Stuttgart - Das große, das hohe Haus, kündet vom ­ewigen Traum jeder Kultur, ihre gesellschaftliche, kulturelle, transzendente, ­symbolische, religiöse und emotionale ­Bedeutung darzustellen, kündet auch von der Hybris der Menschen, ihrem Drang nach Überhöhung, der Darstellung von Macht, Geld, der Herrschaft über Menschen.

Historischer Rückblick

Einst waren quantitative Größe und qualitativ-inhaltliche Bedeutung von Großbauten eine untrennbare Einheit. Das Ziel waren gebaute Sinnbilder eines überzeitlichen ­Kanons. Beispiele sind im Altertum die ­Pyramiden, die Tempel, der Turmbau zu ­Babel, die grandiosen Bauten und Ruinen der Kulturen in Mittel- und Südamerika. Auch in unserem Kulturkreis gibt es im Mittelalter, in der Renaissance, im Barock, ja auch in der Gegenwart solche Beispiele. Da sind die Kathedralen, Schlösser, die Rat- und Zunfthäuser. Da ist die Eidgenössische Technische Hochschule in Zürich – und da ist der turmbegeisterte Futurismus und Expressionismus in der Kunst Anfang des 20. Jahrhunderts – bis hinein in das kritische Szenario von Fritz Langs Jahrhundertfilm „Metropolis“. Da sind in der gebauten Moderne die Ring-Siedlungen in Berlin, ist unter den Industriebauten das IG-Farben-Areal von Poelzig.

Der Anspruch

Auf die Frage nach seinen Großbauten sagte Le Corbusier einmal: „Meine Häuser sind nicht für diese Gegenwart und nicht für diese Stadt entworfen. Sie werden im nächsten Jahrhundert so gültig sein wie in diesem.“

Die Träume

Die Wüstenstaaten, Dubai, Katar, Abu Dhabi, Oman übernehmen unsere „Träume“, Sehnsüchte. Bedient von Stararchitekten wie Albert Speer, „die alles machen, ­Pläne en gros und en détail, man will eben zeigen, was man kann“, Wettbauen um den höchsten ­Büroturm, das größte Bauwerk ­aller Zeiten, die schnellste Formel-1-Rennstrecke, „am besten beides nebeneinander“.

Die Realität

In der Gegenwart verlieren die Großbauten immer mehr den Anspruch und die Einlösung übergeordneter Bedeutung. Heute, wie augenblicklich in Stuttgart, geht es meist nur noch um quantitative Größe, um geschichtete, gestapelte, zeitabhängig nützliche Nutzungen in der Höhe, um Großbauten in der Fläche mit größtmöglichem Volumen. Unsere Verwaltungs-, Banken-Hochhäuser, die großflächigen, ganze Stadtquartiere einnehmenden Bauten, es geht ausschließlich um Ökonomie, um Besetzen, um Besitz.

Neues Nachdenken

In Reutlingen fand kürzlich eine Tagung der Bundeseinrichtung Heimat und Umwelt in Deutschland – BHU, statt. Das Thema: „Klötze und Plätze. Wege zu einem neuen Bewusstsein für Großbauten der 1960er und 1970er Jahre“. Damit wird suggeriert, dass es ein „altes Bewusstsein“ gibt, die vergessenen 1960er und 1970er Jahre mit ihren Großbauten werden wieder entdeckt. Vorwiegend „fragwürdige“ Großbauten, Klötze, seien nur damals realisiert worden. Doch Geschichte, auch von Großbauten, kann nicht in getrennte Abschnitte eingeteilt werden. Geschichte ist ein kontinuierlicher Vorgang mit wechselnden Schwerpunkten und Themen, auch mit Brüchen,Verwerfungen, Sackgassen, Kehrtwenden.

Auch in Berlin wurde diskutiert. Über „Großbauten der 1960er und 1970er Jahre. Zur Zukunft unserer architektonischen ­Vergangenheit“, mit Wolfgang Pehnt und dem Schwaben Jörg Haspel, Berliner ­Landeskonservator, als Referenten. Klötze wie die Freie Universität und das Internationale Congress-Centrum – ICC standen im Mittelpunkt.

Stuttgarter Verhältnisse

Großbauten in den Innenstädten hatten schon immer ihre Eigengesetzlichkeiten. Solange sie gesellschaftlich bedingt waren und gestalterisch bewältigt wurden, wie etwa Kirchen, Rat- und Zunfthäuser, hatten sie ihre Berechtigung und wurden akzeptiert. Heute drängen jedoch in immer stärkerem Maße Bauten in die Städte, die nur groß, ­gesellschaftlich irrelevant, gestalterisch ­unbefriedigend sind, Shopping-Center, Logistikzentralen, Großverwaltungen.

