Von Jens Sikeler

Sulz-Glatt. Das Glatter Rathaus hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Badhaus war es schon, dann Wirtshaus, schließlich Rathaus. Nur eines war es schon immer: der Mittelpunkt des dörflichen Lebens.

Fotostrecke2 Fotos

Zwei Männer wissen darüber besser Bescheid als wahrscheinlich jeder andere in Glatt: Wilhelm Umbrecht ist einer der Hüter des Glatter Archivs. Der andere, Helmut Fleiner, ist schon seit langen Jahren Ortsvorsteher. An einem Samstagmorgen haben sie sich Zeit genommen, um die Geschichte des Gebäudes zu erklären.

Erst ein Brand am 7. Februar 1911 machte das Gasthaus zum Rathaus. Das frühere Rathaus stand in der Nähe des Kriegerdenkmals. Es war 1770 noch unter der Herrschaft des Kloster Muri erbaut worden. Beim Brand sei es dann aber so stark beschädigt worden, dass man auf den Wiederaufbau verzichtete, so Umbrecht. Bereits am 1. Oktober kaufte die Gemeinde dann das Gasthaus "Zum Bad", das heutige Rathaus.

Wann das Rathaus erbaut wurde? Da schauen sie sich beiden etwas ratlos an. Umbrecht hat sich zwar durch viele Akte gelesen, aber keine verriet das Erbauungsdatum des Gebäudes. Die Wahl dürfte auch deshalb auf das Gebäude gefallen sein, weil es so groß ist und damals auch noch diverse Nebengebäude umfasste. Die brauchte man auch. Denn das Rathaus war damals, da sind sich die beiden einig, wahrscheinlich noch mehr als heute das der Mittelpunkt des dörflichen Lebens. Die Gemeinde hatte zwar schon 1905 das Schulhaus, in dem sich heute der Kindergarten befindet, bauen lassen. Trotzdem wurden einige Schüler immer noch im Rathaus unterrichtet. In den Kindergarten im Rathaus sind Fleiner und Umbrecht noch selbst gegangen. Ganz wichtig für die Kommunikation im Ort war der Backofen. Es dauerte bis in 60er-Jahre bis ein Kühlschrank zur normalen Ausstattung eines Haushaltes gehörte.

Bis dahin brachten die Glatter verderbliche Lebensmittel in den Kühlraum im Rathaus. Selbst das Getreide wurde in einem Nebengebäude gebeizt, um es vor Schädlingen zu schützen.

Heute haben im Rathaus die Ortschaftsverwaltung, das Informationsbüro für die Touristen, das Archiv, die DRK-Bereitschaft Nord und der Musikverein ihre Heimat gefunden. Für Fleiner ist das Rathaus zunächst einmal Arbeitsplatz. Einen, den er mag, wie er anfügt. Er verweist dabei auf sein vor drei Jahren renoviertes Amtszimmer. Groß seien die Räume und freundlich, so der Ortsvorsteher. Und im Sommer bleibe es wegen der dicken Räume schön kühl. Fast hätte Fleiner allerdings umziehen müssen. Als noch nicht klar war, was aus dem Wasserschloss werden soll, gab es Überlegungen das Rathaus zu verkaufen und die Ortschaftsverwaltung im Schloss einzuquartieren. "Da hat man sich schon gewehrt", erinnert sich der Glatter Ortsvorsteher. So ein markantes Gebäude im Ort habe nicht verkauft werden dürfen.