Titisee-Neustadt - Nebel und Regen tauchen die Behindertenwerkstatt in der Schwarzwald-Stadt Titisee-Neustadt (Breisgau-Hochschwarzwald) in tristes Einheitsgrau. Nur einige Kerzen flackern vor dem Gebäude, das am Montag für 14 Menschen zur Todesfalle wurde. Brandspuren und zerstörte Fensterscheiben erinnern am Tag danach an das Feuerdrama.

In Neustadt sind die Menschen indessen noch immer wie gelähmt, die Brandkatas­trophe hat das Schwarzwaldstädtchen mitten ins Herz getroffen: »Alle im Städtle haben am Montagabend unablässig miteinander telefoniert und geredet«, berichtet ein Mann. Jeder habe sich gegenseitig versichern wollen, dass die Menschen, die man in der Einrichtung kennt, auch wohlauf seien. »Als meine Tochter heute früh in der Zeitung auf einem Foto sah, dass einige der Menschen aus der Einrichtung, die sie kennt, gerettet sind, brach sie in Tränen aus«, berichtet ein Neustädter.

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Am späten Nachmittag erfährt die Öffentlichkeit im Feuerwehrhaus im Stadtteil Neustadt, was die Ermittlungen ergeben haben. Der leitende Oberstaatsanwalt Peter Häberle schildert, dass der verheerende Brand durch einen Gasofen verursacht wurde, der sich in der Werkstatt befunden habe. »Es kam an diesem Gasofen zu einem unkontrollierten Gasaustritt, anschließend zu einer Entzündung und Verpuffung des Gasgemisches«, sagt Häberle ganz sachlich. Neben der Ursache des unkontrollierten Austritts sei aber noch völlig unklar, warum der mit einer Gasflasche betriebene Heizofen, der laut Kreisbrandmeister Alexander Widmann auch in geschlossenen Räumen als Zusatzheizung genutzt werden darf, in der Werkstatt stand.

Caritas-Chef kündigt Überprüfung der Notfallkonzepte an

Nach derzeitigem Kenntnisstand spreche alles für ein Unglück, erklärt Häberle. Es gebe keine Anhaltspunkte für eine vorsätzliche Tat. Dennoch habe die Staatsanwaltschaft Ermittlungen gegen Unbekannt wegen fahrlässiger Brandstiftung beziehungsweise fahrlässiger Tötung eingeleitet.

Die 14 Toten hätten sich alle in dem Raum aufgehalten, in dem sich der gasbetriebene Heizofen befunden habe, erläuterte der Staatsanwalt. Ob dies auch auf alle Verletzten zutreffe, sei unklar.

Die Todesopfer der Brandkatastrophe sind mittlerweile identifiziert. 13 behinderte Menschen und eine ihrer Betreuerinnen fanden bei dem Unglück am Montagnachmittag den Tod. Die Betreuerin war 50 Jahre alt, die zehn toten behinderten Frauen und drei behinderten Männer in der Werkstatt waren zwischen 28 und 68 Jahren alt. Alle Opfer kamen aus dem Hochschwarzwald und lebten in nahen Orten wie Löffingen, Titisee und Neustadt.

Die Todesursache ist dem Staatsanwalt zufolge noch nicht bei allen Opfern geklärt. Einige der Menschen seien an einer Rauchvergiftung gestorben. Eine Sonderkommission der Kripo Freiburg setzt die Ermittlungsarbeit fort. 60 Beamte bearbeiten den Fall.

Schon vor der Pressekonferenz am Nachmittag hat die Freiburger Regierungspräsidentin Bärbel Schäfer (parteilos) festgestellt, dass es keinerlei Versäumnisse beim Brandschutz gegeben habe, sowohl im Gebäude als auch was die Fluchtwege und die Rampe für Rollstuhlfahrer betrifft. »Von den 97 Personen, die sich in dem Gebäude befunden haben, mussten nur elf von der Feuerwehr gerettet werden, alle anderen konnten selbstständig das Gebäude verlassen«, so Schäfer.