Auch unsere Stadt wird von dieser Welle heimgesucht. Ganze Stadtquartiere werden von ihrer kleinteiligen Bebauung „befreit“, Bestehendes wird meist restlos abgeräumt. Die „befreiten“ Großflächen werden mit monofunktionalen, namenlosen, banalen, raum- und stadtvernichtenden Großbauten besetzt. Deren Standorte sind nicht unter städtebaulichen Gesichtspunkten fest­gelegt, sondern nach deren Verfügbarkeit, ihrer Ökonomisierbarkeit. Beispiele sind das Areal A 1 beim Hauptbahnhof mit den Groß­verwaltungen der Landesbank Baden-Württemberg, mit der Stadtbibliothek und den Pariser Höfen, dazu das Milaneo an der Wolframstraße.

Mehr noch gibt es – das City Gate, das Gerber, das Caleido, der schnieke Ersatz der Gemeindeversicherung, das ­Pauline, das Dorotheen-/Karls-Quartier.

Für Stuttgart wichtig sind zudem die­ ­beherrschenden Infrastrukturen, allen voran die Verkehrssysteme mit ihren die ganze Stadt über­ziehenden, sich verselbstständigenden ­­Hoch­bauten, Rampen, Unter- und Überführungen.

Die Folgen

Die maßstäbliche, kleinteilige, feinkörnige, durch Parzellen gegliederte Stadt, die wie ein Lesebuch mit vielen Wörtern und Buchstaben unterschiedlicher Bedeutung gelesen werden konnte, wird abgelöst durch die ­Allerweltsstadt, die nur noch aus wenigen Wörtern, deren Alphabet nur noch aus wenigen Buchstaben besteht. Eine Verarmung sondergleichen findet statt, zu sprechen ist von einem Analphabetismus.

Die so perforierte Stadt besteht in Zukunft nur noch aus Besetzungen mit fragwürdigen, stummen, zu großen und stadtfeindlichen Nutzungen, oder aus großen Löchern, Flächen des Verkehrs, aus Brachen. Im Grundbuch benötigte früher ein Quartier für die Eintragungen der Parzellen, der Besitzer mehrere Seiten. Heute genügen wenige Zeilen. Es hat sich offensichtlich noch nicht überall, auch nicht in Stuttgart, herumgesprochen, dass der „alte Bauhaustraum von der Stunde null“, die Welt, die Stadt, das Quartier immer wieder neu zu erfinden, in Großformen neu zu bebauen, längst ausgeträumt ist.

Möglichkeiten

Ästhetik, Funktion, Materialität, Konstruktion, geschichtlicher und gesellschaftlicher Kontext, die die berechtigten Großbauten der historischen Jahrhunderte auszeichneten, bilden nicht mehr die zentralen Aspekte einer Entwicklung, einer Debatte, die auch auf die Frage nach dem identitätsstiftenden Potenzial der Bauwerke eingehen müsste. „Eine Zukunft für unsere Vergangenheit“ verlangte 1975 der Europarat. Die Forderung, die damals wie heute Gültigkeit haben sollte, heißt, dass gebaute Gegenwart stets Gewachsenes transportieren soll. Die Mehrzahl des Gebauten erfüllt nicht erst seit den 1960er Jahren diese ­Ansprüche nicht.

Wir Menschen benötigen Dinge, Räume, die Aussagen besitzen, die zur Deutung auffordern. In unserer Zeit wird es immer schwieriger, Wege zur Welt, zu einer sinnstiftenden Bedeutung der Dinge, unserer Erfahrung der Welt zu finden. Ein Leben in der Welt wird immer unerträglicher, wenn die Welt, die Stadt nicht mehr spricht, keine Bedeutung mehr hat, die Welt uns nichts mehr zu deuten aufgibt. Wolf Jobst Siedler hält uns den Spiegel vor: „Der Städtebau“, schreibt er, „ist stets der Vollzugsbeamte der Epochenstimmung. Allerdings bleibt fraglich, ob die Irrtümer der Politiker und Planer, die die Vollzugsbeamten der Epochenstimmung sind, nicht die Wahrheiten des Zeitgeistes sind.“ Es ist ja nicht nur die Stimmung einer Epoche oder gar die Ästhetik, die über das Lebensrecht einer Sache entscheidet, sondern auch die Stimmung vor Ort, die Botschaft der Stadt.

Enttäuschung und Hoffnung

Die Botschaft der Stadt Stuttgart ist sehr bescheiden. Die Stadtverwaltung, die Stadt-planung setzt die Vergangenheit fort, das „Denken“ in Einzelparzellen, in namenlosen Solitären. Das eindimensionale Verkehrswegenetz „Innenstadt 1982“ ist immer noch Grundlage der Verkehrsplanung, der „öffentliche Raum“ degeneriert so zum Immobilien-, zum Verkehrsabfall. An dieser fragwürdigen Entwicklung sind wir Architekten maßgeblich beteiligt. Wir müssen ja, im Gegensatz zu anderen Berufen, mit dem, was wir dachten und machten, mit unseren Produkten leben, lange nach ihrem Entstehen. Damit sind unsere Verantwortungen angesprochen. Sie werden jedoch selten wahrgenommen. Diese können wir nicht auf andere abschieben oder wie andere Berufe in Archiven ablegen. Dann helfen keine Texte mehr.