Stuttgart - Am 6. Januar 1997 hatte Wolfgang Schuster sein OB-Zimmer im Rathaus eingeräumt, am 7. war er mit einem vollen Terminkalender ins Amt gestartet. 15 Jahre und 306 Gemeinderatssitzungen später zog der Christdemokrat vor der Vollversammlung, die er mit leichter, zuweilen fast distanzierter Hand geführt hat, Bilanz. Die Fraktionschefs dankten ihm.

Es ist kein Fall überliefert, in dem der Jurist auf dem Stuhl in der Mitte der Bürgermeisterbank je laut geworden wäre. Selbst bei Pfeifkonzerten und persönlichen Anwürfen, von denen es beim Streit um Stuttgart 21 von der Zuschauertribüne viele gab, behielt Schuster die Nerven.

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Stuttgart 21, das Bahnprojekt, bei dem Kosten und Zeitplan völlig aus dem Ruder laufen, spielte im Gemeinderat auch am Donnerstag eine Rolle. Bei der Abstimmung über die Verleihung der Ehrenbürgerwürde an Schuster, die ihn in eine Reihe mit Persönlichkeiten wie dem Amtsvorgänger Manfred Rommel oder den Bundespräsidenten Theodor Heuss stellt, gab es Gegenstimmen aus der Fraktion SÖS/Linke. Sie kamen von Gangolf Stocker, Hannes Rockenbauch und Tom Adler. Fraktionsmitglied Ulrike Küstler enthielt sich, genauso Clarissa Seitz (Grüne). Maria-Lina Kotelmann (SÖS/Linke) stimmte nicht ab. Die Ehrenbürgerwürde wird Wolfgang Schuster am 5. Januar bei der großen Verabschiedung in der Liederhalle offiziell verliehen werden.

Der Christdemokrat Schuster streifte Stuttgart 21 in seiner Abschiedsrede kurz. Er halte nichts davon, Menschen in der Bahnhofsfrage in Gut und Böse zu sortieren. Der Abschied aus dem Rathaus falle ihm schwer, bekannte der 63-Jährige, denn eine Stadt sei „nie fertig, sondern immer in Bewegung“. Er selbst will das auch bleiben, in etlichen Ehrenämtern Wissen und Ideen einbringen. Zum Beispiel im Rat für Demografischen Wandel und für Nachhaltige Entwicklung oder als Mitglied des Beirats für Kommunalpolitik der UN. Im Institut für Auslandsbeziehungen am Karlsplatz wird Schuster für seine weitere Arbeit im nächsten Jahr ein Büro beziehen.

Den Reigen der Abschiedsredner eröffnete am Donnerstag Schusters Stellvertreter, der Finanzbürgermeister Michael Föll (CDU). Die Bilanz der 16 Jahre sei glänzend, so Föll, dabei habe Schuster mit leerer Stadtkasse und 830 Millionen Euro Schulden keine einfachen Startbedingungen gehabt. Stuttgart sei nun praktisch schuldenfrei. „Wolfgang Schuster ist für die Stadt ein Glücksfall gewesen“, sagte Föll.

Silvia Fischer von den Grünen, Alexander Kotz für die CDU, Roswitha Blind für die SPD, Jürgen Zeeb (Freie Wähler) und Bernd Klingler für die FDP sowie Republikaner-Stadtrat Rolf Schlierer („Ich habe ihre klare und konsequente Haltung geschätzt“) fanden ganz überwiegend lobende Worte für Schuster. Darin stimmten auch Vertreter der Jugendgemeinderäte, die Schuster eine Skateboard-Lehrstunde schenkten, ein.

Der Fraktionsvorsitzende von SÖS/Linke bemühte dagegen einen Satz des österreichischen Dichters Ernst Jandl, um sein stets angespanntes Verhältnis zum OB zu charakterisieren: „Unsere Ansichten gehen in Freundschaft auseinander“, sagt Hannes Rockenbauch knapp.

Schuster habe sich zu Beginn seiner Amtszeit mit einem Schutzwall umgeben, ihn aber abgetragen, sagte Personalratsvorsitzender Uwe Theilen. Er lobte den Einsatz des Christdemokraten für die kommunale Selbstverwaltung. Schuster zeigte sich an der Seite seiner Frau Stefanie, mit der er drei erwachsene Kinder hat, bewegt: „Ich war lange Jahre Ministrant. Zu viel Weihrauch schwärzt den Heiligen.“

Seinem Nachfolger Fritz Kuhn (Grüne) wünschte Schuster viel Erfolg. Wenn Kuhn am 7. Januar sein Büro einräumt, wird Schuster als Alt-OB unterwegs sein. In Paris trifft er sich mit dem französischen Arbeitsminister zu einem ernsten Thema: die Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit.