Oberndorf. Nach der Flucht des autoritären Herrschers Ben Ali steht Tunesien vor einem neuen Kapitel seiner Geschichte. Der Orient-Experte Marco Schöller ist optimistisch, dass der Schritt in Richtung mehr Demokratie gelingt. Herr Schöller, warum ist es ausgerechnet in Tunesien, das als politisch ruhig galt, zu einem solchen Umsturz gekommen? Ein Grund dafür könnte sein, dass die tunesische Bevölkerung sehr viel über die Zustände außerhalb ihres Landes weiß. Die Tunesier haben eine realistische Vorstellung darüber, wie wir im Westen leben. Sehr viele Menschen sind französischsprachig, sie kennen die französische Presse, die es an den Kiosken gibt, sie schauen französisches Fernsehen. Die Leute ? ob Taxifahrer oder Gemüsehändler ? wissen, wofür sie streiten: für mehr Demokratie. Im Gegensatz zu anderen arabischen Ländern? Richtig. Die Bevölkerung in Ägypten oder im Jemen zum Beispiel kann nur Arabisch, sie hat keinen direkten Zugang zur westlichen Medienwelt. Das ist der große Unterschied. Wenn man einen einfachen Ägypter nach Europa fragt, meint der, dass wir in einem Schlaraffenland leben. Ein Klischee übrigens, das auch vom Tourismus geprägt wird. Müssen andere Potentaten in der arabischen Welt um ihre Macht bangen? Auswirkungen müssen alle arabischen Staaten befürchten, in denen ähnliche Zustände wie in Tunesien herrschen, wo es also scheindemokratisch oder diktatorisch zugeht ? zum Beispiel in Libyen und Syrien. Marokko und Jordanien betrifft das etwas weniger, da hat sich die politische Landschaft in letzter Zeit etwas aufgelockert. Das Land, das politisch am ehesten mit Tunesien zu vergleichen ist, ist Ägypten. Dort sind die innenpolitischen Verhältnisse ziemlich explosiv. Und Präsident Hosni Mubarak ist alt, er scheint gesundheitlich nicht mehr in der Lage, sein Amt auszufüllen. Die ganze Situation erinnert ein wenig an Polen Anfang der 80er Jahre, als die Solidarnosc-Bewegung das kommunistische Machtsystem im ganzen Ostblock erschütterte. Wie soll das Ausland auf die tunesische Revolution reagieren? Allzu viel kann man nicht tun, man kann ja keine Truppen dort hinschicken. Man kann allenfalls Beobachter entsenden, wenn es zu freien Wahlen kommt, den Oppositionsparteien im Wahlkampf finanziell helfen oder den Aufbau unabhängiger Medien unterstützen. Es ist auf jeden Fall gut, dass Deutschland und die Europäische Union die Entwicklung in Tunesien begrüßen. Darauf hat man bedauerlicherweise ein paar Tage warten müssen. Diplomatische Verwerfungen sind nicht zu befürchten, die arabische Welt wird wegen ihren Abhängigkeit vom Westen kaum eine negative Reaktion zeigen.Was raten Sie denen, die ihren Urlaub in Tunesien verbringen wollen? Ich wage da keine Prognose. das wäre nicht seriös. Die Lage kann sich noch in alle Richtungen entwickeln, auch ein Militärputsch ist nicht auszuschließen.Steht Arabien vor einer Zeitenwende? Das wäre wünschenswert. Wenn die Revolution gelingt, hätten wir den ersten wirklich freien demokratischen Staat in der arabischen Welt. Gut möglich, dass dann in einigen Jahren auch andere arabische Staaten nachziehen.Sind Sie optimistisch, dass die tunesische Revolution gelingt? Wenn die Revolution in Ägypten oder Algerien stattfinden würde, wäre ich eher pessimistisch. Bei Tunesien überwiegt allerdings mein Optimismus, das ist ja ein cleveres Land. Man steht dem Westen nah, und es gibt viele intelligente Leute, die das nordafrikanische Land weiterbringen können und die auch mit unseren rechtsstaatlichen Mechanismen vertraut sind. Das gibt mir schon Hoffnung. u?Die Fragen stellte Winfried Weithofer.