hatte Merkel in einem Interview den Umgang mit der früheren ukrainischen Regierungschefin scharf kritisiert und deren Behandlung in einem Krankenhaus in Deutschland befürwortet. Dies stieß am Wochenende auf Empörung bei der Regierungspartei in Kiew. Die Kanzlerin habe offenbar für einen Moment "vergessen", dass sie die Bundesrepublik und nicht die Ukraine regiere, sagte Wassili Kisseljow von der Partei der Regionen. Die Äußerungen von Angela Merkel seien eine "ungenierte Einmischung in die inneren Angelegenheiten" der Ex-Sowjetrepublik, hieß es in einer am Sonntag veröffentlichten Erklärung Kisseljows.

Das Bundespresseamt wollte sich zu dem "Spiegel"-Bericht nicht äußern. Regierungssprecher Steffen Seibert hatte am Freitag betont, die Politikerin müsse die nötige medizinische Behandlung erhalten. Deutschland bietet eine Behandlung Timoschenkos durch Spezialisten der Berliner Charité an, die Timoschenko bereits in der Ukraine untersucht hatten.

Sprecher Seibert kommentiert nicht

Die Frage, ob Merkel zur Fußball-Europameisterschaft in die Ukraine reisen werde, ließ Seibert offen. Bei der Entscheidung werde die weitere Entwicklung im Fall der Anführerin der gegen Janukowitsch gerichteten Orangenen Revolution von 2004 berücksichtigt. Sollte die Ukraine hart bleiben, fordert auch der SPD-Chef Sigmar Gabriel alle Politiker zu einem Boykott der EM-Spiele in der Ukraine auf. Die Ukraine trägt die am 8. Juni beginnende Fußball-Europameisterschaft gemeinsam mit dem Nachbarn Polen aus.

Timoschenko klagt seit längerem über starke Rückenschmerzen. Sie wirft dem Staat Foltermethoden in Haft vor, weil sie nicht ordnungsgemäß behandelt werde. Der Machtapparat bezeichnete sie dagegen als Simulantin. Jüngste Fotos zeigen die 51-Jährige mit Prellungen, die ihr Wachbeamte zugefügt haben sollen.

Timoschenkos Tochter Jewgenija forderte die Bundesregierung auf, das Leben ihrer Mutter zu retten. "Das Schicksal meiner Mutter und meines Landes sind jetzt eins. Wenn sie stirbt, stirbt auch die Demokratie", sagte Jewgenija Timoschenko der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung".

Medwedew kritisiert ukrainische Regierung

Auch der russische Präsident Dmitri Medwedew nannte den Umgang des Nachbarlands mit Timoschenko "völlig inakzeptabel". Der Staatschef bezeichnete die Situation im Nachbarland als "höchst befremdlich". Der Kreml hatte bereits mehrfach massive Kritik am Prozess gegen Timoschenko geäußert. Sie war im Vorjahr wegen angeblich einseitiger Gasverträge zugunsten Russlands zu sieben Jahren Haft verurteilt worden.

Außenminister Westerwelle kritisierte, Timoschenko werde "entgegen aller rechtlichen und moralischen Pflichten in der Ukraine eine angemessene medizinische Behandlung verweigert". "Die Berichte über die Misshandlung von Julia Timoschenko haben mich schockiert", sagte der FDP-Politiker der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". Sollten die Angaben zutreffen, falle ihm die Vorstellung schwer, einfach wieder zur Tagesordnung zurückzukehren. Er teile die große Sorge der Familie und Freunde um die Gesundheit Timoschenkos.

In Kiew forderte der Oppositionspolitiker Vitali Klitschko eine schnelle Aufklärung der Bombenserie mit 30 Verletzten in der Stadt Dnjepropetrowsk. "Bis wann wollen Sie den Ukrainern und den westlichen Freunden, die zur Fußball-Europameisterschaft kommen wollen, eine klare Antwort über den Schuldigen geben?", fragte der Box-Weltmeister bei einer TV-Debatte den Vize-Geheimdienstchef Wladimir Rokitski. In Dnjepropetrowsk, der Heimatstadt Timoschenkos, waren am Freitag vier Bomben explodiert. Die Hintergründe sind weiter unklar.

 
 
Kommentare (2)
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APR
30
WSE, 12:22 Uhr

What´s up?

Zur Olympiade in China gab´s doch auch keinen Boykottaufruf. Also - was soll das? Wenn oportun dann bricht bei den Politikern immer das Gutmenschentum aus!

APR
29
Befürworter, 23:17 Uhr

Endlich...

... denkt diese Frau einmal über etwas sinnvolles nach. Allerdings würde ich mein letztes Hemd verwetten, daß sie am Ende doch wieder einknickt. Schließlich ist sie vom Osten und das merkt man an allem was sie tut. Ich habe noch nie bemerkt, daß sie etwas sinnvolles für den Westen getan hat. Hauptsache der Osten ist versorgt.