Caritas-Chef Peter Neher kündigte im ZDF-Morgenmagazin dennoch eine Überprüfung der Notfallkonzepte bei Behindertenwerkstätten an. Baden-Württembergs Innenminister Reinhold Gall (SPD) wies Forderungen zurück, die Einrichtung hätte mit einer Sprenkleranlage ausgestattet sein müssen. Eine solche Anlage sei nicht vorgeschrieben. Es komme vielmehr darauf an, ob die Rettungswegkonzeption stimme und dass geübt werde, wie man sich in solchen Situationen verhalte. Die Deutsche Hospiz Stiftung hatte verlangt, dass soziale Einrichtungen innerhalb der nächsten vier Jahre mit Sprinkleranlagen ausgerüstet werden müssten. »Was für die deutschen Flughäfen gilt, muss gerade für Einrichtungen der Pflege- und Behindertenfürsorge gelten«, sagte Stiftungsvorstand Eugen Brysch der »Neuen Osnabrücker Zeitung«.

Die Werkstatt bleibt mindestens bis Ende der Woche geschlossen

Für die Überlebenden der Brandkatastrophe geht es nun darum, das Erlebte zu verarbeiten, so Caritas-Sprecherin Heike Schäfer gestern: »Das wird den Betroffenen noch lange nachgehen.« Hilfsangebote gebe es mehrere, man müsse nun im Gespräch mit den Behörden herausfinden, was sinnvoll sei und gebraucht werde. »Auch die Bürgermeister der Gemeinden um Titisee-Neustadt herum haben ihre Hilfe angeboten«, berichtet Armin Hinterseeh.

Die Werkstatt in Neustadt bleibt mindestens noch bis Ende der Woche geschlossen. Dann müsse man sehen, wie groß der Gebäudeschaden ist und was dort überhaupt noch an Arbeit möglich sei, so Schäfer weiter. Man könne auch noch gar nicht absehen, wie die in unterschiedlichem Maße geistig behinderten Mitarbeiter aus der Werkstatt mit der schrecklichen Katastrophe umgingen.

Der Opfer wird am Samstag in ganz Baden-Württemberg gedacht. Für diesen Tag sei landesweit Trauerbeflaggung angeordnet, sagte Ministerpräsident Winfried Kret­schmann (Grüne) in Stuttgart. Die geplante Trauerandacht im St.-Jakobus-Münster halten der Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch und der Landesbischof der evangelischen Landeskirche in Baden, Ulrich Fischer. Anschließend sei eine Ansprache des Ministerpräsidenten geplant. Das Bistum hat zudem auf seiner Homepage ein Trauer- und Gebetsforum eingerichtet. Auch auf der Internetseite der Stadt Titisee-Neustadt wird den Trauernden ein virtuelles Kondolenzbuch bereitgestellt, betonte Bürgermeister Armin Hinterseeh.

Auch der Papst trauert mit den Menschen im Hochschwarzwald: Vatikan-Staatssekretär Tarcisio Kardinal Bertone hat im Namen von Papst Benedikt XVI. ein Beileidstelegramm an Erzbischof Zollitsch geschickt: »Mit Betroffenheit hat der Heilige Vater von der Brandkatastrophe in der Behindertenwerkstatt der Caritas in Titisee-Neustadt Kenntnis erlangt.« Der Papst gedenke der bei diesem tragischen Unfall ums Leben gekommenen Menschen in seinem Gebet und bete auch für die Verletzten um Zuversicht und baldige Genesung.

Trauerbekundungen kommen zudem aus anderen Behinderteneinrichtungen im Land. Dies tut den Menschen in Titisee-Neustadt sehr gut. Dort wird allerdings noch lange nicht Alltag einkehren. Der Weihnachtsmarkt, an dem am kommenden Wochenende auch die Caritas-Behindertenwerkstatt ihre Produkte verkaufen wollte, wurde vom Veranstalter abgesagt. »Eine taktvolle Entscheidung«, findet Bürgermeister Hinterseeh. »Wir können nicht im Münster um die Opfer, die jeder gekannt hat, trauern und in der Stadt gleichzeitig Glühwein trinken.« Die Stimmung im Ort sei am Tag nach der Katastrophe »sehr, sehr bedrückt«. Die Herzlichkeit der getöteten Menschen aus der Caritas-Werkstatt werde künftig vielen fehlen.