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Stadtentwicklung Die Konsequenz der Inkonsequenz

Roland Ostertag, vom 27.01.2012 14:52 Uhr
Stuttgart-Lithografie von  Wagner/Federer 1852 mit dem Baufeld Tiefbahnhof Stuttgart Foto: Montage/ro
Stuttgart-Lithografie von Wagner/Federer 1852 mit dem Baufeld Tiefbahnhof Stuttgart Foto: Montage/ro

Stuttgart - Als in Stuttgart in den Jahren 1972/73 unter dem Schillerplatz die Tiefgarage gebaut wurde, wurden die jahrhundertealten Schichten der Geschichte Stuttgarts angeschnitten, wurden sichtbar. Obwohl auf­gefordert diese Funde zu sichern, zu unter­suchen und angemessen in die Baumaßnahme einzubeziehen, wurden diese archäologischen Bodenschätze weder untersucht noch wissenschaftlich ­do­kumentiert. Sie wurden wie in Stuttgart üblich entsorgt.

Höchstwahrscheinlich würden ähnliche Funde in der Baugrube für den im Rahmen des Verkehrs- und Städtebauprojekts ­Stuttgart 21 geplanten Tiefbahnhof gemacht werden, denn der Planungsverlauf durchschneidet ebenfalls sämtliche Schichten der Geschichte Stuttgarts: Das nordöstliche ­Ende des großen Lustgartens des 16. und 17. Jahrhunderts, den barocken Herrschafts­garten der Mitte des 18. Jahrhunderts, den klassizistischen Park des frühen 19. ­Jahrhunderts, den im Sinne des englischen Landschaftsgarten überformten Park des späten 19. Jahrhunderts.

Um all dessen gewahr zu werden, hätte man unabhängig von den Planungen des Tiefbahnhofs längst und durchaus schon im 19. Jahrhundert Überlegungen anstellen ­können und müssen, wie im Gründungs­bereich der Stadt Grabungen nach Bodenschätzen aus den vergangenen Jahrhunderten angestellt werden können. Man hatte Zeit. Doch nichts geschah. Es fehlte am ­Willen und an der ­Neugier.

Tatsächlich dürfte man nicht etwa keltische, germanische oder römische Schätze wie in Böden der einstigen Römersiedlung und des heutigen größten Stuttgarter Stadtteils Bad Cannstatt erwarten. Denn in der klimatisch fragwürdigen und sumpfigen Talaue konnten und wollten Menschen sich nicht niederlassen. Auf den Höhen, vor allem dem ­Birkenkopf, fand man Pfeilspitzen und ­Gerätschaften aus der Steinzeit, Funde aus der Bronzezeit. Und Cannstatt wurde schon sehr früh „Drehscheibe des Landes“, deshalb dort eine Fülle von Funden, nicht nur aus der Römerzeit. Die Schichten im Planungs­bereich des Tiefbahnhofs bergen jedoch stadthistorische Schichten im besten Sinn – konzentriert auf die Keimzelle Stuttgarts als Residenzstadt.

Umso dringender hätte man seit dem ­Planungsbeginn für das Verkehrs- und Städtebauprojekt ­Stuttgart–Ulm im Jahr 1994 entsprechende Untersuchungen im Bereich Hauptbahnhof durchführen müssen. Sträflich, unverzeihbar, dass dies in den vergangenen zwölf Jahren nicht geschah. Wieder nicht, muss man gleichwohl mit Blick auf ­frühere Versäumnisse sagen. Auch oder erst recht nach der für das Bahnprojekt positiven ­Volksabstimmung und den jüngsten Rahmenentscheidungen auch des Eisenbahn-Bundesamts darf es für eine ­entsprechende Diskussion und die notwendigen Folgerungen nicht zu spät sein. Klar und sachlich begründet muss man eine ­qualifizierte Untersuchung der ­Bodenschichten im Planungsbereich Tiefbahnhof fordern.

Der Hinweis, die Projektträger – das Land Baden-Württemberg, die Stadt Stuttgart, der Verband Region Stuttgart und die Deutsche Bahn – zeigten hier ­bisher kein Interesse, greift zu kurz. Und schon gar nicht ist das Versäumnis mit dem stereotyp wiederholten Hinweis zu entschuldigen, die Bahn, nicht die Stadt oder das Land sei der Bauherr. Nein, Stadt und Land seien kulturelle Sachwalter und überlassen mit ­solchem Verhalten der Deutschen Bahn, die doch einzig bahnverkehrliche Belange zu ­berücksichtigen hat, eine Kernfläche untergründiger historischer Stadtschichten zur freien Verfügung. Die Stadt aber müsste doch tiefstes ­Interesse ­daran ­haben, die letzte Chance wahrzunehmen über ihre bescheidene Vergangenheit mehr zu ­erfahren, die weitere Auslöschung archäologischer Schichten nicht zu wiederholen. Bleibt die Denkmalbehörde inaktiv, vernachlässigt sie zum wiederholten Male ihre kulturelle Aufgabe. Die ­Folge des Nichtstuns – und Konsequenz der Stuttgarter ­In­konsequenz – ist der Verlust der spür- und sichtbaren historischen Verortung. Der ­Mitt­lere und Obere Schlossgarten bildete die Keimzelle unserer Stadt, Stutengarten. Dort sind sieben Schichten der Geschichte aufeinandergeschichtet. Von der Auenlandschaft über die Lust­gärten der Renaissance, des Barock, des ­Klassizismus, des ­englischen Landschaftsparks bis hin zu den Gartenschauen. Ein ­Blütenstrauß unterschiedlichster Park-und Gartenanlagen, ein aufgeschlagenes Buch der Gartenhistorie.

Jede dieser Schichten hat Stuttgart-typische Spuren hinterlassen. Die großen Platanen und Kastanien stehen überlegt, exakt an ihrem von ihrer räumlichen Funktion ­de­fi­nierten Standort, waren konstituierendes Element einer der Schichten der historischen Parkanlagen, vor allem des Klassizismus der Planung des königlichen Hofbaumeisters ­Nikolaus Friedrich von Thouret, die im 19. Jahrhundert realisiert wurde.

Über Jahrtausende, von Imperator ­Au­gus­tus bis heute, interessiert vor allem das ­­Mess-, Be- und Verrechenbare. Das, was sich in ­Zahlen ausdrücken lässt. An bloßer Zählgeschichte aber gehen die Städte, gehen ihr Charakter und ihre Individualität zugrunde.

Unser Autor Roland Ostertag lebt und arbeitet als Architekt in Stuttgart.
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