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Stuttgart Rückenwind für das Kulturquartier

Nikolai B. Forstbauer, vom 10.01.2012 11:11 Uhr
Die Konrad-Adenauer-Straße von oben  Foto: Tiefbauamt
Die Konrad-Adenauer-Straße von oben Foto: Tiefbauamt
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Stuttgart - Baden-Württembergs Finanz- und Wirtschaftsminister Nils Schmid (SPD) lieferte vergangenen Donnerstag die erste gute ­Kulturnachricht des neuen Jahres. Schmid, dessen Haus die Liegenschaften des Landes verantwortet, gab grünes Licht für den Schlossplatz als zentralen Freiluftspielort des 19. Internationalen Trickfilmfestivals Stuttgart. Und auch eine nach Plänen des ­Malers und Installationskünstlers Michel Majerus entwickelte Großinstallation in Form einer Skaterrampe soll kommen – und damit die Majerus-Retrospektive im ­Kunstmuseum Stuttgart folgerichtig in den Außenraum fortsetzen.

Die Entscheidung, im Schulterschluss von Finanzministerium und Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst erzielt und verkündet, sollte indes nicht als kurzfristiger Erfolg zweier konkreter Kulturprojektanfragen gefeiert werden. Mehr Kultur im öffentlichen Raum haben Finanzminister Schmid und Kunststaatssekretär Jürgen Walter (Grüne) angekündigt. Damit könnte aus einer „verpassten Chance“, als die ­Stuttgarts vormalige Kunstmuseums­direktorin Marion Ackermann einmal den Umgang von Stadt und Land mit der Initiative Kulturquartier unserer Zeitung skizzierte, doch noch ein Zukunftsmodell werden.

Um was geht es dabei? Ein Kunstmuseum hat die Stadt Stuttgart 2005 eröffnet, kaum 500 ­Meter Luftlinie von der Staatsgalerie Stuttgart entfernt. Das Landesmuseum Württemberg im Alten Schloss, das Institut für Auslandsbeziehungen, die Bolzstraße als Stuttgarts wichtigste Kinostraße, das ­Kunstgebäude mit dem Württembergischen Kunstverein Stuttgart – alles nur wenige Gehminuten entfernt. Umgekehrt wird gar ein Geviert daraus, mit dem Kunstgebäude am Schlossplatz als geografischer Mitte – mit den Staatstheaterspielstätten und dem ­weithin einmaligen Stirling/Wilford-Ensemble (Staatsgalerie, Musikhochschule, Kammertheater, Haus der Geschichte) sowie Landesbibliothek und Stadtbibliothek als bescheiden auftretende Kraftprotze im ­unmittelbaren wie im weiteren Gegenüber.

Kritische Überprüfung des Stadtraumes

Zentral seien, so sah es Marion Ackermann 2008, „inhaltliche Fragen“, etwa „wie man im Zwischenbereich von der Staatsgalerie bis zum Kunstmuseum agiert“. Die Herausforderung sei, so Ackermann damals weiter, „dem Kulturquartier Gestalt zu geben“. Auch mit Hilfe künstlerischer Konzeptionen, wie sie nun Ackermanns Nachfolgerin im Kunstmuseum Stuttgart, Ulrike Groos, mit Michel Majerus’ „Skaterrampe“ erfolgreich erkämpft hat? Eine entsprechende Initiative hatte Ackermann im Herbst 2007 gemeinsam mit dem nun vorzeitig nach Irland wechselnden Staatsgalerie-Direktor Sean Rainbird ­gestartet. Nach einem ersten Erfolg und der Präsentation der Idee auch durch Stuttgarts Oberbürgermeister Wolfgang Schuster und Kulturbürgermeisterin Susanne Eisenmann aber war es wieder ruhig geworden in Sachen Kulturquartier.

„Durch die Realität der Nachkriegsordnung“, sagte OB Schuster im Herbst 2007 unserer Zeitung, „haben wir ganz vergessen, wie organisch sich bis 1945 die Umgebung in die Innenstadt hinein entwickelt hat.“ Die Konsequenz: „Es reicht nicht, in Baumreihen zu denken.“ Denn: „Wir haben es hier mit einem Quartier zu tun, das von der Staats­galerie bis zum Institut für Auslands­beziehungen, vom Alten Schloss bis zum Kunstmuseum und dem Kunstgebäude mit hochrangigen Kultureinrichtungen dicht besetzt ist und sich entsprechend als ­Kulturquartier fassen lässt.“

„Wir sind ganz am Anfang einer Entwicklung“, warnte Staatsgalerie-Chef ­Rainbird 2007 vor „schnellen Schritten“ – und überraschte seinerzeit mit dem Vorschlag: „Vielleicht fordert man Künstler auf, etwas wegzunehmen.“ Nichts anderes aber forderte Sean Rainbird damit als eine tatsächlich kritische Überprüfung des Stadtraumes und seiner Bezüge. Und ist diese nicht überfällig? Die von den Gegnern des Verkehrs- und ­Städtebauprojekts Stuttgart 21 so gern ­beschworene Innenstadt etwa – ist sie nicht mit ihren Dienstleistungsgroßbauten in Wirklichkeit eine gänzlich andere als die, als welche sie unermüdlich skizziert wird? Und provoziert eine solche Stadtraumbefragung in einer umfassenden Ausdehnung zwischen Stuttgarter Westen, ­Heslach, Neckartor, Bad Cannstatt, Neckarvororte und Nord­bahnhof-Areal nicht weiterführende ­Fragen? Zu Themen etwa wie ­demografischer ­Wandel, bezahlbarer Wohnraum, konzernunabhängiger Einzelhandel und Quartiersidentität?

Ja zu mehr Kunst

„Ich bin eine Verfechterin des Begriffs ­Kulturquartier, und dieses Thema sollte wirklich grundlegend angegangen werden“, sagte Marion Ackermann, heute in Düsseldorf Direktorin der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, 2008. Darin kann man ihr auch heute nur zustimmen. Mutlos bleiben Stuttgarts Rollenspiele nur zu oft – von der verschütteten „Stadt am Fluss“ bis eben hin zum Thema Kulturquartier.

Mag man aber der Kunst wirkliche Stadtentwicklungskraft zumessen? Mindestens zwei Beispiele machen Hoffnung: So verwandelte Otto Herbert Hajek 1979 anlässlich des IX. Internationalen Künstlerkongresses den Stuttgarter Schlossplatz in eine begehbare Skulptur. Noch weiter ging das 1992 von Rudi Fuchs und Veit ­Görner für die Kulturregion realisierte Skulpturenprojekt „Platzverführung“. Künstlerische Eingriffe, die gerade im Verzicht statt in der Hinzufügung lagen, führten zu einer Neubestimmung von bis ­dahin kaum als solchen erkennbaren Plätzen in Stuttgart selbst wie auch in Städten und Gemeinden der Region.

Mindestens also haben Nils Schmid und Jürgen Walter mit ihrem Ja zu mehr Kunst im öffentlichen Raum einen Anstoß gegeben, über eine „verpasste Chance“ (Marion Ackermann über das Kulturquartier) neu nachzudenken. Ein Erfolg vor allem des ­beharrlichen Werbens von Kunstmuseums-Direktorin Ulrike Groos für das ­Majerus-Projekt.

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