Stadtbahn Das Ende der Kulanz für Schwarzfahrer
Eva Funke, 13.04.2012 11:17 Uhr
Wer sein Ticket entwertet, hat kein Problem. Für Schwarzfahrer allerdings gibt es künftig keine Kulanz mehr. Sie müssen schon beim ersten Vergehen das volle Bußgeld bezahlen.Foto: dpa
Stuttgart - Rund 14 Millionen Euro gingen dem Verkehrs- und Tarifverbund Stuttgart (VVS) nach dessen eigener Auskunft im vergangenen Jahr durch Schwarzfahrer verloren. Zu dem Personenkreis, der den öffentlichen Nahverkehr in Stuttgart und der Region durch Schwarzfahren schädigt, zählt sich die 55-jährige Studienrätin nicht – obwohl sie ohne gültigen Fahrausweis in der Stadtbahn erwischt wurde. „Ich war von Botnang in den Stuttgarter Osten unterwegs und habe statt des Zwei-Zonen- ein Ein-Zonen-Ticket aus dem Geldbeutel genommen und entwertet. Das war ein Versehen, und zwar das einzige nach vielen Hundert Fahrten“, versichert sie.
Der Fahrausweisprüfer wies die Stuttgarterin auf die Kulanzregel hin, nach der sogenannte Ersttäter beim SSB-Kundenzentrum mit 10 statt 40 Euro Strafgeld davonkommen, falls sie nicht als Wiederholungstäter im Computer gespeichert sind. „Beim Kundenzentrum hieß es, ich müsse mich ans sogenannte Forderungsmanagement der SSB wenden. Dort teilte man mir mit, dass es die Kulanzregelung nicht mehr gibt“, sagt die Gymnasiallehrerin und ärgert sich sowohl über die 40 Euro Strafe wie auch darüber, dass weder der Fahrausweisprüfer noch das Personal im Kundenzentrum über die Abschaffung der Kulanzregel Bescheid wussten, denn das habe sie viel Zeit gekostet.
„Wir informieren unsere Mitarbeiter über Neuerungen und können uns für die Panne nur entschuldigen“, sagt SSB-Sprecherin Schupp und bestätigt, dass der bisherige Anspruch auf Kulanz zum Januar gestrichen wurde. Nur in wenigen Einzelfällen seien bei schriftlicher Darlegung der Gründe fürs Schwarzfahren die 40 Euro nicht in voller Höhe fällig. „Wir wollen im Verkehrsverbund Stuttgart eine einheitliche Regelung haben und alle Fahrgäste gleich behandeln. Außerdem sind wir darauf angewiesen, dass jeder seine Fahrten bezahlt“, begründet Schupp das Ende der Kulanz und weist darauf hin, dass die SSB im Verkehr- und Tarifverbund Stuttgart und sogar bundesweit das einzige Unternehmen mit einer Kulanzregelung waren. Wie viele Personen die Kulanzregel pro Jahr in Anspruch genommen haben, ist nicht erfasst, da dies für die SSB „nicht von Interesse“ sei.
Pro Jahr 100.000 Schwarzfahrer
Mangelnde Kulanz wirft auch die Mutter einer zwölfjährigen Schülerin der SSB vor. „Das Kind durfte erst eine Haltestelle später aussteigen, weil eine Kontrolleurin ihre Adresse aufgenommen hat“, sagt die Mutter. Der Fehler war, dass auf dem Schülerausweis des Mädchens noch nicht die neue Monatswertmarke klebte, die allerdings zu Hause lag und schon bezahlt war. „Die Schülerabos des Vormonats sind auch am ersten Werktag des neuen Monats gültig – allerdings nur bis 12 Uhr. Meine Tochter hatte das Pech, dass sie nach 12 Uhr kontrolliert wurde“, empört sich die Mutter, deren Kind in Tränen aufgelöst nach Hause gekommen sei. Strafe musste das Mädchen beziehungsweise deren Eltern nicht bezahlen. „Aber da fehlt doch das Augenmaß“, meint die Mutter.
Sprecherin Schupp bestätigt den Vorfall, sagt aber auch, dass das Mädchen eine kostenlose Fahrkarte für die Fahrt zurück bekommen habe. „Die Adresse wurde aufgenommen, weil wir die Eltern anschreiben, damit sie darauf achten, dass die Monatsmarke künftig auf dem Ausweis klebt.“
Bei Kontrollen werden in den Bussen und Bahnen der SSB pro Jahr etwa um die 100.000 Personen ohne gültigen Fahrausweis erwischt. Allein bei den fünf Querschnittkontrollen im vergangenen Jahr, bei denen insgesamt 28.000 Personen kontrolliert worden sind, besaßen 1450 Personen keinen gültigen Fahrausweis. Das sind rund fünf Prozent der Fahrgäste. Der VVS schätzt, dass etwa drei Prozent der Nutzer des öffentlichen Personennahverkehrs in der Region Stuttgart schwarz unterwegs sind. Wer dreimal innerhalb von drei Jahren ohne gültigen Fahrausweis erwischt wird, wird angezeigt.




