
Von Marzell Steinmetz
Sulz. Die Sulzer Narrenzunft ist zu einem Zeitpunkt gegründet worden, als in den Nachbarstädten die Fasnet bereits organisiert war. Die Gründungsversammlung fand am 26. Januar 1937 im "Hecht" statt. Die Narrenzunft kann also 2012 ihr 75-jähriges Bestehen feiern.
Fasnet kennt man in Sulz aber schon seit 1880. Sie spielte sich hauptsächlich in Sälen und Lokalen ab, während die Straßenfasnet nicht üblich war. Das änderte sich nach der Gründung: Karl Albert Ziegler, der viele Jahre lang bei der Narrenzunft verantwortliche Funktionen hatte, nahm als Kind an den Umzügen 1938 und 1939 teil. Die Elferräte trugen damals schwarze Anzüge, hatten eine Karnevalsmütze aufgesetzt und eine Stange mit einem Narrenkopf in der Hand. Was dieser Stock zu bedeuten hatte, weiß er allerdings nicht mehr.
Als Fünf- und Sechsjähriger lief Ziegler bei den Vorkriegsumzügen im Bajass-Kostüm mit. Es gab auch schon einige Maskierte: Die Hexen, zwölf an der Zahl, waren von Anfang an mit dabei. Unter den Masken steckten ausschließlich Männer. Es blieb bis heute ein ungeschriebenes Gesetz in Sulz, dass das Hexenkleid für Frauen tabu ist.
Vier Narros gehörten ebenfalls mit zu den ersten Umzugsteilnehmern: Die Masken und Kleidle befanden sich im Privatbesitz. Auch der Polizeischantle schritt würdevoll im Umzug mit.
Als die Narretei in Sulz Fuß zu fassen begann, unterschied man noch nicht zwischen Karneval und schwäbisch-alemannischer Fasnet. Es wurde erst später streng darauf geachtet, dass keine Vermischung stattfand. Ob Fasnet oder Karneval: Damit war es dann schon bald wieder vorbei. Nach dem Zweiten Weltkrieg startete erst wieder 1949 ein Umzug. Die Attraktion war, wie sich Ziegler erinnert, ein Wagen mit einer nachgebildeten Kuh. Mit Hilfe einer technischen Vorrichtung hob sich deren Schwanz, und die Zuschauer wurden mit Wasser bespritzt.
Bis Mitte der 1950er-Jahre war, so Ziegler, die Fasnet in Sulz "sichtbar und spürbar". Zum Elferrat gehörten angesehene Sulzer Bürger. In der Turnhalle auf dem Wöhrd wurden prunkvolle Fasnetsbälle abgehalten. Aus der Zeit um 1950 stammen der Optimist und Pessimist, entworfen und geschnitzt von Hans Jehle. Für Ziegler sind es die wertvollsten Narrenfiguren der Sulzer Zunft. Sie stehen, so seine Erklärung, für den Zeitgeist der Nachkriegsjahre, als es aufwärts ging und die Menschen wieder fröhlich sein und feiern konnten.
Doch dann folgte der "Dornröschenschlaf": Aus dem Elferrat wurde ein siebenköpfiger Narrenrat. Die Fasnet beschränkte sich mehr oder weniger auf den Kinderumzug und auf die Bälle in den Lokalen. "Käpt’n" Rolf Schulz tat viel dafür, dass die Fasnet, die es im evangelischen Sulz durchaus schwer hatte, nicht ganz verschwand. Zwischendurch sollte aus der Narrenzunft auch mal eine Hexenzunft werden: "Das hat sich Gott sei Dank nicht durchgesetzt", sagt Karl Albert Ziegler.
Die Sulzer Narrenzunft ist 1971 neu gegründet worden. 71 Mitglieder zählte sie, bei der Feier des 50. Jubiläums waren es mehr als 500. Es ist dann auch steil nach oben gegangen, die Fasnet etablierte sich in der Stadt. Sichtbares Zeichen dafür ist der Narrenbrunnen vor der Volksbank, von einem Bildhauer aus einem sieben Tonnen schweren Findling aus dem Schwarzwald hergestellt. Die Narrenzunft, die bei ihrem Jubiläum 1987 gute Einnahmen hatte, brachte für den Brunnen 50 000 Mark selber auf. 5000 Mark spendete die Volksbank, vor deren Gebäude der Narrenbrunnen seit 1990 steht und wo zum Fasnetsausklang Optimist und Pessimist Zwiesprache halten.