Von Hans-Jürgen Kommert Raumschaft Triberg. Siegfried ­Jäckle ist als unerschrockener Kämpfer für eine gerechte Entlohnung der Bauern in den Hochlagen des Schwarzwalds bekannt. Am internationalen Tag der Berge ging es ihm und Referenten um die Zukunft der Milchwirtschaft.Witterungsbedingt waren nicht allzu viele Gäste in den "Löwen" auf die Escheck nach Schönwald gekommen.

André Pflimlin zeigte diverse Unterschiede in den Leistungen der Rinder und der Staaten auf. "Wohin entwickelt sich die Milcherzeugung in Europa und was heißt das für die Bergregionen?", lautete seine provokante Frage. Dabei legte der ehemalige Direktor am Französischen Institut für Rinderzucht in Paris den Finger in die Wunden: Es gebe große Unterschiede auf der Welt, was den Preis der Milch anbelangt, allerdings auch enorme Differenzen im Erzeugerpreis.

Während Deutschland relativ moderate Erzeugerkosten habe (allerdings unterschiedlich in den verschiedenen Lagen), seien die Kosten in Frankreich ungleich höher.

Dagegen lägen in Neuseeland die Kosten so niedrig, dass es ein Unding sei, auf dem Weltmarkt gegen diese Preise antreten zu wollen. Auch Irland habe beispielsweise sehr niedrige Erzeugerkosten, da dort neun Monate lang Weidebetrieb ohne große Zufütterung von Kraftfutter herrsche. In den USA und Kanada werde der Milchpreis massiv seitens der Regierung gestützt, dazu würden solch enorme Einfuhrzölle erhoben, dass diese Märkte praktisch vom Weltmarkt abgeschnitten seien.

Obwohl die Landwirte in Kalifornien praktisch keinerlei Land besäßen und keinen Stall, sondern lediglich einen Sonnenschutz vorhielten, sei inzwischen durch den enormen Futterkauf die Kostenstruktur kräftig durcheinander gewirbelt. Dazu hätten dort restriktive Umweltgesetze für einen enormen Druck gesorgt. Dennoch seien in den USA Herden mit mehr als 1000 Kühen durchaus im Bereich des Normalen, während der Durchschnitt der polnischen Betriebe bei gerade mal fünf Rindern liege.

In Deutschland sei das Bild vollkommen verschieden. Während der Süden meist kleinbäuerliche Strukturen mit 20 bis 40 Kühen aufweise, der Norden deutlich größere Betriebe mit hoher Milchleistung und bis zu 100 Kühen, seien durch die Privatisierung der früheren LPG beinahe amerikanische Verhältnisse mit riesigen Herden bis zu 1000 Stück Milchvieh beinahe normal. Allerdings sehe er für die Zukunft eine Konkurrenzsituation mit dem Getreideanbau, wie im Norden mit dem Mais.

Wenn der Milchmarkt der Europäer in Zukunft am Weltmarkt bestehen wolle, sei ein niedriger und volatiler Milchpreis die Folge, konstatierte er. Sollte man sich auf eine ausschließlich europäisch ausgerichtete Milchpolitik einigen, sehe er eine Ausrichtung der Produktion am Bedarf. Dies könne aber einen stabilen, auskömmlichen Preis für Erzeuger, aber auch für den Kunden bedeuten. Hier sehe er aber eine vorzugsweise Milchverteilung auf die Grünland- und Bergregionen als Vorteil. Dabei sollte der Weltmarkt nur mit Qualitätsprodukten beliefert werden, die ohne Hilfe des Staates vermarktbar seien. Dazu gelte es, Sicherheitspuffer in Form von Pulver, Käse und Butter anzulegen. "Ich hatte schon lange das Gefühl, wir befinden uns derzeit auf dem Irrweg", bekannte der Experte.

Es gebe wohl wenige Menschen, die sich so tiefgründig in die Agrarwelt eingearbeitet hätten wie Lutz Ribbe. Der Leiter der politischen Abteilung der "Euronatur" ist zugleich Mitglied der Wirtschafts- und Agrarkommission in der EU. "Wo keine Kühe mehr weiden, kann man keine Touristen melken", machte er den Bauern klar. Er wolle etwas Ernüchterung reinbringen in den Optimismus, denn er sehe für die Zukunft für die bäuerlichen Prämien ein anders System als die Flächenprämien. Er sehe auch nach der Ablehnung einiger Staaten die derzeitige Agrarreform noch nicht als gescheitert an. Denn ab 2014 soll als wichtiges Instrument bei der Prämienzuteilung das so genannte Greening im Vordergrund stehen, also der ökologische Landbau.

Ausgerechnet Deutschland stelle sich allerdings dagegen. Er sei jedoch der Ansicht, dass die Entscheidung dazu nicht mehr in der Ministerkonferenz getroffen werde, sondern von den Regierungschefs. Dies bedeute aber speziell für die kleinbäuerlichen Strukturen des Schwarzwalds: "Sie brauchen hier gar nichts zu machen, bei Ihnen ist alles Grün", behauptete er.