Sulz a. N. Die Stille der Kartäuser hautnah und anhaltend erleben
Schwarzwälder-Bote, 29.07.2012 20:04 UhrVon Ingrid Vögele
Sulz-Bernstein. In der Reihe "Klangraum Bernstein – Kunst und Kultur für Jedermann" erlebte ein breites Publikum den 160-minütigen Dokumentarfilm "Die große Stille" des Regisseurs Philip Gröning. Er zeigt das immer gleiche Ordensleben in seiner reinsten Form im Kartäuserkloster "La Grande Chartreuse" bei Grenoble.
Im Eingangsbereich der Klosterkirche Bernstein wurde der Filmbesucher von einer Reihe warm-leuchtender Teelichter ins Innere geleitet. Nach verschiedenen Betrachtungsweisen von "Stille" ließ Michael Grüber ganz leise ein Bachpräludium auf dem Clavichord in die "Bernsteinstille" hineinklingen. Der Kreuzgang mit zum Gebet gehenden Mönchen bildete als Filmvorspann den Hintergrund dazu. Zunächst sah man das Kloster und die einzelnen Zellbauten von außen in hartem, kaltem Weiß der Winterlandschaft. Dann fiel der Blick durch eine leicht geöffnete Tür auf einen betenden Mönch. Eine Glocke schlug drei Mal. Ein kleines Licht vergrößerte sich zum "Ewigen Licht" in der Kirche, oder zum angedeuteten Holzfeuer in den Zellen. Obwohl vollkommen frei von Effektgeräuschen oder Filmmusik, bezieht sich die Stille hier auf das Schweigegelübde der Kartäuser. Die Stille war für die Zuschauer auch anders immer wieder erlebbar, so wurden beispielsweise die sich verflüchtenden Ringe des Weihwassers in der Schale still. Schlurfende Schritte, das Klappern der Holzsandalen auf Steinstufen, die metallenen Reibegeräusche einer Schere oder das Klappern der Tondeusen beim Haarescheren durchschnitten diese Stille. Alltagsgeräusche wurden bewusst wahrgenommen.
Von viel Wärme geprägt wurde die Aufnahme zweier Novizen in den Orden gezeigt. Eingeblendete Textstellen ersetzten das menschliche Wort. Worte wurden nur beim Gottesdienst gesprochen oder gesungen.
Beeindruckend waren auch die Farben: Die Außenwelt stand mit ihren harten Farben im Gegensatz zu den warmen Licht- und Holztönen im Innern. Besonders die durch Kerzenlicht erhellte Bibel im dunklen Zellenraum, über die ein betender Mönch gebeugt war, prägte sich ein. Auch im Kirchenraum hatte sich Stille ausgebreitet. Niemand rührte sich. Erst als Alltagsgeräusche des Films den Raum füllten, konnte man Bewegung in den Reihen wahrnehmen. Die Zuschauer, angetan von diesem Porträt der strengsten Gemeinschaft der katholischen Kirche, konnten eine neue Sensibilität des Hörens und Sehens mit nach Hause nehmen.


