Wovon handelt der Sport? Vom schmerzreichen Siegen! Und wovon handelt ein guter Roman? Vom lustvollen Verlieren! Der Sport wie auch die Literatur erzählen im besten Falle spannende Geschichten. Doch am Ende kommen sie nicht wirklich zusammen. Der Fan der Fußballmannschaft von Real Madrid schreit am Saisonende niemals „Hurra, Zweiter!“, wenn die Erzrivalen aus Barcelona ihm wieder mal die Meisterschaft weggeschnappt haben. Niemand interessiert sich für dessen Trauer. Anders der Romanfreund, der seinen Don Quijote, einen echten Loser, immer im Herzen trägt.

Don Quijote ist höchstwahrscheinlich die lächerlichste Figur der Literaturgeschichte. Ein Möchtegern-Ritter, der auf seinem Gaul Rosinante Windmühlen jagt und Dorfdirnen mit Burgfräulein verwechselt. Mit dem 1605 erschienenen Meisterwerk begründete der Spanier Miguel de Cervantes die Gattung Roman. Don Quijotes vergeblicher Kampf gegen die Realität ist bis heute die Blaupause für die moderne abendländische Prosakunst. Holzschnittartige Sieger- und Verlierercharakterisierungen, spielähnliche Dramaturgien, muskulöse Körper (Don Quijote ist ein Lulatsch, weswegen er „Der Ritter von der traurigen Gestalt“ genannt wird) und ein Happy End sind nur interessant für Fans des Trivialen.

Erst wenn ein Spiel abgepfiffen und die Zielfahne geschwenkt ist, erst wenn der Athlet zur Kreatur wird, beginnt der Roman. Und deshalb gibt es bis heute keinen literaturhistorisch bedeutenden Handball- oder Tischtennis-Roman. Herausragend sind hingegen einzelne Szenen, die für etwas anderes stehen. Präzise Körperskizzen wie jene in Botho Strauß‘ 1984 erschienenem Roman „Der junge Mann“, in der ein verzweifelter Regisseur wie zufällig in den ritualisierten Startvorbereitungen einiger Läufer die perfekte Theaterinszenierung erblickt. Die kindlich-grausame Beschreibung eines Fußballspiels wie in Sasa Stanisic‘ preisgekröntem Roman „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ (2006), die eine Parabel über den jugoslawischen Bürgerkrieg ist. Oder Jean Echenoz‘ beklemmende Biofiction „Laufen“ (2008) zum tragischen Lebenstempo des legendären Langstreckenläufers Emil Zátopek. Ansonsten Fehlanzeige.

Bücher verkaufen sich wie Tickets für ein Spitzenspiel

In letzter Zeit deutet sich aber eine Aufwertung an, spielen Sportromane plötzlich in der ersten Liga des Feuilletons, wo sich das Bedürfnis nach körperbetonten Geschichten lange in Grenzen hielt. Zumindest suggerieren das die euphorischen Rezensionen zu den Neuerscheinungen von Thomas Pletzinger oder auch Chad Harbach. Ihre Bücher verkaufen sich wie Tickets für ein Spitzenspiel.

Der Amerikaner Harbach landete mit seinem Roman „Die Kunst des Feldspiels“ gleich in den Top Ten der von der „New York Times“ ermittelten besten Bücher des Jahres 2011; im darauffolgenden Jahr folgte die Übersetzung ins Deutsche und ist ebenfalls ein Verkaufserfolg – obwohl die wenigsten hierzulande wissen, was ein Shortstop oder Inning im Baseball ist.

Noch erstaunlicher ist, dass sich hinter dieser „literarischen Sensation“ (Klappentext) eine konventionell erzählte College-Geschichte verbirgt. Auch das wenig überraschende Schicksal der Hauptfigur ist die werweißwievielte Verabschiedung des Amerikanischen Traums: Henry Skrimshander, ein Junge aus der Provinz, ist – drunter geht’s nicht – ein „Jahrhunderttalent“ mit eisernem Willen. Doch dann verschlägt Henry einen wichtigen Ball, und er verliert den Glauben an sein Können. In dieses durchsichtige Erzählnetz werden noch allerlei melodramatische Verwicklungen auf dem Campus eingeflochten. Game over. Ein Erstling wie gemacht für ein unterhaltsames Hollywood-Drehbuch à la „Rocky“ oder „Million Dollar Baby“.

Körperfixiert, nicht verkopft

Der Absolvent des Leipziger Literaturinstituts Thomas Pletzinger wiederum hat einen sogenannten Basketball-Roman geschrieben. „Gentleman, wir leben am Abgrund“ sei nach Meinung des Rezensenten der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ „phänomenal“, auch weil er wegen der Basketballnoppen auf dem Einband gut in der Hand liege. Neben der Haptik gefällt dem Kritiker, dass der Autor seine Geschichte mitten aus dem schweißtriefenden Leben schöpft, da Pletzinger eine Saison lang die Mannschaft des Bundesligisten Alba Berlin begleitet hat. „Er war im Trainingslager, fuhr im Mannschaftsbus, war in der Kabine, bei jedem Training. Er ist mit der Zeit Teil der Mannschaft geworden.“ Da der Plot, wie der Kritiker schreibt, „von der Wirklichkeit beglaubigt“ sei, ist er „großartig“.

In diesem Urteil steckt die Antwort auf die Frage, weshalb Sportromane zurzeit so hoch im Kurs stehen: Sie wirken so gar nicht verkopft, sondern körperfixiert – und damit authentisch. Sie tun einfach so, als könne man die Wirklichkeit mit Worten abbilden. Dass selbige nur ein Konstrukt ist und ein literarischer Text weit mehr ist als eine aufgepeppte Reportage, das lernt man im literaturwissenschaftlichen Seminar – oder beim Lesen von Cervantes‘ Roman, dessen Held sich schrecklich blamiert. Don Quijote ahnt es zwar nicht, dafür aber sein Knecht Sancho Panza. Und mit ihm der Leser.

Die Feier des Körpers taugt nicht zum Romansujet, das wusste keiner besser als Philip Roth, der 1973 einen satirischen Roman über einen alten Sportreporter schrieb, der einst von Hemingway höchstselbst aufgefordert wurde, „The Great American Novel“ zu schreiben. Der arme Kerl versucht es mit einer skurrilen Story über ein vergessenes Baseball-Team und scheitert beim Schreiben wie Don Quijote beim Heldsein.

Die Romane von Harbach und Pletzinger sind so naiv und ironiefrei wie jene trivialen Ritterromane, die Don Quijote gelesen hat, bevor er in die Schlacht gegen die Windmühlen zog. Doch der Trend ist ein anderer, Authentizität und Körperkult verkaufen sich heute besser als Ironie und Transzendenz. Im März erscheint ein neuer Krimi von Bestseller-Autor John Grisham namens „Home Run“. Er handelt von Joe, einem talentierten jungen Baseball-Spieler, der von einem Erfolg zum nächsten eilt – bis eine ominöse Zerrung alles verändert. Der Plot kommt einem irgendwie bekannt vor.