Syrische Luftabwehr Abschuss von Militärflugzeug wird zum Fall für die Nato
dpa, 24.06.2012 16:13 Uhr
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Ankara - Der Abschuss eines türkischen Militärflugzeuges durch Syrien hat das seit Monaten angespannte Verhältnis zwischen beiden Ländern weiter belastet. Der Zwischenfall beschäftigt am Dienstag auch den Nato-Rat. Das Nato-Mitglied Türkei warf dem syrischen Militär vor, es habe die Maschine am Freitag ohne jede Vorwarnung über internationalen Gewässern abgeschossen. Syrien rechtfertigte sein Vorgehen als "souveräne Verteidigungshandlung", weil der Militärjet in den Luftraum des Landes eingedrungen sei. Eine Entschuldigung lehnte die Regierung in Damaskus ab.
Das von Syrien abgeschossene türkische Kampfflugzeug war nach Aussage der Regierung in Ankara nicht in einem Einsatz gegen das Nachbarland. Vielmehr sei die Maschine auf einem Übungsflug gewesen, sagte Außenminister Ahmet Davutoglu dem staatlichen TV-Sender TRT Haber News. Die Maschine sollte nach diesen Aussagen die Radar- und Verteidigungssysteme der Türkei testen. Es habe keine Operation gegen Syrien gegeben. Das Flugzeug sei nicht bewaffnet gewesen, versicherte Davutoglu.
Der Abschuss eines türkischen Kampfflugzeugs durch die syrische Luftabwehr über der levantinischen Mittelmeerküste traf den türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan zu einem ungelegen Zeitpunkt. Während der Generalstab mit Außenminister Ahmet Davutoglu in Dauersitzungen über die Lage beriet, ruhte sich Erdogan am Samstag von der strapaziösen Rückreise vom Rio+20-Gipfel in Brasilien aus. Aber vielleicht sollte seine merkwürdige Absenz am Tag danach auch nur signalisieren: Die Türkei hängt die Affäre nicht so hoch und will kein Öl in schwelendes Feuer gießen. Denn das Verhältnis der Türkei zu Syrien ist längst nicht mehr ungetrübt. Seitdem der syrische Präsident im Frühjahr 2011 damit begann, die damals noch friedlichen Proteste gegen sein Regime niederzukartätschen, hat sich sein erklärter „Freund“ Erdogan zunehmend von ihm entfremdet.
Vorwurf: Ankara versorgt syrische Aufständische mit Waffen
Heute äußert Damaskus böse Vorwürfe: Ankara versorge die inzwischen bewaffneten syrischen Aufständischen mit Geld und Waffen. Die Türkei pflegt das zu dementieren. Tatsächlich kommen Geld und Waffen für den Widerstand gegen Assad vor allem aus den arabischen Golfstaaten. Doch es ist ein offenes Geheimnis, dass diese Unterstützung auch über türkisches Gebiet fließt. Die „New York Times“ berichtete kürzlich, dass CIA-Agenten im südanatolischen Grenzgebiet zu Syrien darüber wachen würden, dass die Waffen für den syrischen Aufstand nicht an islamistische Extremisten geraten. Ankara pocht auf rein humanitäre Motive. Mit der Aufnahme syrischer Bürgerkriegsflüchtlinge nehme es ohnehin Belastungen in Kauf. 17.000 sind es nach offiziellen Angabe, in Wirklichkeit möglicherweise doppelt so viel.
Der Abschuss des türkischen Kampfflugzeugs droht das gereizte Verhältnis zusätzlich gefährlich zu belasten. Umso zurückhaltender waren die ersten Reaktionen der Türkei. Präsident Abdullah Gül räumte sogar ein, dass die Militärmaschine - eine alte F4-Phantom - den syrischen Luftraum verletzt haben könnte. Die Zusatzbemerkung, dass so etwas bei schnell fliegenden Fluggeräten „routinemäßig“ vorkomme, mag auch einer gewissen Gesichtswahrung dienen.
Auch EU-Minister Egemen Bagis wiegelte ab: „Lasst uns ein wenig Geduld bewahren und die Untersuchungen abwarten“, sagte er. Die besonnenen Reaktionen kontrastieren zu der gewissen Heißblütigkeit, zu der türkische Politiker in außenpolitischen Angelegenheiten neigen. Erdogans spektakulärer Zusammenstoß mit dem israelischen Präsidenten Schimon Peres beim Davoser Gipfel 2009 wegen Israels Gaza-Krieg fällt da ebenso hinein wie die Muskelspiele mit der EU im Zusammenhang mit Zypern.
Deserteuren droht der Tod
Doch im Bereich des Militärischen hat das türkische Establishment über die letzten zwei Jahrzehnte Konfrontationen strikt vermieden. Dabei ist eine Luftraumverletzung per se kein Abschussgrund, auch wenn ein syrischer Militärsprecher dies in der Nacht zum Samstag so darstellte. Die Motivlage in der durchmilitarisierten Diktatur Assads ist schwer zu durchblicken. Wollte man durch einen Kraftakt von der eigenen Misere ablenken? Wollte man dem „untreuen Freund“ Türkei eins auswischen? Der wahre Grund könnte ein viel prosaischerer sein. Einen Tag zuvor war ein syrischer Militärpilot mit seiner MiG-21 nach Jordanien desertiert. Im Assad-Regime dürfte das für Enttäuschung und Zorn gesorgt haben.
In den Fliegerhorsten könnten die Nerven blank liegen. Deserteuren droht der Tod. Ein ehemaliger syrischer Militär, der heute in Beirut lebt, will über konkrete Informationen verfügen, dass die Flak-Schützen die türkischen Phantom vom Himmel holten, weil sie glaubten, dass sich erneut einer der Ihrigen davonmachen wollte. Dann wäre der Verlust des türkischen Flugzeugs kein feindlicher Akt, sondern ein „Kollateralschaden“ der Spannungen im syrischen Militärapparat gewesen.




