Tafelspitzen Hier kommt die regionale Küche zu ihrem Recht
Michael Gerster, 04.07.2012 14:51 UhrStuttgart - Das Konzept überzeugt. Regionale Frischeküche, eine kleine Karte, der Verzicht auf Geschmacksverstärker. „Wir geben gutem Essen recht“, prangt in dicken Lettern an der Wand des wunderhübschen Ecklokals. Die Einrichtung ist puristisch, kleine schwarze Tische kontrastieren mit weißen Wänden und roten Teelichtern.
Die Speisekammer West unweit des Rosenbergplatzes scheint wie gemacht für das bunte Völkchen dieses Stadtteils. Dorit Münzer-Bock, die viele Jahre die Theaterhaus-Gastronomie geleitet hat, erfüllte sich mit dem Lokal einen Traum. „Wir wollten wieder so kochen, wie man es früher gemacht hat“, sagt sie. Und will damit auch ein Zeichen setzen gegen den Trend in den Supermärkten, immer mehr Fertiggerichte anzubieten. Seit April hat die Speisekammer geöffnet. Und schon jetzt sind auch unter der Woche die Tische gut besetzt.
Die Karte ist unterteilt in die Bereiche Mittagstisch, Abendgerichte und Speisen der Saison. Diese werden alle paar Wochen ausgetauscht – je nachdem, was Markt und regionale Zulieferer wie beispielsweise der Hofladen in Weil im Schönbuch bieten. „In den nächsten Wochen werden wir Pfifferlinge auf die Karte nehmen“, kündigt Dorit Münzer-Bock an. Das klingt alles sehr vielversprechend, die Erwartungen an die Küche beim Besuch sind entsprechend groß. Doch sie werden, um es vorwegzunehmen, nicht immer erfüllt. Den Auftakt macht ein Gemüsesalat mit Schönbuchlinsen und angemachtem Ziegenfrischkäse. Der entpuppt sich als eher langweilig. Den noch bissfesten Brokkoli-, Karotten- und sonstigen Gemüsestücken fehlt eine Marinade oder Vinaigrette, die Linsen sind kaum mehr als Deko.
Fast auf jedem zweiten Teller, der aus der Küche kommt, liegt eine in Zitronenbutter gebratene Forelle aus Oberkochener Zucht mit neuen Kartoffeln. Die ist zu Recht der Renner in der Speisekammer. Die Frische schmeckt man, der Fisch ist zart und saftig. Enttäuschend ist der Zwiebelrostbraten mit Spätzle. Das Fleisch erfordert den verstärkten Einsatz der Kaumuskeln, die Spätzle sind so gleichförmig und bleich, dass der Verdacht aufkommt, sie könnten aus der Packung stammen. „Die machen wir mit der Presse selbst“, betont Dorit Münzer-Bock. Versöhnlich stimmt das Dessert. Am Erdbeersalat aus kleinen, geschmacksintensiven Früchten samt Holunderblüteneis gibt es rein gar nichts auszusetzen.
Etwas Luft nach oben ist an diesem Abend beim Service. Während die Chefin sich äußerst zuvorkommend um die Gäste kümmert, fehlt es bei den Mitarbeitern ein wenig an Aufmerksamkeit. Ein leeres Weinglas wird mehrmals ignoriert, der Wunsch nach einem Dessert muss ebenfalls selbst geäußert werden. Die Speisekammer West hat das Zeug zum absoluten Publikumsliebling. Mehr Kreativität und Sorgfalt auf dem Weg dorthin würden jedoch nicht schaden.
Adresse: Speisekammer West, Rosenbergstraße 89, Telefon 07 11 / 93 59 06 22.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 11.30 bis 14.30 Uhr und 18 bis 23 Uhr, Samstag 17 bis 23 Uhr, Sonntag 10 bis 14 Uhr
Extras: am Sonntag Frühstücksbüfett, Außenbereich mit etwa 20 Plätzen
Anfahrt: Vom Parkhaus Moltke-Areal sind es rund fünf Minuten zu Fuß, von der Stadtbahnhaltestelle Schwab-/Bebelstraße ebenfalls.




